Teil 4 – „Das Ende der Geschichte“

Von vielen wird Putin als der neue Hitler bezeichnet. Allein der Vergleich erhitzt besonders in Deutschland die Gemüter.
Das Ende der Geschichte?
Der Journalist Timofei Sergeitsev spricht in seinem Manifest „Was Russland in Bezug auf die Ukraine tun sollte“ von einer „gerechten Bestrafung“ die nur durch das „Erleiden der unvermeidlichen Härte eines gerechten Krieges“ möglich sei. „Diejenigen, die nicht mit der Todesstrafe oder einer Gefängnisstrafe belegt werden“, sollen, so Sergeitsev weiter, „als Strafe für ihre Nazi-Aktivitäten am Wiederaufbau der zerstörten Infrastruktur arbeiten.“ Weiter schreibt er, dass der Name Ukraine „offensichtlich nicht als Name eines vollständig entnazifizierten Staatsgebildes auf dem vom Naziregime befreiten Gebiet beibehalten werden“ könne. „Die Entnazifizierung ist zwangsläufig auch eine Entukrainisierung“. Den Höhepunkt dieser unglaublichen Worte (die den Brandreden des Nationalsozialismus gleichen) schafft Sergeitsev mit den ungekürzten Worten: „Die Eliten-Bande muss liquidiert werden, ihre Umerziehung ist unmöglich. Der gesellschaftliche Sumpf, der sie aktiv und passiv unterstützt, muss die Härten des Krieges durchmachen und die Erfahrung als historische Lektion und Sühne verdauen.“
Der totale Krieg. Verdauen kann man, solch brutale Worte, solch einen gnadenlosen Hass kaum. Es gelänge vielleicht noch dies abzutun, wenn es nur die Meinung eines einzelnen russischen Journalisten wäre. Der Beitrag ist aber der Vorbote eines neuen Duktus und wurde von der staatlichen russischen Nachrichtenagentur RIA am Sonntag, dem 03.04.2022 veröffentlicht. Kurz nachdem die Bilder von Butscha publik wurden.
30 Jahre früher, veröffentlichte der Politikwissenschaftler Yoshihiro Francis Fukuyama ein Werk unter einem Namen, der viel Aufsehen erregte. Die Ironie bei diesem Titel ist nämlich, dass es sich bei dem gleichnamigen Werk keineswegs um eine Endzeitdystopie handelt, sondern dass das „Ende der Geschichte“ als positiv konnotiert wird – zumindest aus westlicher Perspektive. Der Endzustand der menschlichen, politischen Entwicklung sei schließlich, so Fukuyama, mit dem liberal-kapitalistischen System erreicht. Gemeint ist damit, dass sich das westliche Modell aus Demokratie, Kapitalismus, Gewaltenteilung und Rechtsstaat als optimales Modell soweit durchgesetzt hat, dass ein Zurück nicht mehr möglich ist und etwas Neues, besseres nicht mehr kommen wird.
Noch ironischer wird es aber, dass durch die Situation in Europa (Ukraine) und der Welt (China) eher das Ende des Endes der Geschichte eingeläutet wird, weil im Gegensatz das westliche System auf dem Rückzug ist und die Diktaturen und Autokratien weltweit zunehmen. Und gleichzeitig das echte Ende der menschlichen Geschichte durch einen möglichen Atom- oder 3. Weltkrieg immer wieder kolportiert und allein dadurch in unserer Gedankenwelt vom Undenkbaren zur realen Möglichkeit wird. Und dann – das ist vielleicht der Gipfel der Ironie, berief sich Francis Fukuyama in seinem Werk ausgerechnet auf den russischstämmigen Denker Kojeve, der seinerseits (sich auf Hegel beziehend) schon zu Zeiten des 2. Weltkrieges das Ende der Geschichte ausrief.
Wladimir Putin hat scheinbar weder Kojeve noch Fukuyama gelesen und selbst wenn, hat er eine völlig andere Wahrnehmung von Geschichte – und leider dazu die Macht diese auch durchzusetzen. Gewaltsam durchzusetzen. Und so könnte das Ende der Geschichte auch ganz anders aussehen, als es die beiden o.g. Vordenker vorhergesehen haben wollten – im weltweiten Siegeszug des autoritären Modells der Diktatur oder noch schlimmer im nuklearen Holocaust mit dem darauffolgenden atomaren Winter. Das wäre dann zumindest ein echtes Ende der Geschichte. Der Geschichte der Menschen zumindest.
Ähnlich wie bei Hitler durch sein Buch „Mein Kampf“ war auch die Einstellung Wladimir Putins schon lange bekannt und für jeden interessierten Bürger seit Jahren, sofern gewünscht, ebenso leicht erkennbar. Nicht nur in seinen gesprochenen Worten, wie in der einstündigen Propagandarede vom 24.02.2022 ff., sondern auch durch seine literarischen Ergüsse, nicht zuletzt in seinem Werk: „Zur historischen Einheit von Russen und Ukrainern“, das auf der Homepage des Kremls für alle bis heute abrufbar ist. Das geschichtsrevisionistische Pamphlet umspannt für die historische Begründung, warum die Ukraine heim ins Reich gehört, einen Bogen von über 1000 Jahren Geschichte. Was aber auch nichts daran zu verändern vermag, dass diese Behauptung grundfalsch ist.
Auch wenn Putins Gesinnung allein wegen seines Alters (er feiert im Oktober einen runden Geburtstag) nicht genauso weit zurückreichen kann wie seine Geschichtsklitterung, hat sich seine Ideologie in den letzten Jahrzehnten scheinbar wenig geändert – wohl aber seine Machtposition. Und mit dem Krieg gegen die Ukraine ist spätestens jetzt, im Jahr 2022, eine paradigmatische Zeitenwende, die sich freilich schon länger angedeutet hat, endgültig und für alle sichtbar und spürbar angebrochen. Doch schon vor ebenfalls knapp 30 Jahren erschien - man mag es kaum glauben - folgender Artikel in der Tageszeitung „Neues Deutschland“, als Beitrag zu einer Sendung im WDR:
Pinochet als Vorbild, St. Petersburger Politiker will Diktatur
St. Petersburg (ND). Der 2. Bürgermeister von St. Petersburg und Vorsitzender des Komitees für Außenbeziehungen der Sechs-Millionen-Stadt, hat vor deutschen Wirtschaftsvertretern deutlich gemacht, daß eine Militärdiktatur nach chilenischem Vorbild die für Rußland wünschenswerte Lösung der gegenwärtigen politischen Probleme wäre.
Dies berichtet der WDR in dem TV-Feature „Aufbruch nach Osten“ (Montag, 3. Januar 1994, WEST 3 von 21.15 bis 21.45 Uhr). Er antwortete auf Fragen von Vertretern von BASF, Dresdner Bank, Alcatel u. a., die im ehemaligen Petersburger DDR-Generalkonsulat zusammentrafen.
Dabei unterschied der Bürgermeister zwischen „notwendiger“ und „krimineller“ Gewalt. Kriminell sei politische Gewalt, wenn sie auf die Beseitigung marktwirtschaftlicher Verhältnisse abziele, „notwendig“, wenn sie private Kapitalinvestitionen befördere oder schütze. Er billige angesichts des schwierigen privatwirtschaftlichen Weges eventuelle Vorbereitungen Jelzins und des Militärs zur Herbeiführung einer Diktatur nach Pinochet-Vorbild ausdrücklich. Seine Ausführungen wurden sowohl von den deutschen Firmenvertretern als auch von dem anwesenden stellvertretenden deutschen Generalkonsul mit freundlichem Beifall aufgenommen.
Der 2. Bürgermeister von St. Petersburg war im Jahre 1993, Sie mögen es bereits geahnt haben, Wladimir Putin. Was Sie hoffentlich etwas mehr überrascht, ist der wohlwollende Applaus der deutschen Vertreter. Vielleicht aber auch nicht, denn so hatte der Artikel in beiderlei Hinsicht fast prophetischen Charakter: Die Diktatur ist seit Putins Amtsantritt als Präsident zunehmend zur Realität geworden und die deutsche Wirtschaft und Politik gerieren sich zwar vom Krieg öffentlichkeitswirksam empört, machen aber trotzdem gerne weiter Geschäfte mit dem autokratischen Regime. Bis heute!
Das große Grauen?
Carlo Masala prophezeite, dass die Zeit der stabilen Ordnungen zu Ende geht: „Wir werden nicht absehen können, was kommt. Und wenn es kommt, wird unser altes Wissen über Krieg und Frieden nicht mehr anwendbar sein.“ Er beschrieb schon vor der Flucht des Westens aus Afghanistan, dass die vorgeblich friedenstiftenden Einsätze des Westens, im Gegenteil immer zu einer Verschlimmerung der Situation geführt haben. Der Export des westlichen Modells sei gescheitert und die vom ihm geforderte Konsequenz wäre daher: „Nichteinmischung“.
Leider hat der Kremlchef, im Gegensatz zu seinem Dugin, auch seinen Masala nicht gelesen. Er widersetzt sich diesen Forderungen nach Zurückhaltung, zumindest in Bezug auf den Osten Europas, kategorisch. Man verzeihe mir die in dieser Situation sicherlich unangemessene Flapsigkeit, aber anders ist das derzeitige Grauen, das sich Tag für Tag in Worten, Bildern und Nachrichten über uns ergießt, kaum mehr ertragen. Wie muss es da erst den Menschen in Mariupol gehen, einer ehemals blühenden Stadt mit fast 500.000 Einwohnern (und damit ähnlich viele wie Nürnberg) am Asowschen Meer, die seit Beginn des Krieges ununterbrochen von schwerer Artillerie beschossen und vom Lande, der See und aus der Luft von Raketen zerbombt wurde. Keine Worte können das beschreiben und dennoch muss und möchte ich welche finden.
Denn die Bilder der zer- und verstörten Stadt (90 % der Gebäude sind betroffen) und der unendlich leidenden Menschen, darunter viele Kinder (von ehemals 460.000 Einwohnern sind 300.000 tot oder geflohen, aber 160.000 noch in der Stadt), ohne Strom, ohne Wasser, ohne Essen, ohne alles, erinnern auf jeden Fall an Grosny und Aleppo. Und wir uns, dass schon damals Genosse Putin den Großteil der Verantwortung trug. Und ebenso schon damals, (durch seine Unterstützung für seinen Diktatorkollegen Assad) unglaubliches Leid und einen gewaltigen Flüchtlingsstrom produziert hat – der wiederum Deutschland innenpolitisch und Europa als Union fast auseinandergerissen hätte.
Und nun wiederholt sich das nicht mehr ganz so weit weg, sondern mitten in Europa, zudem in noch weit größerem Ausmaß als 2014 und 2015. Doch noch steht Deutschland, steht Europa, steht der Westen und ein Großteil der Welt in großer Solidarität zusammen. Sogar die Visegrád-Staaten und Österreich, die damals keinem einzigen Syrer Asyl gewähren wollten, sichern die Aufnahme der bis zu 10 Millionen prognostizierten Flüchtenden zu.
Eine Zeitenwende
In der Ukraine, geschieht seit dem 24.02.2022 das Undenkbare: Ein brutaler Angriffskrieg, manche sagen sogar, ein Vernichtungskrieg, der kurz nach dem Ende der Olympischen Spiele in Peking, nach monatelangen Vorbereitungen (die als Manöver vorgeschoben wurden) an diesem Tag tatsächlich begann. Er terrorisiert die Bevölkerung, zerstört die Infrastruktur (bereits jetzt belaufen sich die Schätzungen der Schäden auf über eine Billion = 1.000.000.000.000 Euro), versetzt ganz Europa in Angst und Schrecken und erschüttert die gesamte Welt.
Die Friedensordnung der letzten Jahrzehnte, die auf der Einhaltung von Verträgen und dem Respekt der territorialen Souveränität der Länder beruhte, wird mit den Bomben und Raketen genauso zertrümmert wie das Land selbst. Die Ukraine ist nach über 80 Jahren wieder zum Schauplatz von blutigen Auseinandersetzungen zwischen dem Westen und dem Osten, zum „Bloodland“ geworden.
So nennt Timothy Snyder in seinem Buch: „Bloodlands“ die Territorien, die zwischen Stalins Terror, dem Holodomor und Hitlers Holocaust aufgerieben wurden und über 14 Millionen Tote zu beklagen hatten. Wie schon damals (auch der Hunger war keine natürliche Katastrophe, sondern die Folge von Zwangsmaßnahmen Stalins, um den Widerstand der Bauern zu brechen) ist allein aufgrund der Verbrechen gegen die Menschlichkeit, auch heute wieder von einem Genozid, einem Völkermord, die Rede.
Unsere Außenministerin spricht von einem „völkerrechtswidrigen Krieg“ der uns „mit einer neuen sicherheitspolitischen Wirklichkeit konfrontiert! Eine geopolitische Zäsur mit tiefgreifenden Auswirkungen auf die europäische Sicherheit. Wo Krieg die Lebensgrundlagen auslösche, kann es keine Sicherheit geben. Aber auch dort, wo die Folgen des Klimawandels, von Hunger, Armut und fehlendem Wohlstand der Menschen Leid erzwingen, gibt es keine Grundlage für sicheres Leben in Freiheit."
Der deutsche Bundespräsident hat Fehler eingestanden und „eine bittere Bilanz“ der letzten Jahrzehnte der Ostpolitik eingeräumt. In Finnland sprach er im April per Videocall zum ersten Mal mit Selenskyj und attestierte dem „mutigen Präsidenten“ einen „tapferen Kampf der Ukraine“. Lieber wäre diesem wohl gewesen, Steinmeier hätte 2008 als Außenminister und Vizekanzler nicht gemeinsam mit Merkel den NATO-Beitritt der Ukraine verhindert.
Finnlands Präsident Niinistö hat ihn nun beantragt und passend zum Besuch und dem Anliegen drangen Putins Flieger in den finnischen Luftraum ein – bestimmt wieder ein Versehen. Auch Ministerpräsidentin Marin und das Parlament ist dafür. Putin selbst bezeichnet den möglichen Eintritt als einen „Fehler“ und stoppt schonmal die Stromlieferungen. Vielleicht sind ja die 1300 km Grenze zu einem NATO-Staat doch eine noch größere Gefahr als die Ukraine? Bald ist es wahrscheinlich so weit, denn fast alle Mitglieder sind dafür und selbst Erdogan hat seine Blockadehaltung aufgegeben (nachdem ihm auf dem „Bazar“ seine Wünsche erfüllt wurden).
Die EU-Chefin Ursula von der Leyen reiste schon im April nach Kiew und verkündete: "Wir stehen an eurer Seite, wenn ihr von Europa träumt". Auch sie stellt die grundsätzlichen Fragen: „Wird die abscheuliche Verwüstung oder die Menschlichkeit siegen? Wird das Recht der Macht dominieren oder der Rechtsstaat? Wird es ständige Konflikte und Kämpfe geben oder eine Zukunft des gemeinsamen Wohlstands?" Die Ukrainer hielten die Fackel der Freiheit, so von der Leyen weiter.
Alles Worte, die zwar die Situation beschreiben und Beistand und Mitgefühl ausdrücken, aber das unglaubliche Leid der Bevölkerung, das individuelle Grauen, das die Menschen in der Ukraine erleben müssen, nicht erfassen, geschweige denn mindern, lindern oder gar verhindern können. Selenskyj fordert dann auch folgerichtig statt schönen Worten lieber Molotowcocktails, Kalaschnikows oder Stingerraketen, besser noch Panzer, Flugzeuge und eine Flugverbotszone. Damit nicht noch mehr Menschen grausam ermordet werden. Er spricht von einem Genozid, der verhindert werden muss und zieht dabei Parallelen zu vorangegangenen Völkermorden.
Über die Gräueltaten, die vor 80 Jahren geschahen, konnten schon meine Großväter nicht reden. Sie konnten es nur totschweigen – so schlimm war es. Meine Eltern wurden kurz nach dem Ende des 2. Weltkrieges geboren und litten noch unter den Kriegsfolgen, aber sonst war der Krieg für sie kein Thema mehr. Ich selbst habe bis zu diesem Jahr in relativem Frieden gelebt und mache mir nun Sorgen um die zukünftigen Generationen und um die Zukunft der Welt. Es fällt mir schwer darüber zu sprechen, was nun geschieht und auch darüber zu schreiben – und dennoch muss es geschehen.
Denn waren die Kriege der Welt in den letzten Jahrzehnten schon schlimm (besonders seit Wladimir Putin im Jahr 1999 in Russland an die Macht gekommen ist), haben die Grausamkeiten und die schiere Größe und Gewalt des Krieges gegen die Ukraine und die daraus resultierenden Auswirkungen nun eine neue Dimension angenommen. Ein souveränes Land, ein Flächenstaat mit 44 Millionen Einwohnern, wird vom großen Bruder aus dem Osten gewaltsam geschluckt. 14.000 Menschen sind seit 2014 im Donbass bereits gestorben, weit über 20.000 schon in den Tagen seit Kriegsbeginn. Wie viele werden noch ihr Leben lassen?
Wie am Anfang des Essays geschrieben, hat der größte Armeeeinsatz seit dem 2. Weltkrieg die größten Flüchtlingsströme seit dem 2. Weltkrieg ausgelöst. Millionen Menschen sind schon auf der Flucht. Am Anfang waren es noch 3 Millionen, die sich bereits auf den Weg gemacht hatten, dazu 7 Millionen Binnenflüchtlinge. Die Zahlen überschlagen sich jeden Tag und schießen parallel zu den Energiepreisen in die Höhe. Mittlerweile wird von über 15 Millionen gesprochen, manche erwarten sogar weit über 20 Millionen Flüchtlinge, die Mehrzahl Alte, Frauen und Kinder.
Jeder vierte, vielleicht sogar jeder dritte oder die Hälfte aller Ukrainer und Ukrainerinnen, wird im Land als Binnenflüchtling seine Heimat verlieren oder als internationaler Flüchtling versuchen, das Land ganz zu verlassen. Viele pendeln hin und her, einige kehren auch ganz zurück, obwohl es nirgends im ganzen Land sicher ist (sogar Kiew und Charkiw werden immer wieder mit Raketen angegriffen).
Putin hat schon bei den paar Tausend Flüchtlingen, die im Zuge der Aufstände gegen seinen Diktatorfreund Lukaschenko an die belarussische Grenze verfrachtet wurden, die enorme Wirkung solcher Maßnahmen erlebt – da kommen ihm weitere 10-20 Millionen Flüchtende bei der gewünschten Destabilisierung des Westens sehr recht. Aber es scheint, als nehme der Kremlchef dies nicht nur billigend in Kauf, sondern sehe Krieg und Zerstörung genauso wie Wahlmanipulation (Brexit, GB, USA) und gezielte Auftragsmorde auf fremdem Hoheitsgebiet, viel mehr als legitime Unterstützung, um die erwünschte neue geopolitische Ordnung zu schaffen (seine Trollarmee arbeitet wahrscheinlich schon daran, Freund Donald wieder ins Amt zu hieven).
Nicht nur militärische Ziele werden daher angegriffen, sondern mittlerweile vorrangig Wohngebiete und zivile Objekte wie Krankenhäuser und Kindergärten. Man kann diese Grausamkeit gar nicht mehr fassen, aber menschliches Leid war Putin schon in Tschetschenien, in Georgien, auf der Krim, im Donbass, in Syrien und zahlreichen anderen Kriegen und Konflikten egal. Wieso sollte es hier anders sein? Kriegsverbrechen die jegliches Völkerrecht konterkarieren, wie Attacken auf Zivilisten, Angriffe auf Wohngebäude, Verwendung von Streu- evtl. sogar von Phosphorbomben und die Vergewaltigung von Frauen und Verschleppung von Kindern finden nicht nur als Einzelfall, sondern systematisch statt.
Das war in den Tschetschenienkriegen so und danach in Georgien. Weiter ging es im gleichen Stil auf der Krim und im Donbass. Who is next? Jetzt ist erstmal die ganze Ukraine dran und darf sich ihrer Befreiung erfreuen – nur ist diesmal die NATO und der Westen mit Schuld. Wieder das gleiche Schema, das Land muss demilitarisiert, das drogensüchtige Nazi-Regime entfernt und die russischen Staatsbürger vor den Terroristen beschützt, ja sogar ein Genozid an ihnen muss abgewendet werden.
Aber ein entscheidender Punkt ist diesmal anders: Die Lage direkt an der Haustüre Europas, man könnte despektierlich auch sagen Europas Hinterhof – und die schiere Größe des Landes. Die über 15 Millionen Flüchtlinge werden nicht nur als Kollateralschäden in Kauf genommen, sondern gezielt instrumentalisiert und als Druckmittel auf den Westen genutzt. Die Infrastruktur wird zerbombt, Gasleitungen zerstört, Kraftwerke angegriffen und Nuklearanlagen in Brand gesetzt oder deren Stromversorgung unterbrochen.
Sogar deren Wiederherstellung bzw. die Löschung der Brände wurde, so berichten die Medien, unterbunden. Mittlerweile wurden die Nuklearanlagen, u. a. Saporischschja, das größte Atomkraftwerk der Ukraine (europaweit das leistungsfähigste, auf der Welt Platz 6), und die Atomruine Tschernobyl wieder unter ukrainische Gewalt gebracht, doch immer wieder wird ein Atomkrieg oder ein zweites Tschernobyl angedroht. Das ist der zweite Punkt, der anders ist: Noch nie wurde schon vor Kriegsbeginn derart unverhohlen mit dem nuklearen Holocaust gedroht. Nicht nur bei Putins Rede am 24.02.2022, sondern im Verlaufe der letzten Monate immer wieder. Im russischen Staatsfernsehen wurde sogar gezeigt, wie lange die Atomraketen aus Kaliningrad bis nach Berlin, London oder Paris unterwegs wären. Weniger als zwei Minuten!
Zurück in die Ukraine: Millionen Menschen leben in Angst. Verbringen die Nächte in Kellern, in den Städten in U-Bahnschächten oder Bunkern. Kinder, aber auch Erwachsene, werden traumatisiert, hören auf zu sprechen, weinen, sind verstört. Familien werden getrennt, weil die Männer, zwischen 18 und 60, bei der Verteidigung helfen und wenn sie das nicht wollen, trotzdem im Land bleiben müssen – die Generalmobilmachung zur Verteidigung des Vaterlandes. Für militärisch unausgebildete Laien ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sie den guttrainierten russischen Soldaten zumeist als Kanonenfutter dienen werden. Dennoch sind der Widerstand und der Mut der Teroborona (so heißen die zivilen Widerstandskämpfer in der Ukraine) groß.
Der Westen kämpft wirtschaftlich mit Sanktionen, liefert mittlerweile mehr und mehr Waffen und droht mit Isolierung. Das Embargo klammert jedoch den wichtigsten Teil – die fossilen Energieexporte – derzeit noch in großen Teilen aus. Öl erst später und auch nur das, welches über Pipelines kommt und selbst bei dem nicht alles. Gas gar nicht. Denn Europa hängt am russischen Tropf. Doch hier hat Putin den Spieß sogar umgedreht und dreht jetzt uns buchstäblich den Saft ab. Land für Land bekommt weniger bis gar nichts und nun trifft es auch die deutschen Freunde.
„Europa bibbert“ schreibt die Presse, soziale Spannungen werden erwartet, die Industrie muss abschalten und zur Inflation kommt dann eine Rezession verschärfend hinzu. Mittlerweile wird sogar von Wärmeräumen für Alte und Arme berichtet. Im schönen und warmen Schloss Elmau empfing Scholz seine G7 Kollegen und alle versprachen sie Hilfe und Solidarität bis zum Ende. Aber bis zu welchem?
Der Westen wirft auch nach vielen Monaten Krieg, so sieht es zumindest aus, seine demokratischen Brüder und Schwestern aus der Ukraine - ja, das ganze Land dem russischen Bären zum Fraß vor. Wohl in der Hoffnung, selbst einigermaßen verschont zu bleiben? Ein Irrglauben, denn der militärische Angriff auf die Ukraine hat sich längst zu einem bedrohlichen Wirtschaftskrieg gegen ganz Europa ausgeweitet.
Wiederholt sich Geschichte?
Jedem etwas geschichtsbewanderten Menschen müsste diese Situation bekannt vorkommen (besonders den Deutschen), denn 1938 wurde erst Österreich heim ins Reich geholt. Hier wurde noch vor dem Einmarsch der Armee das austrofaschistische Regime (dieser Ausdruck wiederholt sich heute in Bezug auf die Ukraine mit fast gleichlautenden Worten) von den österreichischen Nationalsozialisten abgesetzt. Dann verleibte sich Hitler, ebenfalls 1938, über eine erzwungene Abtretung das Sudetenland ein und obwohl er im Münchner Abkommen zugesichert hatte, dies wäre seine „letzte territoriale Forderung“ folgte kurz darauf die Abspaltung der Slowakei.
Schließlich im März 1939 die Annektierung des übrig gebliebenen Teils der Tschechei (Protektorat Böhmen und Mähren) und schließlich, aber das waren (so würde es Hilmar Kopper vielleicht ausdrücken) nur Peanuts, Litauens Memelland. Die Litauer selbst haben diese Erdnüsse, genauso wie die Zeit unter Stalin, bis heute nicht verdaut und wollen nun ihrerseits keine Waren mehr in die russische Enklave Kaliningrad durchlassen.
Dann, nur etwa 18 Monate nach dem Anschluss Österreichs, folgte am 31.08.1939 der nächste große Streich: Adolf Hitler befahl den Angriff Deutschlands auf Polen. Am nächsten Tag, dem 01.09.1939 begann morgens um 4:45 der Krieg. Vorausgegangen war eine Diplomatieoffensive, die u. a. zur britisch-französischen Garantieerklärung und einem geheimen Nichtangriffspakt mit Russland führte. Und so ließen ihn die anderen Staaten im Sinne eines versuchten Appeasements gewähren. Die Parallelen zur Schlachtenvita Putins sind frappierend: Tschetschenien, Transnistrien, noch zweimal Tschetschenien, Moldawien, dann Georgien, es folgen die Krim und der Donbass, dazwischen „Hilfsaktionen“ in Syrien und Belarus. Und nun die Ukraine. Um die Analogien deutlich zu machen, ein Auszug aus Wikipedia:
Deutscher Überfall auf Polen, 1939
Diesem militärischen Überfall auf das Nachbarland ging keine formale Kriegserklärung voraus. Um die Invasion Polens zu rechtfertigen, fingierte die deutsche Seite mehrere Vorfälle, so zum Beispiel den vorgetäuschten Überfall auf den Sender Gleiwitz von als polnische Widerstandskämpfer verkleideten SS-Angehörigen am 31. August. Dabei verkündeten diese in polnischer Sprache über Radio wahrheitswidrig eine Kriegserklärung Polens an das Deutsche Reich. Der fadenscheinige Trick wurde von Berlin aus mit dem Kennwort „Großmutter gestorben“ ausgelöst. Fast drei Millionen deutsche Soldaten waren aufmarschiert, um Polen zu überfallen. Sie hatten rund 400.000 Pferde und 200.000 Fahrzeuge zur Verfügung. 1,5 Millionen Mann waren bis zur polnischen Grenze vorgerückt, viele mit Platzpatronen, um vorzutäuschen, sie zögen nur ins Manöver. Mit der Unklarheit war es jedoch vorbei, als sie Befehl erhielten, scharfe Munition zu laden.
Den militärischen Angriff begannen das deutsche Linienschiff Schleswig-Holstein auf die polnische Stellung „Westerplatte“ bei Danzig und die Luftwaffe mit dem Luftangriff auf Wielun am 1. September 1939. Die polnische Armee mit ungefähr 1,01 Millionen Soldaten stand 1,5 Millionen deutschen Soldaten gegenüber. Technisch und in der Art der Kriegführung war sie unterlegen. Nach dem Einmarsch der Roten Armee in Ostpolen am 17. September 1939 wurde das Kräfteverhältnis nochmals dramatisch zu Gunsten der Aggressoren verschoben. Die polnische Regierung rechnete andererseits mit der Unterstützung durch Frankreich und Großbritannien, die am 2. September aufgrund der „Garantieerklärung vom 30. März 1939“ ein Ultimatum an das Deutsche Reich gestellt hatten.
Es forderte den sofortigen Rückzug aller deutschen Truppen aus Polen. Die britisch-französische Garantieerklärung hätte diese Staaten verpflichtet, spätestens 15 Tage nach einem deutschen Angriff eine eigene Offensive im Westen Deutschlands zu beginnen. Hitler nahm an, dass die beiden Westmächte ihn ebenso wie beim Einmarsch in die „Rest-Tschechei“ gewähren lassen würden, und ließ den Westwall nur schwach besetzen.
Ein Angriff der Westmächte blieb aus, jedoch erklärten Großbritannien und Frankreich am 3. September nach Ablauf des Ultimatums Deutschland den Krieg. Die Kriegsregierung Chamberlain hatte jedoch nur sieben Monate Bestand, während derer Großbritannien im Sitzkrieg weitgehend passiv blieb.
Vor 83 Jahren also, hatte die Welt (insbesondere Chamberlain für England und de Gaulle für Frankreich) Polen den deutschen Nationalsozialisten zum Fraß vorgeworfen. Im Sinne einer Beschwichtigungspolitik, in der Hoffnung selbst verschont zu bleiben und einen großen Krieg zu verhindern. In der Hoffnung, dass sich der Fuchs (nicht General Rommel, der ja Wüstenfuchs genannt wurde, sondern der Führer selbst) mit einem Huhn zufriedengibt. Was folgte, weiß wahrscheinlich jede:r Schüler:in dieser Welt. In Polen wird schon der Anfang davon, der deutsche Überfall des Vaterlandes und das Nichteingreifen der Anderen als der Verrat des Westens bezeichnet. Und dennoch war es der Versuch, die Situation friedlich zu lösen vielleicht wert. Das mögen andere bewerten.
Aber manchmal verfallen solche Füchse nach dem ersten Huhn in einen Blutrausch. Anstatt dass eine Huhn in der Schnauze mitzunehmen, nach Hause zur Familie zu bringen und es sich einzuverleiben werden alle Hühner – eines nach dem anderen – umgebracht. Ohne Sinn, ohne Verstand. „Wild Fox“ nennt sich das im Englischen. So geschah es auch damals. Und heute? Spielt Putin den Madman nur, um sich Vorteile zu verschaffen und Appeasement zu erreichen? So wie es bei Nixon oder Trump (dem es, wenn dem wirklich so ist, sehr gut gelungen wäre) der Fall gewesen sein soll.
Oder ist er wirklich nicht mehr ganz zurechnungsfähig? Paranoia, Megalomanie oder maligner Narzissmus – möglicherweise auch eine toxische Kombination aus allen drei Krankheiten. So oder so keine gute Voraussetzung für eine friedliche Lösung.
Auf jeden Fall stellt sich erneut die Frage: Kann ein Mensch die ganze Welt in Angst und Schrecken versetzen? Ist es ein einziger Mensch, der ein ganzes Land vernichten kann – oder dessen Bombardierung bis zur Vernichtung befehlen kann? Ist ein Mensch für das Leid von 45 Millionen Menschen in der Ukraine und die Sorgen von Milliarden in der Welt verantwortlich? Die Wahrheit kennen nur ganz wenige. Und vielleicht sind selbst diese unterschiedliche Meinung. Aber für uns scheint es zumindest so. Wie vor 80 Jahren, so wirkt es, terrorisiert ein Mann die ganze Welt. Damals war es Adolf Hitler, ein eingebürgerter Deutscher. Heute ist es und dies soll ausdrücklich kein Vergleich sein: Wladimir Wladimirowitsch Putin, ein waschechter St. Petersburger.
Aber Parallelen gibt es: Hitler träumte vom 1000-jährigen Reich, Putin von einem Großimperium mit ihm als Herrscher. Wie Adolf Hitler die Schwäche der Weimarer Demokratie zu seinem Vorteil machte, nutzte auch Putin die Umbruchzeiten in einer defekten Demokratie, um als ehemaliger FSB Chef an die Macht zu kommen.
Diese hat er in den letzten 23 Jahren sukzessive so weit ausgebaut, dass er nun bis an sein Lebensende weiter regieren und nicht mehr abgewählt werden kann (außer er will mit 86 immer noch weiterregieren – und selbst wenn dem so wäre, bis dahin kann man ja die Verfassung noch mehrfach ändern). „Macht korrumpiert – absolute Macht korrumpiert absolut“, sagte Lord Acton in seinem berühmten Zitat schon im 18. Jahrhundert. Diese Aussage hat auch aus heutiger Sicht nichts an Aktualität verloren.
Putin hat seinen Status als Alleinherrscher mittlerweile so ausgeprägt zementiert, dass schon vom Putinismus gesprochen werden kann. Der Publizist Andrei Piontkowski bezeichnete mit diesem Wort bereits im Jahr 2000 „das höchste und letzte Stadium des Räuber-Kapitalismus in Russland“. Dazu gehören, so Piontkowski weiter: „Konsolidierung des Landes durch Hass gegen ethnische Minderheiten, die Bekämpfung der Redefreiheit, Gehirnwäsche, Selbstisolation von der Außenwelt und weiterer wirtschaftlicher Niedergang.“ Der Mann hatte seherische Qualitäten, besser er sollte hier weiterschreiben. Er sagte übrigens auch, dass Jelzin Putins Hindenburg gewesen sei.
Schon Nikolaus II, der letzte Zar des Russischen Kaiserreichs, war ein Anhänger des Panslawismus. Er hatte jedoch zumindest einen geistigen Beistand, der versuchte ihn vom Eintritt in den 1. Weltkrieg abzuhalten – zwar vergebens, aber vielleicht doch mäßigend. Dieser Wanderprediger, der als einfacher Bauer geboren wurde, hieß Rasputin (unsereins bisher eher aus dem Lied von Boney M. bekannt, als aus der Geschichte). Es scheint, als hätte sein designierter Nachfolger, Zar Wladimir I (der Erste, wenn man nur die Kaiser zählt) einen solchen mäßigenden Beistand nicht. Sein geistiges Gegenüber Kyrill hetzt ihn eher noch auf und auch ansonsten ist er nur von Falken umgeben.
Von einem Rasputin wird er also nicht aufgehalten und andere Tauben (so werden im Gegensatz zu den Falken die milderen Vertreter genannt) sind auch nicht in Sicht. Vorübergehend hat ihn ein anderes Naturphänomen aufgehalten, die Rasputiza. Das ist nicht etwa die weibliche Form von Rasputin, sondern so wird die Zeit der Wegelosigkeit genannt, wenn im Frühjahr die gefrorenen Böden schmelzen. Die Rasputiza ist in Russland und der Ukraine eine eigene Jahreszeit und machte schon im 2. Weltkrieg jegliche Truppenbewegungen nahezu aussichtslos. Wenn schon Rasputin die Panzer nicht zum Stoppen bringt, vielleicht dann Rasputiza – doch der nächste Winter kommt bestimmt und so wie es derzeit aussieht, ist der Krieg dann noch lange nicht vorbei.
Eine geopolitische Betrachtung
Da in Russland für den Präsidenten früher (genauso wie in den USA noch heute) nur zwei Amtszeiten möglich waren, musste Putin, um bis heute regieren zu können, mehrmals die Verfassung ändern – 2008 wurde die Amtszeit von 4 auf 6 Jahre, 2020 die mögliche Amtszeit bis 2036 verlängert (dann wäre Putin 86). Schon zwischendurch wendete er einen Kniff an, setzte mit Medwedew von 2008 bis 2012 seinen Stellvertreter als Marionette ein, um nach dessen Amtszeit wieder als Präsident an die Macht zurückzukehren. Dass das russische Volk dagegen demonstrierte und dies nicht goutierte, setzte ihm schon damals zu und versetzte ihn, so heißt es, sogar in Angst und Schrecken. Den russischen Maidan (eine Anspielung auf die Orangene Revolution in der Ukraine, die den prorussischen Präsidenten aus dem Amt jagte) möchte er auf alle Fälle vermeiden.
Deswegen hat Putin jetzt die dauerhafte Lösung des verfassungsmäßigen Machterhalts – was ist das passende Wort? Herbeigeführt? Erzwungen! Bei der Abstimmung in der Duma gab es auf jeden Fall nur eine Gegenstimme und das Volk sprach sich mit einer ¾ Mehrheit dafür aus. Doch sagte nicht schon sein Vorbild Stalin: "Die Leute, die Stimmen abgeben, entscheiden nichts. Die Leute, die Stimmen zählen, entscheiden alles."
Mittlerweile hat sich der Kremlchef mit einer Gruppe von Jasagern und Speichelleckern umgeben. So wirkt es zumindest, wenn die Sitzungen im Fernsehen übertragen und die Generäle und andere Potentaten von Putin dem Großen vor laufenden Kameras demontiert oder abgekanzelt werden. Der Nachteil dieser Art der Machtausübung ist, dass kein Korrektiv, keine Rückfragen und keine Bedenken mehr möglich sind. Zweifler oder Kritiker wurden und werden ausgeschaltet. Der Hof des Fürsten ist gereinigt, der klassische Machiavelli. Nur haben sogar die engsten „Vertrauten“ mittlerweile so viel Angst, dass ihm angeblich keiner mehr die Wahrheit sagt: Z. B. wie es in der Ukraine wirklich steht.
Aber der Westen ist auch nicht besser, bei Trump war es fast genauso. Er wurde nur um Haaresbreite aus dem Amt gewählt und kurz darauf das Kapitol angegriffen. Ein einmaliger Vorgang. Amerika stand kurz vor dem Bürgerkrieg und Trump hetzte die Menschen noch auf. So wirkte es von außen und so berichten es auch viele Amerikaner, u. a. im Untersuchungsausschuss, der dies nun auch offiziell bestätigt.
Und dennoch, vielleicht gewinnt Trump 2024, bei der nächsten Wahl, wieder. Es sieht zumindest ganz so aus und die Wahlbezirke werden schon auf ihn zugeschnitten. Und in den republikanischen Staaten werden Gesetze vorbereitet, die die Wahl kippen können, wenn sie wider Erwarten nicht wie gewünscht ausgehen. Sogar der Supreme Court, der oberste Gerichtshof der USA wird nach der Abtreibung vielleicht nun bald auch eine faire Wahl verbieten. Zustände wie in einer Bananenrepublik im einst ach so stolzen Weltreich USA.
Auch in China das Gleiche. Xi Jinping scheint unangreifbar und kann bis an sein Lebensende 1,4 Milliarden Menschen oder bis dahin sogar mehr regieren und beherrschen. Schlimmer kontrollieren, als es sich selbst Orwell in seinem Buch 1984 je ausmalen konnte. Wie in Russland werden sämtliche Kritiker mundtot oder ganz tot gemacht. Wenn sie Glück haben, kommen sie ins Gefängnis oder in ein Straflager. Weniger glückliche Menschen, zum Teil sogar ganze Volksstämme werden in sogenannte Umerziehungslager gesteckt und „zu ihrem eigenen Wohle ausgebildet und in Brot und Arbeit gebracht“. Die Tibeter und Uiguren sehen das verständlicherweise etwas anders.
America first, China first, Russia first. Ist es ein Zufall, dass die drei mächtigsten Nationen der Welt von ähnlich strukturierten Machthabern geleitet werden, bzw. wurden? Wenn man sich die Situation auf der ganzen Welt ansieht, ist es wahrscheinlich mehr als das – eine Rückkehr zu Isolation und Nationalismus, die schon mit der Pandemie zunahm und mit dem Angriff auf die Ukraine nun ihren ersten Höhepunkt erreicht. Und genau 40 Jahre nachdem John Naisbitt den Begriff der Globalisierung in seinem Buch Megatrends anhand der Industrie zum ersten Male beschrieb, scheint ihre Zeit schon wieder vorüber zu sein – sich vielmehr sogar ins Gegenteil verkehren: Die zunehmende Autokratisierung führt zu Nationalisierung und damit Deglobalisierung.
Es ist ein globaler Trend, der sich in den drei oben genannten Ländern nur am anschaulichsten zeigt. Denn auch in anderen Nationen werden die Regierungen und deren Chefs totalitärer, in Europa beispielhaft in Polen, Ungarn und der Türkei. In Asien, Indien, Myanmar und den Philippinen. In Südamerika, Argentinien und Brasilien. Und fast in ganz Afrika ist nach dem arabischen Frühling wieder ein Trend zu autokratischen Strukturen, zu despotischen Machthabern, zur Umarbeitung der Verfassungen und zu diktatorischen Regierungsformen erkennbar.
Schon jetzt leben weltweit nur noch weniger als die Hälfte der Menschen (ca. 45 %) in einer Demokratie und davon nur 6 % in sogenannten vollwertigen Demokratien. Und was noch schlimmer ist, die Tendenz ist rückläufig, der Anteil der autoritären Staaten hingegen in den letzten Jahren stetig gestiegen. Eine davon ist nach Putins über 20 Jahren an der Macht: Russland. War diese Entwicklung vorherzusehen?
Auf jeden Fall erfolgte die Putinisierung seit der Jahrtausendwende sukzessive. Die Judikative wurde entmachtet oder eingenordet, umstrukturiert und unter die Fuchtel gebracht, die Gewaltenteilung ad absurdum geführt. Das Volk stimmte in manchen Ländern (wie auch in Belarus und Russland), wenn überhaupt, nur zum Schein ab. Die Elite bzw. die Intellektuellen und Künstler verließen dann entweder ihre Heimat oder wurden mundtot gemacht oder zu Mitläufern korrumpiert - die vom System profitieren und das System von ihnen. Nur einer (eigentlich fast immer ein Mann) regiert und scheinbar ist es immer oder zumindest meistens ein Narzisst.
In vielen Ländern das gleiche böse Spiel, auch wie in Ungarn und Polen, in Europa. Eine echte Zeitenwende aber ist erst im Februar 2022 angebrochen. Ein Paradigmenwechsel. Nach 50 Jahren, im Kern 30, in denen das westliche Modell des Handels und der Globalisierung, des Friedens und der Verständigung auf dem Vormarsch war, Deutschland sich wiedervereinigt hat, die EU gewachsen ist, der arabische Frühling dort und ähnliche Bewegungen in Afrika für den Sturz so manchen Regimes und viel Bewegung gesorgt hat und die Sowjetunion auseinandergebrochen ist, scheint mit dem Tage des Kriegsbeginns oder schon mit der als historisch bezeichneten Rede von Wladimir Putin am Tag zuvor, eine neue Epoche für die Augen aller präsent zu werden.
Wladimir der Große
Eigentlich schien sich die Sowjetunion, die GUS und später Russland nach dem Ende des Kalten Krieges und speziell seit Gorbatschows Glasnost und Perestroika zu einem verlässlichen Partner des Westens und mit Jelzin sogar nahezu zu einer Demokratie (wenn auch einer sogenannten defekten) entwickelt zu haben. Aber dann zum Ende des Jahrtausends kam Putin an die Macht – doch selbst er war in den ersten Jahren seiner Amtszeit noch ein verlässlicher Partner. Aber entweder er hat sich die ganze Zeit verstellt, oder, was wahrscheinlicher ist, er wurde durch die Macht zunehmend korrumpiert oder größenwahnsinnig und hat sich immer mehr zum Despoten entwickelt, bis er schließlich der EINE wurde. Wladimir der Große.

Waldimir Putin mit seiner Ehefrau Ljudmila Alexandrowna Putina
Zuvor war er 30 Jahre lang mit der Deutschlehrerin Ljudmila Schkrebnewa verheiratet und zeugte zwei Töchter. Er verließ seine Familie für eine 30 Jahre jüngere Turnerin, die als mehrfache Weltmeisterin und Olympiasiegerin in der rhythmischen Sportgymnastik wohl, die Putin genehme Biegsamkeit aufwies. Angeblich gebar sie ihm Zwillinge, manche sagen auch noch mehr Kinder – man weiß es bis heute nicht genau. Alina Maratowna Kabajewa, so heißt die junge Dame, war zwar Abgeordnete der Duma, trat aber nie als Frau an Putins Seite in der Öffentlichkeit auf (außer bei Ordensverleihungen).
Sie lebt derzeit entweder in der Schweiz oder, so heißt es, seit Jahren in einem Palast Putins, von der Öffentlichkeit abschottet, manche sagen einsperrt – vielleicht ja in der Residenz Kap Idokopas am Schwarzen Meer, jene Putin zugeschriebene Immobilie mit 18.000 qm Wohnfläche, Kunsteisarena, angeschlossenem Weingut und eigener Tankstelle.
Ähnlich wie der Vergleich zwischen der angegebenen Wohnung mit 77 qm und dem Palast am Schwarzen Meer ist auch die Differenz beim Vermögen, das er mit 150.000 $ (bei einem Jahreseinkommen von gut 140.000 €.) angibt, gigantisch. Sein jetziges Vermögen und der Palast/die Paläste sind zumindest ein kleiner Ausgleich zu der 20 qm großen Kommunalka (Gemeinschaftswohnung), in der er mit seinen zwei Brüdern und den Eltern aufwuchs. Beide Brüder starben im Kindesalter, die Eltern, beides Fabrikarbeiter, sollen ihn als einzigen verbleibenden Sohn verwöhnt haben. Ein kleiner Hänfling, so berichtet er es sogar selber, war er in seiner Jugend, der in den Straßen Leningrads das Kämpfen gelernt hat. Bild: Putin als Hänfling
Ab 1975 war er beim KGB und wurde von seinen Mitarbeitern mit dem Spitznamen „Giftzwerg“ belohnt (unbekannt ist, ob dies aus seiner bevorzugten Liquidationsmethode oder seinem Verhalten den Untergebenen gegenüber resultierte). Ab 1985, also 10 Jahre später, hatte er auch einen Ausweis als Agent der Stasi und kletterte parallel auf der Karriereleiter des russischen Geheimdienstes nach oben, wahrscheinlich bis zum Rang des stellvertretenden Standortleiters.
1989/90 erlebte er in Dresden die Montagsdemonstrationen, deren Teilnehmer im Dezember die dortige Verwaltung des Ministeriums für Staatssicherheit besetzten – ob er sich dabei als Dolmetscher versteckte oder sich den Demonstranten heldenhaft in den Weg gestellt hat, dazu gibt es unterschiedliche Aussagen. Auf jeden Fall hat er und das ist für unser Verständnis wichtig, aus erster Hand den beginnenden Sturz des DDR-Regimes und die Kundgebungen miterlebt, stets verbunden mit dem Ruf: „Wir sind das Volk“ – angeblich hatte er sogar Angst um sein Leben.
Mit dem sich abzeichnenden Prozess der Wiedervereinigung wurde er in die UdSSR versetzt, wo er in St. Petersburg zum Vizebürgermeister ernannt wurde, als sich dann 1993 die Episode vom Anfang dieses Kapitels ereignete. Wenig später ging er nach Moskau, wo er sich im KGB auf der Karriereleiter weiter bis zum Leiter des Inlandgeheimdienstes FSB hochgedient oder vielmehr vielleicht hochgemordet und sich als Zögling von Jelzin bis zum Ministerpräsidenten hochgearbeitet hat.

So kam er, als Jelzin am letzten Tag des letzten Jahrtausends sein Amt niederlegte, wenig später selbst an die höchste Position und reiste noch in der Silvesternacht als Interimspräsident nach Tschetschenien. Schon 1999 arbeitete er mit dem Argument einen Feldzug gegen Terroristen führen zu müssen (damals waren sie zumindest noch nicht „drogenabhängig“) und zerbombte das Land in den kommenden Jahren fast komplett (in den Tschetschenienkriegen starben bis zu 200.000 Menschen - sie werden von manchen „die schlimmsten Gewaltereignisse im postsowjetischen Raum“ genannt).
Putin schadete das nicht, es verhalf ihm vielmehr zu noch größerer Popularität und so wurde er, die Schwäche Jelzins ausnutzend und die Stärke des Geheimdienstes einsetzend, im März 2000 auch offiziell, gewählter Präsident des größten Landes der Welt. Mit der größten Atomstreitmacht der Welt. Bespredel (=Grenzenlosigkeit) wurde noch, in den Jahren vor der Jahrtausendwende, die Zeit des Zusammenbruchs und der Gesetzlosigkeit genannt. Mittlerweile wird das Wort direkt mit dem Putinismus verbunden und verwendet, wenn jemand totale politische oder wirtschaftliche Macht hat und für seine Taten (auch Mord) nicht zur Verantwortung gezogen wird.
Wie auch in Tschetschenien. Der 2. Tschetschenien-Krieg begann 1999 und endete erst zehn Jahre später, als der Marionettenpräsident Medwedew den Status als Zone antiterroristischer Operationen aufhob. Kommen Ihnen diese Begriffe bekannt vor? Da kann man nur hoffen, dass sich die Bilder aus Grosny nicht in der Ukraine wiederholen, aber einige Städte, wie Mariupol, Butscha und Irpin nähern sich schon dem Zustand der tschetschenischen Hauptstadt. Grosny wurde 2001 von den UN die am schwersten zerstörte Stadt der Welt genannt. Es war ein solches Armageddon, dass der Begriff Bespredel seit diesen Jahren die Kriegsführung in Tschetschenien beschreibt. In Deutschland wurde das der „totale Krieg“ genannt.
Seit diesen Zeiten herrscht dort nun der Diktator Kadyrow und Menschenrechtsverletzungen sind nicht nur von den russischen Soldaten, sondern auch vom Herrscher Tschetscheniens an der Tagesordnung. Eine grausame Ironie der Geschichte, dass seine Söldner nun auch wieder in der Ukraine zum Einsatz kommen – für die Einsätze, die selbst für die Armee zu dreckig sind, also Attentate und gezielte Morde an Zivilisten. Bespredel findet nun auch in der Ukraine und dort nicht nur in Butscha statt. Es ist ein systematischer, totaler Krieg.
Der totale Krieg
Um seine Ziele einer geostrategischen Neuordnung zu erreichen, beschränkte sich Wladimir Putin nicht mehr nur auf Morde, Scharmützel, Unterstützung von anderen Diktatoren und die Annexion von kleineren Gebieten. Er begann einen Angriffskrieg, der sich nun als ein Vernichtungskrieg, als totaler Krieg herausstellt. Ein solcher definiert sich laut Peter Imbuschs „Moderne und Gewalt: Zivilisationstheoretische Perspektiven auf das 20. Jahrhundert“, durch die folgenden Kriterien:
- totale Mobilisierung z. B. Aufrüstung
- totale Kontrolle z. B. Propaganda
- totale Methoden z. B. Völkerrechtsbruch
- totale Ziele z. B. politische Entmachtung
In der – an grausamen Kriegen reichen – Geschichte der Menschheit, gab es dennoch nur wenige Kriege, die als „totale Kriege“ bezeichnet werden können. Zwei davon haben wir Deutschen begonnen, geführt und (aus meiner Sicht zum Glück) verloren. Vielleicht ist deshalb das Bedürfnis nach Geltung und der Jubel über die Revitalisierung unserer tollen Truppe so groß. Ansonsten kennen viele den Begriff von Goebbels berühmter Frage: „Wollt ihr den totalen Krieg?“. Einige Historiker benennen außer den beiden Weltkriegen, nur noch den trojanischen und den punischen als totale Kriege. Der eine ein Mythos, der andere vor Christi Geburt.
Ceterum censeo Carthaginem esse delendam, sind die berühmten Worte Catos vor Ausbruch der Punischen Kriege: „Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Karthago zerstört werden muss“. Sie erinnern an die Brandrede Putins am 24.02.2022, der die unendlichen Grausamkeiten, die er bereits geplant hatte, mit ähnlicher Neutralität und Zynismus verkündetet. Noch am selben Tag begann er, das wollte damals nur noch niemand glauben, den vielleicht ersten totalen Krieg seit über 75 Jahren.
Russland unter Putin
Nach dem Kalten Krieg und dem Zusammenbruch der Sowjetunion entwickelte sich Russland unter Putin zu einer lupenreinen Diktatur. Wahlen finden (wie in Belarus) nur noch zum Schein statt. Doch nicht nur in Russland, auch in anderen Ländern drehte und dreht sich das Spiel. Mit der zunehmenden militärischen Macht und dem Aufstieg Chinas zur neuen Weltmacht, die die USA als „First Nation“ nicht nur im BIP bald ablösen wird, scheint eine andere Machtform erfolgreicher als die Demokratie.
Während der Westen den „Osten“ als autoritär und rückständig, illiberal und populistisch sieht, nimmt der Osten den gegensätzlichen Standpunkt ein und hält den „Westen“ für dekadent und entwurzelt. Aus den Augen des Westens ist die letztere Position natürlich grundfalsch, aber global gesehen haben beide Standpunkte ihre Berechtigung. Der Kapitalismus bringt uns derzeit zwar nicht durch Krieg, aber mit seinem zwanghaften Wachstumsglauben, durch die Klimakrise und andere Umweltkatastrophen an den Rand des Abgrunds. Und das möglicherweise totaler als Putins Krieg.
Der Kalte Krieg, der nicht nur militärisch, sondern auch im Kampf der zwei wirtschaftlichen Systeme – Kommunismus und Kapitalismus – ausgetragen wurde und auch auf dieser Ebene durch den Zusammenbruch der Sowjetunion beendet schien, kommt nun in einer neuen Dimension zurück. Statt dem „Ende der Geschichte“ ist es der Anfang einer neuen Geschichte. Und diesmal scheint zumindest die chinesische Melange aus Kapitalismus, Autokratie und langfristiger Planung, ohne echte Volksbeteiligung (bzw. die russische Macht durch Rohstoffe und schiere Gewalt), den anstrengenden und umständlichen Demokratien und Gewaltenteilungen des Westens überlegen. Auf jeden Fall in den Augen von Putin und Xi.
Dieser Trend begann schon im letzten Jahrtausend und hat sich durch den unterschiedlichen Umgang mit Corona noch weiter bestätigt – zumindest gefühlt. Denn nachweislich sind die Konsequenzen für die Bevölkerung in Autokratien im Schnitt wesentlich heftiger: mehr Infektionen, mehr Tote, mehr Leid. Nur die herrschende Klasse profitiert finanziell und rechtlich, kann sie jetzt schließlich die Argumente des Volkes noch mehr kontrollieren und die Grundrechte und Rechte noch mehr einschränken. Das ist allerdings in den Demokratien nicht viel anders, die Parlamentarier dürfen ihre Provisionen für die Vermittlung von Maskendeals nun sogar höchstrichterlich behalten – auf Kosten der Steuerzahler.
Wie in Russland ging auch in China dem Regime von Xi Jinping (mit dem Vergleich der Olympischen Spiele 2008 und 2022 lässt sich das eindrucksvoll erkennen) eine Zeit der scheinbaren Offenheit und Demokratisierung voran. Mit Xi verändert sich das zunehmend. Zur Heimholung Tibets kamen nun die schrittweise Assimilierung Hongkongs, sowie die „Umerziehung“ der Uiguren hinzu und bald scheint Taiwan zu folgen. Vielleicht gab es sogar, wie 1939 den deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt, auch 2022 einen Nichtangriffspakt zwischen Xi und Putin (der das Gleiche umgekehrt für Taiwan später einschließt).
Auf jeden Fall veröffentlichten beide erst kurz vor den Spielen eine Erklärung zur Freundschaft ohne Grenzen und zu einer felsenfesten Partnerschaft der beiden Nationen. Und Peking will seinem strategischen Partner beistehen – auch jetzt noch – und nimmt gerne alle Rohstoffe ab, sollte der Westen das Embargo verschärfen. Vielleicht trafen Xi und Putin sogar die Abmachung, das Ende der Olympischen Spiele noch abzuwarten.
War es doch schon früher eine ungeschriebene Regel in den zwei Wochen der Olympischen Spiele keinen Krieg zu führen (noch besser wäre in der Zeit der Olympiade keinen Krieg zu führen, das sind nämlich die vier Jahre zwischen den Spielen und natürlich noch besser wäre es, überhaupt keinen zu führen).
Bewusst werden hier zumeist nicht China und Russland benannt, sondern ihre jeweiligen Herrscher, da die Völker – die Menschen dieser Länder – das, was passiert, sicherlich zum allergrößten Teil nicht wollen. Bzw. einen Krieg gar nicht, nicht wollen können, weil sie durch die kunstvolle Blendung, die Zensur der Medien und durch die unglaubliche Maschinerie der Propaganda gar nicht wissen, was wirklich stattfindet. Eine Spezialoperation zur Befreiung der Landsleute heißt es im offiziellen Sprachgebrauch – und wehe, jemand bezeichnet das als Krieg.
Andere Meinungen werden unterdrückt, soziale Medien werden kontrolliert oder blockiert, neutrale Sender und Zeitungen aufgelöst und internationale Journalisten ausgewiesen. Mittlerweile müssen sich ausländische Medienvertreter einmal im Monat auf verschiedene Krankheiten testen und sogar alle vier Wochen röntgen lassen und wer das Wort Krieg ausspricht, kann mit 15 Jahren Lagerhaft rechnen.
Viele tausend Russen (bis zum Mai 2022 vermeintlich über 20.000) wurden inhaftiert und allein mit einem Schild mit dem Wort Frieden auf der Straße zu stehen, bedeutet mindestens 30 Tage Haft. Angeblich wurde sogar eine Frau auf der Straße verhaftet, weil sie eine Blume in der Hand hielt. Andere werden ganz ohne Grund eingesammelt. Einige davon kehren nie wieder zurück.
Putin selbst hingegen lässt sich am Jahrestag der Krimannexion von Zehntausenden im Stadion feiern. Während Millionen fliehen, Kinder hungern und sterben, ein ganzes Land zerbombt und terrorisiert wird, zitiert er die Heilige Schrift mit den Worten: „Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt“ (Johannes-Evangelium, Kapitel 15, Satz 13). Und sonnt sich im Glanz seiner Heldentaten vor seinen Anhängern, geschützt von einer gepanzerten „Loro Piano“- Jacke (12.000 €), an der Hand die obligatorische „Pour le Mérite“ (350.000 €).
Selenskyj, der im Tarnfleck-T-Shirt im Bunker sitzt, während die tschetschenischen Söldner auf der Suche nach ihm sind, wird bewundert und als Held verehrt. Putin hingegen lässt die Menschen von Bussen ins Stadion ankarren und sich und seine schwülstigen Reden gnädig huldigen. Angeblich wurden die meisten jedoch gezwungen, ihm zuzujubeln. Aber das Volk soll sehen, wie sehr er geliebt wird. Denn selbst ein Diktator kann ohne sein Volk keinen Krieg führen. Irgendjemand muss ja auf dem Schlachtfeld für ihn sterben. Deswegen die Propaganda, deswegen Brot und Spiele.
Wie geht es weiter?
Denn davor hat wohl jeder Tyrann am meisten Angst, dass ihn sein eigenes Volk stürzt und er dann wie Gaddafi in der Gosse gelyncht wird. Die Angst vor dem russischen Maidan. Denn wie er es selbst in der DDR miterlebt hat, führte auch in der Ukraine die Revolution des Volkes zum Sturz des russlandfreundlichen Regimes. Und fast hätte es auch in Belarus geklappt. Denn das Volk ist von der Diktatur und ihrem Führer meist nicht so begeistert wie der Diktator selbst.
Es sehnt sich vielmehr zunehmend nach der Freiheit des Westens, die es aus den sozialen Medien immer mehr kennenlernt. Das ist die große Schwäche von Autokratien und gleichzeitig auch in diesem Falle eine ebenso große Chance. Kein Wunder, dass die Härte gegen das eigene Volk zunimmt und nun schon von Säuberungsaktionen à la Stalins 5. Kolonne schwadroniert und die Dolchstoßlegende wieder in die Welt gesetzt wird.
Und so wird es jetzt auch langsam dem eben genannten felsenfesten Freund im Osten zu heiß, obgleich China mit Gewalt gegen das eigene Volk eine profunde Erfahrung aufweisen kann. Doch das Reich der Mitte schien schon zu Beginn des Krieges selbst überrascht vom Einmarsch gewesen zu sein. Hat seine Botschaft nicht geräumt und seine Landsleute nicht zur Ausreise aufgefordert. Aber den Westen zu blenden, um Taiwan zu erobern, könnte auch eine gute Taktik gewesen sein.
Hier scheint kein Preis zu hoch. So oder so, mit oder ohne Pakt scheint es ein guter Zeitpunkt zu sein, um sich lange ersehnte Staaten einzuverleiben. „Gehören doch ohnehin zu uns. Müssen nur heim ins Reich und endlich befreit werden, von Nazis oder sonstigen Drogensüchtigen, oder anderen verlogenen Regimes, die nicht gut für das Land sind“, so in etwa die Worte Putins.
Und es wäre keine Überraschung, wenn Xi in den Wirren des Krieges, die Konzentration der Aufmerksamkeit auf Europa ausnutzen würde, um sein heiß ersehntes Taiwan heim ins Reich zu holen. Bedauerlich, denn wäre er persönlich doch derjenige (oder China durch ihn regiert), der durch seine Macht, durch die Wirtschaftskraft Chinas, durch die Grenze zu Russland, den Krieg am ehesten beenden könnte. Aber China, Zufall oder nicht, hat kurz vor Ausbruch des Krieges, vor Beginn der Olympischen Spiele eine strategische Allianz mit Russland geschlossen, ständige Unterstützung zugesagt und milliardenschwere Rohstoffdeals vertraglich besiegelt. Es hat sich bei der UN-Resolution enthalten und scheint hier höchstens mit sanften und weichgespülten Worten einzugreifen. Ist also die Welt am Abgrund?
Für viele Menschen fühlt sich das so an. In Polen bereiten sich bereits über 80 % der Menschen auf einen Angriff vor oder erwarten diesen und die Immobilienpreise sinken, je weiter östlich, desto mehr. Dabei schien doch eine friedliche Welt ohne große Kriege fast greifbar. Ein wenig Jugoslawien vielleicht in Europa, na gut, dass kaum bekannte Kosovo. Ein wenig Syrien vielleicht, Afghanistan natürlich oder gerade Mali, Zentralafrika und andere „unwichtige“ afrikanische Länder. Aber sonst?
Das bisschen Klimawandel, Artensterben und Energiewende kriegen wir auch noch hin, das kriegen wir sogar technisch in den Griff. Wir sind ja „schlaue Bürschchen“. Doch 30, 50, ja 80 Jahre Bemühungen um Frieden, wurden mit einer einstündigen Rede außer Kraft gesetzt. Dass diese Ankündigung dann wenige Tage später auch wirklich stattfindet, wollte man nicht glauben. Und doch geschah genau das. Und zertrümmerte unsere Illusion, wie die Menschen und Häuser in der Ukraine nun zertrümmert werden.
Der Krieg führt vielleicht sogar zum ersten Einsatz von nuklearen Waffen seit Hiroshima und Nagasaki im Jahre 1945. Kinschal – der russische Dolch kann auf jeden Fall auch Kernwaffen tragen, die mit Hyperschall nahezu jede europäische Stadt in wenigen Minuten erreichen und wahrscheinlich selbst durch das modernste amerikanische oder israelische Raketenabwehrsystem nicht abgefangen werden können. Vielleicht führt uns dieser Mann – und hier muss auch einmal die französische Übersetzung seines Namens gestattet sein, auch in den – putin=verdammten- atomaren Holocaust. Er scheint zumindest so nah, wie seit der Kubakrise vor genau 60 Jahren nicht mehr.
Ein Mann. Ein kranker Mann, so scheint es. Auf jeden Fall ein gnadenloser und zynischer Narzisst. Ein maligner Narzisst. So würde es vielleicht von medizinischem Fachpersonal diagnostiziert werden. Vielleicht nicht mehr bei Sinnen, in seiner eigenen Welt. Und vielleicht genau deswegen so gefährlich, da es keinen Kontrollmechanismus mehr zu geben scheint.
Aber vielleicht auch nur ein gespielter Mad Man, als Taktik um unberechenbar zu wirken. Aber auf jeden Fall größenwahnsinnig oder der Megalomanie verfallen. Möchte unter Zurechtbiegung der Geschichte und deren Legitimation, das große Reich der Rus wieder herstellen und sich selbst an dessen Spitze unsterblich machen. Wolodja der Große oder Wolodja der Kleine. So oder so.
„Zu Dionys dem Tyrannen schlich Damon den Dolch im Gewande.“ Das Szenario aus Schillers Bürgschaft scheint vielen der einzige Ausweg zu sein. Selbst Pazifisten können sich dieses Wunsches nicht ganz erwehren. Aber das hat schon bekanntermaßen, bei Adolf (bedeutet „der edle Wolf“; an Hitler ist nichts Edles zu erkennen, daher trifft es eher die alternative Deutung „kämpfender Wolf“) nicht so gut funktioniert. Außerdem schätzt Putin die alte KGB-Schule: Er bringt sich seine Getränke immer selber mit, trinkt nie aus einem offenen Glas Wasser, jeder muss mindestens 30 m Abstand halten. Und wer erinnert sich nicht an den Tisch, an dem die Staatsgäste empfangen wurden und werden (wenn noch, welche kommen), selbst hier bleibt er in sicherer Distanz – sei es wegen Corona oder aus anderen Gründen.
Iwan der Schreckliche?
Und selbst wenn, ist es wirklich so einfach? Ist Putin der neue Antichrist? Das Böse, mit dessen Tod alles gut werden würde? Sind die Russen das neue Feindbild? Und sind sie alle für das Grauen verantwortlich? Zumindest werden sie in vielen Ländern schon beschimpft und verurteilt, stigmatisiert und ausgegrenzt. Je nach Fortgang des Krieges kommt auch in dieser Problematik vielleicht noch schlimmeres auf sie zu. Auch das kommt einem bekannt vor …
Sicherlich. Putin hat den gesamten Westen vorgeführt. Ihm ins Gesicht gespuckt. Ihn verhöhnt. Feigenblatt-Diplomatie vom Feinsten. Den Staatschefs allen dreckig ins Gesicht gelogen. Die angebliche NATO-Bedrohung ist wahrscheinlich pure Propaganda, hat er vorher für den Einsatz in Syrien und Tschetschenien auch nicht gebraucht. Hie und da eine Schlacht, kommt innenpolitisch meist gut. Und ein Tag nach dem Ende der Olympischen Spiele ging es dann endlich richtig los. Wahrscheinlich, so haben wir vorher schon vermutet, mit seinem chinesischen Kumpan diskret abgesprochen, über Monate oder Jahre, möglicherweise sogar Jahrzehnte geplant und dann nur noch den richtigen Moment abgewartet.
Vielleicht noch den Brexit mitgenommen, der Europas Verbundenheit geschwächt hat und mit dem erratischen Boris Johnson, einen – so scheint es – nicht gerade churchillhaften Regierungschef an die Macht gespült und schon nach kurzer Zeit wieder abgespült hat. Das britische Empire, Atommacht, im UN-Sicherheitsrat, raus aus der EU, ist weit weg von Osteuropa und immer noch eine Insel. Und in Deutschland, dem wirtschaftlichen Schwergewicht in Europa, ist eine neue Regierung mit dem unerfahrenen Scholz in einer schwierigen Dreier-Koalition an der Macht.
Bloß mit der Abwahl Trumps hat er wohl nicht gerechnet, hatte der ja schon im Wahlkampf versucht, die Ukraine mit amerikanischen Staatshilfen zu erpressen, um Hunter Biden, den Sohn seines Gegners, zu diskreditieren. Hat nicht so gut geklappt und zu einem Amtsenthebungsverfahren geführt. Trump ist also sicherlich kein Freund der Kleinrussen. Die großrussischen Trolle haben es dann 2020 auch nicht mehr geschafft das Steuer herumzureißen. So ist zwar Merkel Geschichte, aber dafür der transatlantische Dinosaurier, der im Weißen Haus schon viele Jahre des Kalten Krieges miterlebt hat, unerwartet ans Ruder gelangt. Er bietet dem russischen Präsidenten trotz seiner knapp 80 Jahre überraschend stark Paroli, auch wenn er körperlich dem testosterongestärkten Russen weit unterlegen ist (und vor kurzem öffentlichkeitswirksam vom Fahrrad fiel).
Sogar innenpolitische Spannungen in Kauf nehmend, die aus einem Ölembargo (welches in Europa, Putinfreund Orban sei Dank, sehr spät erfolgte) resultieren. Denn die dadurch steigenden Benzinpreise finden die US-Amerikaner, mit ihren SUVs, Trucks und Monstercars (alles oft spritfressende Ungeheuer), gar nicht lustig. Da werden zur Befriedung lieber die nationalen Ölreserven locker gemacht. Sprit: das amerikanische panem...
Mittlerweile ist er trotzdem einer der unbeliebtesten Präsidenten der USA und die Prognosen für die nächste Wahl sind nicht gut. Wenn es die Biologie oder ein sonstiger Unfall bis dahin nicht richten, dann halt 2024 auf ein Neues gegen eine WoC, so denkt sich Putin wahrscheinlich. Mit freundlicher Unterstützung aus dem Kreml gewinnt dann Freund Donald wieder und dann sind §5 des Nordatlantikvertrages und die anderen Verträge nicht mehr das Papier wert auf dem sie geschrieben stehen.
Verträge wurden und werden seit einiger Zeit ohnehin nicht mehr besonders ernst genommen, sondern zunehmend nach Bedarf gehandhabt, nicht nur durch Russland, sondern oft auch von anderen Ländern. Auch die Menschenrechte werden flexibel interpretiert. Wie z.B. durch die USA in Guantanamo oder May Lay.
Dennoch ist auch in dieser Hinsicht mit dem Einmarsch in die Ukraine eine Zeitenwende nicht nur angebrochen - mit diesem Tag, der Brandrede Putins und dem darauffolgenden Einmarsch, wurden nämlich so ziemlich alle vorhandenen Verträge gebrochen.
Die Schlussakte von Helsinki, das Budapester Memorandum von 1994, der Unabhängigkeitsvertrag, der der Ukraine im Gegenzug zur Aushändigung der Atomwaffen nicht nur die Souveränität des Staatsgebietes, sondern sogar dessen Schutz garantiert hat (nun sehen wir, was Putin unter Schutz versteht, da möchte man lieber nicht beschützt werden), um nur einige Beispiele zu nennen. Oder eine Reihe von internationalen Verträgen, die das Selbstbestimmungsrecht der Ukraine anerkennen.
Und zahllose weltweite Vereinbarungen und Verträge in Bezug auf Kriegsführung, Menschenrechtsverletzungen und die Nachkriegsordnung betreffend. So dass der Internationale Strafgerichtshof bereits wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit ermittelt. Manche sprechen schon vom Genozid. Auf jeden Fall führt die russische Armee mobile Krematorien mit, um ihre Gräueltaten zu verschleiern, in Butscha haben sie es nur nicht rechtzeitig geschafft, sie einzusetzen. So perfid waren selbst die Nazis nicht.
Jegliche Menschenrechte werden außer Kraft gesetzt, „Pacta sunt servanda“ gilt nicht mal mehr ansatzweise. Vielmehr schienen die Worte, die schon Adenauer aussprach und die auch Churchill (wahrscheinlich fälschlicherweise, denn auch damals gab es schon Propaganda) zugeschrieben wurden: „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern“, langsam zur Staatsräson zu werden. Putin hat ja schon bei der Annexion der Krim und der Donbass Krise massiv gelogen. Jetzt hat er uns allen aber einen derart großen russischen Bären aufgebunden, dass sogar die Lügen, im Vorfeld des Einmarschs der USA in den Irak, in den Schatten gestellt werden.
Und dann kalt und berechnend zugeschlagen. Passend wäre, um beim Latein zu bleiben, Cäsars „Alea iacta est“. Putin hat spätestens mit dem Einmarsch in die Ukraine den Rubikon zum Gewaltherrscher endgültig überschritten, auch wenn er sich persönlich nicht über die Grenze wagt. Der Frieden in Europa ist, so wirkt es, auf lange Sicht zu Ende und unser Wirtschaftsmodell wird auf die Probe gestellt. Es scheint, als hätten wir den Zenit unseres Wohlstandes überschritten. „Der Würfel ist gefallen“.
Vertrauen
Aus dem alten Rom zurück in die brutale Gegenwart. Denn derzeit ist Russland das Böse, heute ist Putin der Teufel? Aber ist das nicht viel zu leicht? Und ist das nicht vielleicht westliche Propaganda, denn von den gefakten Massenvernichtungswaffen beim Irakfeldzug spricht niemand mehr. Die Wahrheit kennt niemand. Auch beim Zitat von Adenauer, kennt kaum einer den zweiten Teil des Satzes, der in seiner Gänze lautet: „Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern. Nichts hindert mich daran, klüger zu werden.“ Also eigentlich ein positiver Gedanke, es wird nur niemandem mehr zugestanden.
Und leider ist das empirisch sogar nachzuvollziehen. Denn das klüger werden ist bei mächtigen Menschen auch relativ selten, meistens wird es eher schlimmer und so stellt sich vielmehr die Frage, wie man in Zukunft noch irgendjemand vertrauen soll. Wie Verträgen vertraut werden soll. Wie Waffenruhen oder Friedensvereinbarungen vertraut werden soll. Meint Putin diese Friedensverhandlungen überhaupt ernst oder ist es wieder, wie schon vor dem Krieg Feigenblattdiplomatie, um den westlichen Eseln eine Karotte vorzuhalten. Sind all die Angebote wie Waffenruhe, Fluchtkorridore, Rückzugsankündigungen fake? Alle Verhandlungen für die Katz? Ist das Eskalationspotential vielleicht schon unverrückbar durchexerziert und klar, dass es gnadenlos bis zum Ende durchgezogen wird – koste es, was es wolle? Es scheint fast so.
Nachdem er zwei seiner Superyachten, die Eclipse und die Solaris, in der Türkei in Sicherheit gebracht hatte, war seltsamerweise sogar der äußerst „vertrauenswürdige“ Oligarch und ehemalige FC Chelsea Besitzer Roman Abramowitsch anstatt auf seinen Schiffen bei den Friedensverhandlungen an Bord. Unter anderem überbrachte er dem Kremlchef einen handgeschriebenen Brief Selenskyjs, in dem dieser die Friedensbedingungen notiert hatte. Die Antwort Putins an Abramowitsch, wir haben es im ersten Teil gelesen, soll gewesen sein: „Richte ihm aus, ich werde ihn vernichten“.
Das Vertrauen ist derzeit auf jeden Fall mal wieder gründlich zerstört. Schon Aischylos sagte 500 v. Chr.: „Im Krieg ist die Wahrheit das erste Opfer.“ 2522 Jahre später starb die Wahrheit schon weit vor dem Krieg. Und kein Vorwand (drogensüchtige Nazis vom Genozid abhalten) scheint dumm genug, um ihn als Grund vorzuschieben, die eigentlichen Ziele zu erreichen – und das Volk glaubt es ja oder will es zumindest glauben. Westen oder Osten, USA oder Russland? Hitler oder Stalin? Immer das gleiche Spiel …
Und so auch in diesem Fall. Nur der Blickwinkel ist für jeden ein anderer. Wer ein Elefant von hinten beschreibt, sieht etwas völlig anderes und könnte mit dem, der ihn von vorne beschreibt, in Streit geraten. Nur diejenigen, die den Elefanten von allen Seiten sehen, von oben und von unten kennen das ganze Bild. Ob es so jemand in dieser Situation gibt, sei dahingestellt. Und selbst diejenigen wüssten noch lange nicht, wie es im Elefanten aussieht. So können auch diese Worte nur einen Blickwinkel darstellen, einen westlichen auf jeden Fall und einen persönlichen. Jeder muss sich also selbst ein Bild machen – und wie Putin wirklich tickt, weiß keiner. Nur, dass er scheinbar eine tickende Zeitbombe ist …
Aber selbst in meinen Augen und das sind „westliche“ Augen, hat genau dieser Westen selbst, spätestens mit dem zweiten Irakkrieg seine Unschuld, sofern es diese jemals gegeben hat, auch in der Nachkriegszeit komplett verloren, allerspätestens jedoch in Afghanistan. Von den alten Zeiten, den alten Gräueln der Kreuzzüge, der Kolonialisierung, der 30, 100-jährigen Kriege und noch länger andauernden Auseinandersetzungen, sei hier gar nicht gesprochen. Hier war nämlich fast immer Europa der größte Aggressor und hat Leid über den Rest der Welt gebracht. Und durch deutsche Augen wurden schon die beiden Weltkriege und der Holocaust als berechtigt angesehen. Aus meiner Sicht war es das bisher größte Verbrechen der Menschheit.
Der Einmarsch in den Irak aber war, seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges, die größte Lüge und eine infame Täuschung der Weltgemeinschaft. Hieß es doch, dass Massenvernichtungswaffen im Besitz des Iraks seien. Dies wurde als Botschaft massiv verbreitet um andere Nationen auch zum Kriegseintritt zu bewegen, als Rechtfertigung, um selbst einzufallen, als Grund um eine souveräne Nation brutal anzugreifen, zu unterjochen und das Regime abzusetzen – ausnahmsweise hat Deutschland hier nicht mitgespielt. Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet Putins Genosse, Gerhard Schröder damals Kanzler war, danach aber seinen Teil zum Krieg gegen die Ukraine beigetragen hat.
Worum geht es wirklich?
Warum also sollte der Irak tatsächlich erobert werden. Wegen der Rohstoffe! Wegen seiner Ölquellen! Genau das Gleiche wie das, was heute geschieht! Nur war es damals good old Amerika – in den Augen des Westens die Guten. Und immer ist es dasselbe bittere Spiel. Eigentlich geht es um etwas ganz anderes, um Rohstoffe. Es sagt nur keiner. Alles „heim ins Reich und Rettung oder Befreiung der Landsleute“ ist vorgeschobenes Blabla (kommt nicht umsonst vom lateinischen blatare = plappern). Es geht im Kern immer um Rohstoffe!
Autor: Eoiuaa, Quelle: Wikimedia.org
Die orange eingefärbten Gebiete wurden bereits von Russland eingenommen, dort gibt es auch die meisten Bodenschätze.
In der Ukraine, die die Kornkammer Europas genannt wird, geht es allerdings weniger um Getreide, obwohl auch dies als Waffe eingesetzt wird. Es geht vielmehr um die größten Gasvorkommen im Schwarzen Meer und die Schätze des Donbass. Genau dort fanden bisher die schwersten Kämpfe statt, genau diese Gebiete hat Russland erobert! Das wollen wir uns im nächsten Teil genauer anschauen …