Teil 6 – ReSolution


„Zweifle nie daran, dass eine kleine Gruppe engagierter Menschen die Welt verändern kann – tatsächlich ist dies die einzige Art und Weise, in der die Welt jemals verändert wurde.“
Margaret Mead

Wie kann es anders gehen?

Derzeit sieht es so aus, als würde die ganze Welt wieder aufrüsten wollen. Als würden wir die Zeiten des Kalten Krieges wiederbeleben wollen, als die Atomwaffen schließlich die Erde 70-mal hätten zerstören können. Abschreckung first und um jeden Preis. 100 Milliarden in Deutschland – mehrere Billionen in der Welt. Die weltweit steigenden Rüstungskosten (die von einer Billion $ im Jahre 2000 schon auf das doppelte angestiegen sind) könnten nun exponentiell explodieren. Als hätten wir nichts Dringenderes zu tun. Als gäbe es keine Armut, keinen Hunger, keine Klimakrise.

Die Rüstungsindustrie wird sich freuen, die Energiefirmen auch. Und wir Deutschen sind endlich wieder wer. Auch militärisch. Wird auch höchste Zeit. Bei all dem Terror, all dem Grauen, der wahnsinnigen Aufrüstung – die heute Realpolitik genannt wird – möchte man aufstehen, so manche Menschen, die das frenetisch feiern, aber vor allem die Politiker schütteln und rufen: Nie wieder!

Aber der Zeitgeist, die Mehrheit scheint davon begeistert zu sein. Dies zu wollen, dies sogar zu bejubeln. Und gar keine Alternative andenken zu wollen. Manche Dinge darf man nicht mal diskutieren.

Und dennoch möchte ich als Deutscher, Europäer und Weltbürger, als Vater, als Mensch, eine andere Möglichkeit ins Spiel bringen. Eine Vision von Frieden und Wohlstand (vielleicht nur eine Utopie), auch wenn es in diesen dunklen Zeiten unmöglich erscheint. Aber die Alternative dazu ist neben der Aufrüstung, im besten Fall ein jahrelanger Stellungskrieg in der Ukraine, mit tausenden Toten und eine Zunahme von Spannungen und militärischen Auseinandersetzungen in der ganzen Welt – so scheint es zumindest. Und die weitere Ausbreitung der totalitären Systeme und damit Unterdrückung der Menschen. Dazu ungeahnte Flüchtlingsströme, die wir vielleicht im Gegensatz zu 2015 „nicht schaffen“ und die in den Entwicklungsländern zu großem Leid und in Europa zu massiven innenpolitischen Spannungen führen können.

Im schlechtesten Fall droht ein Krieg zwischen der NATO und Russland, vielleicht auch – sollte Taiwan angegriffen werden – zwischen der USA und China. Vom Einsatz biologischer Waffen ist schon die Rede, dann folgen möglicherweise auch chemische. Bis zum Einsatz von Atomwaffen oder dem nuklearen Holocaust. Sei es durch Waffen und dem darauffolgenden atomaren Winter oder durch den Super-GAU eines der Atomkraftwerke, oder gar des größten in der Ukraine.

Bei solchen heiteren Aussichten könnte man sich die Alternativen doch zumindest mal anschauen. Es kostet nichts. Es schadet nichts. Und es gibt bei diesen Alternativen wenig zu verlieren, aber alles zu gewinnen. Was hindert uns daran, eine andere Möglichkeit zu bedenken? Was würden sich denn die Menschen, was ganz besonders die Frauen und Kinder wünschen?

  • Frieden zuvorderst. Und sicherlich keinen Krieg.
  • Wohlstand zuvorderst. Und sicherlich keine zerbombten Straßen, Häuser und Kindergärten.
  • Die zugesicherte Souveränität ihres Landes zuvorderst. Und sicherlich kein Einmarsch fremder Soldaten, die eine neue diktatorische Regierung einsetzten oder das Land gleich assimilieren.
  • Sicherheit zuvorderst. Und sicherlich keine Nächte in Bunkern, Sirenen, Bomben, brennende Atomkraftwerke und Ähnliches.
  • Freiheit zuvorderst. Und sicherlich keine Gefangenschaft und auch keine Übernahme ihrer Rechte und Lebensart durch einen fremden Aggressor.
  • Eine Perspektive zuvorderst. Und sicherlich keine Aussicht auf einen langen Krieg oder eine jahrelange Auseinandersetzung, wie sie im Donbass seit 2014 stattfindet.

Oder um es in einem Satz zu sagen: ein Leben unter Anerkennung der grundsätzlichen Menschenrechte, ein Leben in Würde und Freiheit.

Den Menschen in der Ukraine würde ein Leben, wie sie es zuvor schon hatten, wahrscheinlich bereits genügen, auch wenn es noch nicht perfekt war. Aber bis auf die Krim und den Donbass hatte sich die Ukraine aus dem Klammergriff der Sowjetunion befreit und war eine freie, aufstrebende und demokratische Nation. Wie aber wäre ein Ende des Konfliktes möglich? Ist ein langer Krieg und parallel dazu die Aufrüstung der ganzen Welt wirklich der beste Weg? Der einzige Weg? Was gäbe es für alternative Möglichkeiten?

  1. Die klassische Variante des Tyrannenmords mit dem Dolch im Gewande? Welcher Pazifist oder Christ wollte das befürworten? Auch wenn es sich viele offen und manche insgeheim wünschen würden?
  2. Der Sieg im Krieg gegen den übermächtigen Feind scheint unmöglich. Bestenfalls ein jahrelanger Stellungskrieg àla Verdun oder wie die letzten 8 Jahre im Donbass. Mit Heckenschützen, Grabenkämpfen und tausenden Verletzen, traumatisierten und toten Menschen auch und sogar vor allem in der Zivilbevölkerung.
  3. Eine diplomatische Lösung mit einer Teilanerkennung der besetzten Gebiete und einem Rückzug der Armee? Höchstens als ein Vasallenstaat, dessen Rohstoffe Russland ausbeuten kann.
  4. Eine Kapitulation der Ukraine, um das Grauen zu beenden? Sehr fraglich, ob es dann nicht noch schlimmer würde (wie z.B. bei den Nazis in Polen). Und es wird derzeit ausgeschlossen, sämtliche Forderungen in diese Richtung (nicht nur von der Ukraine selbst, sondern u. a. von Ralph Stegner von der SPD und dem Autor David Precht) wurden scharf zurückgewiesen – wollten sich die Ukrainer doch spätestens seit den Kosaken im 17. Jahrhundert keiner Fremdherrschaft unterwerfen. Warum sollten sie es dann heute tun?
  5. Einen überraschenden Eingriff der Nato oder anderer Länder? Nahezu ausgeschlossen. Da ist dann die eigene Haut doch zu teuer.
  6. Oder Putin hat ein Einsehen und beendet den Krieg oder zieht sich zurück. Noch unwahrscheinlicher.
  7. Wird er gar intern gestoppt, weil die Soldaten sterben und das Volk leidet? Oder gar, weil die Oligarchen unzufrieden sind, bzw. nicht mehr zum Shoppen nach Nizza fahren können? Hat Putin alles noch nie geschert. Nahezu aussichtslos.
  8. Der in Teil 3 genannte Aufstand der Frauen? Eine große Chance, schließlich haben sie 1917 schon den Zaren gestürzt. Allerdings ist gut 100 Jahre später, durch die Orwell´schen Überwachungs-Methoden und die moderne Propagandamaschinerie, die Kontrolle des Volkes leichter geworden – aber auch die Vernetzung (wie bei den Demonstrationen in Belarus z. B.). Also gut möglich – eine echte Chance sogar.
  9. Ein Wunder. Gibt es immer wieder. Heute oder morgen können sie geschehen.
  10. Wahrscheinlichstes Szenario ist, dass größere Teile des ukrainischen Staatsgebietes nach jahrelangen blutigen Auseinandersetzungen am Ende doch wieder ins russische System eingegliedert und ins russische Territorium aufgenommen werden. Der Rest muss sich dann Jahre, wahrscheinlich jahrzehntelang vom Krieg erholen und neu aufbauen. Diesmal wieder noch enger im Klammergriff des russischen Bären und ohne das industrielle Herz des Donbass und ohne die rohstoffreichen Gebiete im Schwarzen Meer.

Und ob es bei der Ukraine bleibt oder als nächstes Moldawien (Republik Moldau, wie es offiziell heißt), das Baltikum, Schweden, Finnland, der ehemalige Ostblock oder gar Deutschland angegriffen werden, steht in den Sternen. Besonders in den Sternen, die für die 50 Bundesstaaten der USA stehen. Der russische Bär ist eher ein schlauer Fuchs und so ist es gut möglich, dass er mit der weiteren Expansion bis 2024 wartet. Und hofft (bzw. sorgt selbst dafür), dass die Mehrheit wieder für Trump votiert. Diese Ausblicke sind nicht schön und haben im „Lösungsteil“ eigentlich nichts zu suchen. Aber das, was passiert ist, ist auch nicht schön. Und so sei, bevor wir uns nun endlich dem Silberstreif am Horizont zuwenden, noch ein letztes Mal an die Zeit vor 80 Jahren erinnert: Nie wieder!

Mögliche Szenarien und Lösungen

Sind die USA und ihre League of Democracies gescheitert oder wird Russland nach 1990 ein weiteres Mal eingehegt und zur Regionalmacht degradiert?  Wie könnte man alternativ antworten, außer mit Drohungen, Sanktionen, Säbelrasseln, Waffenlieferungen und Aufrüstung? Was wäre eine andere Perspektive, als eine erneute Aufrüstungsspirale, in nie da gewesenem Ausmaß. Schlimmer als zu Zeiten des Kalten Kriegs, an dessen Ende schon damals fast der atomare Holocaust stattgefunden hätte? Viktor Frankl hat es in der Shoah so ausgedrückt: „Wollen wir eine Brücke schlagen von Mensch zu Mensch – und dies gilt auch von einer Brücke des Erkennens und Verstehens – so müssen die Brückenköpfe eben nicht die Köpfe, sondern die Herzen sein.“ Also mit dem Herzen antworten. Wie aber das von Wladimir erreichen, wo es, außer für ihn selbst, scheinbar wenig Platz gibt?

Da stellt sich die Frage, wie können wir konkret handeln? Nun, wenn die oben vorgeschlagenen zehn Lösungen sämtlich unwahrscheinlich sind und es im Kern tatsächlich nur eine oder einige wenige Personen sind, die dieses unendliche Leid kaltblütig verursachen, dann läge es nahe, solche Menschen nicht mehr an die Macht kommen zu lassen, bzw. sie zu bremsen, wenn sie sich an der Macht in diese Richtung entwickeln. Das wäre das Langzeitziel. Ein Ziel für die Zukunft! In diesem Fall leider zu spät, was also wäre hier möglich?

Ursula von der Leyen legt (gekleidet in gelb-blau) , Europäische Kommission
Ursula von der Leyen legt (gekleidet in gelb-blau) für die Europäische Kommission vor, jetzt müssen „nur noch“ die Mitgliedsstaaten zustimmen.

Man könnte ja zum Beispiel nicht immer auf die Maximalforderung bestehen und sich dann allseits wundern, dass keine Einigung erzielt wird. Einigung auch Kompromiss genannt. Vielleicht an den Ursprung des Problems zurückgehen und ernsthaft verhandeln. Auf den NATO-Beitritt der Ukraine verzichten und vielleicht dafür den EU-Beitritt ermöglichen. Dafür muss man die russische Position (die andere Seite in diesem Fall) verstehen und sie dazu überhaupt erstmal einnehmen. Also nicht Russland, sondern nur den russischen Blickwinkel und aus diesem ist jede NATO-Osterweiterung eine existenzielle Bedrohung.

Bei der EU ist es vielleicht anders, die Ukraine hat den Antrag auf die Mitgliedschaft schon kurz nach Putins Einmarsch gestellt und im April war Ursula von der Leyen in Kiew, um Hoffnung zu machen: „Die Ukraine gehört zur europäischen Familie“. Sie wolle den Prozess, der normal Jahre dauere, in wenigen Wochen oder Monaten abschließen. Schon der Kandidatenstatus wäre ein wichtiger Schritt und wenn es nicht wieder an Orban scheitert, stehen die Chancen recht gut. Olaf Scholz wollte ja nicht mit leeren Händen in die Ukraine reisen und hatte im Huckepack Macron, Draghi und den rumänischen Präsidenten Johannis dabei. Alle vier sprachen sich für den Kandidatenstatus aus und wenig später folgte aus Brüssel die Empfehlung von Ursula von der Leyen. Der langfristigen Perspektive des Kremls steht dies diametral gegenüber, heftigste Reaktionen wären zu erwarten.

Alexander Kluge – ein Künstler – spricht in Bezug auf die derzeitige Situation hingegen andersrum denkend, von einem Möglichkeitsraum. Er empfiehlt, den Punkt zu lokalisieren, der für beide Seiten eine Verständigung ermöglicht. Sieger ist dann nicht – so wörtlich – der Kluge, der die Schlachten gewinnt, sondern wer einen Frieden herstellt, egal wie weit zurück der Anfangspunkt der Konfrontation in der Vergangenheit liegt. Dieser Lösungsansatz wäre die Aufgabe der Diplomatie, der Politik, der Staatenlenker und Minister auf höchster Ebene. Vielleicht geschieht es schon. Bisher zumindest nicht sichtbar oder mit geringem bis gar keinem Erfolg. So wird es zumindest ausgedrückt. Vielleicht aber sind es die Maximalpositionen, die zum Scheitern führen. Vielleicht gelingt es den westlichen Regierungschefs gar nicht, die Bedürfnisse zu erkennen. Wahrscheinlich ist, dass eine Lösung (zumindest von einer Partei) gar nicht wirklich gesucht wird, denn wenn beide Seiten den Willen haben, gäbe es auch einen Weg.

Doch oft lässt gerade dies der Konflikt zwischen Stammhirn und Kortex erst gar nicht zu. Die Dominanz des Stammhirns lässt sich an der Ausprägung von Merkmalen wie Isoliertheit, Skrupellosigkeit, Gewaltbereitschaft und mangelnder Empathie leicht erkennen. Ein Mensch, der weitgehend von seinem Stammhirn dominiert wird, erteilt gerne Befehle, liebt Statussymbole, strebt nach Macht und kümmert sich ausschließlich um seine momentanen eigenen Bedürfnisse. Er denkt nicht zukunftsorientiert und handelt oft spontan und unvorhersehbar. Kommt einem irgendwie bekannt vor.

Im Laufe der Evolution hat sich aber direkt in unserem Kopf ein „Gegenspieler“ entwickelt, der für vernünftiges, abwägendes und empathisches Handeln steht: Der präfrontale Kortex – der die Dominanz des Stammhirns in weiten Teilen aufheben kann und zu Freiheit für uns selbst und damit zur Freiheit der Welt führen kann. Dies zu erkennen, zu trainieren und damit zu affirmieren, wäre ein wichtiger Schritt in eine neue Welt.

Oder die klassische psychisch-mentale Aufarbeitung der drei großen Kränkungen in der Freud'schen Art und Weise. Dabei müsste z. B. Putin verstehen, dass er nicht der Mittelpunkt des Universums ist (kosmologische Kränkung), dass seine Gene zu 99 % einem Schimpansen entsprechen (biologische Kränkung) und dass sein aufgeblasenes Ego sich noch mit einem Es und einem Über-Ich arrangieren muss (psychologische Kränkung). Der Therapeut, der das schafft, ist wahrscheinlich noch nicht geboren und wenn, kommt er nicht mal in die Nähe des Kremlchefs. Dazu kommt dann auch noch die vierte Kränkung, dass sich die ukrainischen Menschen gar nicht über die Befreiung durch ihren großen Bruder freuen. Schwierig, hier eine Änderung herbeizuführen, aber nicht unmöglich. Gorbatschows Glasnost und Perestroika hat auch niemand vorhergesehen. Vielleicht kann ein modernerer Rasputin als Kyrill eine Einsicht bei Putin bewirken.

Noch einen Schritt weiter würde eine epigenetische Betrachtung gehen. Die meisten Despoten hatten eine schwierige, manchmal traumatische Kindheit, viele kamen aus ärmlichen Verhältnissen und mussten ums Überleben kämpfen, so auch Wladimir Putin auf den Straßen Leningrads. Fast alle Diktatoren (wie Hitler, Stalin, Trump, Erdogan, Bolsonaro) hatten eine Kindheit mit grausamer Erziehung. Aus diesem Minderwertigkeitsgefühl wurde mit Macht verbunden ein aufgeblasenes Ego mit Größenwahn. Und aus Angst umgebracht zu werden entwickelte sich Paranoia.

Und so ist auch für uns, die solche Menschen verdammen, wichtig zu erkennen, dass in jedem Monster meist ein sehr verletztes Kind steckt. So kann Dämonisierung relativiert und Vergebung initiiert werden. Denn oft hatten nicht nur die Eltern, sondern auch schon die Groß- und Urgroßeltern mit ähnlichen Themen zu kämpfen. Derartige Traumata bewirken Verhaltensänderungen und hinterlassen in der DNA messbare Spuren, die zu teils massiven psychischen Störungen führen können. Dass diese über mehrere Generationen weitergegeben werden, wurde nicht nur bei Mäusen, sondern auch bei Menschen festgestellt. Die gute Nachricht ist, dass die Schädigung reversibel ist und bei entsprechender Behandlung heilbar. Die schlechte: Es dauert. Aber es wäre ein Weg, der prophylaktisch eingeschlagen werden kann. Jetzt.

Und aus einem noch größeren Blickwinkel betrachtet, könnte man sich diesem Thema auf nationaler bis globaler Ebene widmen.  Völkerpsychologische Aufarbeitung oder Epigenetik auf nationaler Basis, denn einige Themen, die der Einzelne mental nicht mehr begreifen kann, werden durch historisch verletzte Gefühle ganzer Nationen erklärbar: Völker, die sich jahrhundertelang bekriegen (wie Frankreich und England), Religionskriege (wie zwischen Israel und Palästina), Bürgerkriege (wie in den USA – vor kurzem fast wieder), Familienfehden (wie innerhalb der italienischen Städte) oder auf kontinentaler Ebene der ewige Kampf zwischen Orient und Okzident.

Das große Duell der Neuzeit hingegen heißt Westen gegen Osten oder je nach Diktum Freiheit gegen Diktatur bzw. Dekadenz gegen Identität. Auch in diesem Krieg spielt die Epigenetik auf nationaler Ebene wohl eine große Rolle, wie wir in Teil 1 gelesen haben. Polen, das Baltikum und die Ukraine wurden überfallen und die Bevölkerung grausam misshandelt. Zarenzeit, Holodomor, 1. und 2. Weltkrieg sowie die Stalinzeit haben ihre Spuren in allen beteiligten Ländern hinterlassen. Ebenso der Zerfall der Sowjetunion und die folgende Schmach von Russland, als Herabstufung zu einer „besseren Tankstelle“ und Barack Obamas Degradierung zur Regionalmacht.

So etwas bleibt epigenetisch im kollektiven Gedächtnis hängen und kann ganze Nationen betreffen (wie das ewige Schuldbewusstsein durch die Taten des Nationalsozialismus in Deutschland oder auf der anderen Seite die Minderwertigkeitsgefühle von vielen People of Color). Im Falle der derzeitigen Krise könnte eine Aufarbeitung, z. B.  als Science-Fiction-Film in den (sozialen) Medien großflächig Erkenntnis bringen. Oder ein Rollenspiel mit Schauspielern, die Putin und Selenskyj darstellen, um Möglichkeiten der Lösung als Mediation zu zeigen. Das Verrückte ist, dass Selenskyj den ersten „Diener des Volkes“ im gleichnamigen Film schon vor seiner politischen Karriere als Komiker gespielt hat. Ein Versuch wäre es wert, vielleicht kann er später mal den russischen Präsidenten darstellen.

In dieser Aufarbeitung wollen wir auf die medizinisch-psychologischen Ansätze nicht weiter eingehen, denn dafür ist es in diesem konkreten Fall zu spät. Und ob hier ein Zufall entscheidet oder gar ein Wunder geschieht; niemand weiß es. Aber eine auch nur in Ansätzen gute Lösung scheint nicht in Sicht. Und dennoch: es ist noch nie da gewesen, dass der Sicherheitsrat, die EU, die USA, sogar die neutrale Schweiz einhellig und mit einer lauten Stimme das sofortige Ende eines Krieges fordern und auch gemeinsam handeln, um dies zu erreichen. Auch der Judoverband hat reagiert und Putin als Ehrenpräsident abgewählt, sogar der schwarze Gürtel wurde ihm aberkannt. Wie wäre es denn, wenn der Sieg statt auf dem Rücken der Zivilisten, wie früher im Duell Mann gegen Mann, Selenskyj versus Putin entschieden wird? Elon Musk, der sich anscheinend ebenso unbesiegbar hält, hat Putin, wie beschrieben, den Fehdehandschuh schon hingeworfen.

Da dieser Zweikampf wohl nicht zur Verwirklichung kommt, konzentrieren wir uns auf die größte Möglichkeit. Denn eine große Chance für den Moment und für die Zukunft liegt in der Einigkeit des Großteils der restlichen Welt. Anstatt die gewünschte Spaltung zu erreichen, ist das Gegenteil passiert: Nie waren die EU, Europa, die NATO, die transatlantischen Freunde, der gesamte Westen und die Länder am Pazifik wie Australien, Neuseeland, Südkorea und Japan so vereinigt wie derzeit. Wenn Russland von der Weltgemeinschaft tatsächlich so isoliert werden würde, wie z.B. Nordkorea oder der Iran, dann könnte ein Ende des Krieges vielleicht herbeigeführt werden. Auch wenn jeder Realpolitiker nur den Kopf schütteln wird. Und sagen wird: „Unmöglich“. Aber es sind schon viele unmögliche Ereignisse eingetreten. Auf jeden Fall hätte man viel früher so einheitlich reagieren müssen und eine klare rote Linie ziehen.

Denn spätestens als über hunderttausend Mann (manche sagen über 150.000 Soldaten) an der Grenze zur Ukraine zusammengezogen und in Gefechtsbereitschaft versetzt wurden, war eigentlich ziemlich klar, was passieren würde. Nur wollte es niemand sehen. Niemand wollte es glauben. Dass das passiert, was zu vermuten war. Verständlich, denn es hätte schmerzhafte Einschnitte bedeutet und ein Erkennen der eigenen Fehler und Schwäche. Und es war ein Paradigmenwechsel. Eine Zeitenwende. Die Nachkriegsordnung erschüttert. Die Zeit des Friedens, vorbei. Nie wieder. Nun, kann man die Zeit nicht zurückdrehen.

Aber man kann sich schon fragen, was hätte man anders, vielleicht sogar besser machen können. Was kann man nun daraus lernen? Hat leider nur die letzten 2000 Jahre und wahrscheinlich auch schon vor Christus nicht so gut funktioniert. Die Geschichtsbücher werden meistens von den Siegern geschrieben, so dass die Verlierer gar nicht zu Wort kommen. So passiert wieder und wieder dasselbe. Die Welt wurde durch die Globalisierung, zum Teil im positiven Sinne, zu „Einer Welt“ und durch die Pandemie und den Klimawandel (negativ konnotiert) zu dem einzigen Planeten, den wir haben. Doch es gibt Hoffnung …

Die deutsch-französische Freundschaft, die Vereinigten Staaten, die Wiedervereinigung, ein grenzenloses Europa. Die EU wurde sogar vom Dalai Lama als Vorbild gesehen, in das die Russen aufgenommen werden sollten, was sicherlich nicht schlecht gewesen wäre – zumindest die Einladung. Der Westen jedoch verspottete den Osten, verteufelte ihn. So wie die Tibeter, wie die Uiguren von der Supermacht China verachtet wurden. Genauso wie der gesamte Westen, der von China und Russland als Auslaufmodell gesehen wird. Sind doch Demokratie und freie Meinungsäußerung nicht sehr bequem für die Machthaber. Es könnte ja widersprochen oder gar protestiert werden. Und im schlimmsten Fall würde man, wie Kollege Donald aus dem Amt gewählt werden. Nicht mal der Sturm des Kapitols und Wahlfälschung würden helfen. Dennoch, der große Friede schien trotz aller Spannungen greifbar. Doch der Schein trug und das Undenkbare geschah. Aber was können wir tun? Welche Alternativen oder zusätzliche Möglichkeiten gibt es, außer Sanktionen und Aufrüstung und schließlich als „ultima irratio“ Krieg mit Krieg zu beantworten?

In Konflikten hilft es immer auch zu versuchen, die Position des anderen einzunehmen. In diesem Fall für uns aus den Augen des Ostens auf die Situation zu blicken. So wie wir es vorhin getan haben. Und ob dann der westliche Imperialismus der Neuzeit (an die Kreuzzüge und die Kolonialisierung sei hier nur am Rande erinnert) mit dem Holocaust, mit Vietnam, mit dem Irak, Afghanistan und Afrika, genauso schlimm oder schlimmer war, als die Gräueltaten des Ostens, das mögen andere bewerten. Den ersten Stein sollte nur der werfen, der ohne Schuld ist – und selbst der könnte es lassen…

Aber was können wir – was kann jeder Einzelne noch tun, außer Geld spenden, Hilfsgüter sammeln, Flüchtlinge aufnehmen, die höheren Kosten zahlen und beten? Nun. Wir können uns einen Überblick verschaffen, versuchen die Fakten kennenzulernen, uns der Situation bewusst zu werden und daraus schließend Möglichkeiten erkunden. Möglichkeiten, was sich ändern kann, Möglichkeiten was wir tun können, Möglichkeiten, was unsere Beteiligung sein könnte. Es scheint zwar keine oder kaum Zeit dafür zu sein. Aber der Mensch hat auch gezeigt, wie schnell er Lösungen finden kann, wenn er denn will.

Das war beim Waldsterben (Katalysator), beim Ozonloch (FCKW-Verbot), bei der Finanz- und Eurokrise (Rettungsschirme), bei der Pandemie (Impfstoffe) so, um nur einige Beispiele zu nennen. Gut, bei der Klimakrise und beim Artensterben klappt es noch nicht so, aber die ersten Ansätze gibt es. Von Schnelligkeit kann man allerdings bei den letztgenannten Herausforderungen wahrlich nicht sprechen.

Der neue Bericht des Weltklima-Rates hat über 50 Jahren nach der ersten Veröffentlichung – dem Nachhaltigkeits-Bericht des Club of Rome – nämlich im Prinzip nur eines aufgezeigt: Dass wir die letzten 50 Jahre nichts getan haben und sich die Lage immer noch mehr verschlechtert. Obwohl sie sich doch eigentlich, sogar gesetzlich vorgegeben, schon längst verbessern müsste. Und nun haben die Pandemie und der Krieg die Situation noch verschärft.

Früher hieß es: die größte Plage der Menschheit sei der Krieg. Warum sollte es nicht auch hier eine Lösung geben? Muss erst wieder, wie ´62 und ´83, die vollständige Vernichtung der Menschheit im Raum stehen? Wer schafft es zuerst? Wer schafft es diesmal? Der Klimawandel, das Artensterben oder der Krieg? Oder eine der zahlreichen anderen Herausforderungen? Aber bleiben wir bei der heutigen Situation.

Wir könnten doch, Deutschland müsste doch, allein schon aufgrund der historischen Verantwortung, einen anderen Weg einschlagen, als die übrigen europäischen Länder. Warum nicht sogar in Abstimmung und mit dem Einverständnis Europas, dem Goodwill der NATO und vielleicht sogar dem Lob und der Anerkennung der Welt einen echten pazifistischen Weg beschreiten.

Und um hier und jetzt das Undenkbare zu denken: Einen Weg ohne jegliche Verteidigung der Grenzen nach außen, nicht wehrlos gegenüber den anderen, sondern vertrauensvoll. Muss denn eine Demokratie wirklich immer Wehrhaftigkeit aufzeigen? Erst einmal sagt jeder ja, wir hören es jeden Tag aus Berlin. Aber wenn man diesen Satz, diese Plattitüde hinterfragt, sollte man den Sinn oder die Eindeutigkeit dieser Aussage auf jeden Fall in Frage stellen.

Oder besser gesagt die folgenden Fragen stellen: Was bedeutet denn Wehrhaftigkeit? Ist das immer militärisch zu sehen? Welche Resilienz wäre noch möglich, vielleicht sogar besser? Wann oder warum muss den eine Demokratie wehrhaft sein? Wann muss eine Demokratie nicht wehrhaft sein? Zumindest nicht gegen außen, wenn ihr von dort keine Gefahr droht. Durch andere Länder zum Beispiel, andere Armeen, Streitkräfte oder sonstige Gefahren. Von Innen bleibt genug Herausforderung. Vielleicht sollte eine Demokratie vor allem wehrhaft gegen die Repräsentanten sein, die sie missbrauchen.

Wie jeweils nach dem Ersten Weltkrieg die Weimarer Demokratie oder die Erstarkung der AFD in diesen Jahren zeigt. Der Sturm aufs Kapitol in den USA, die Nationalisierung in der größten Demokratie der Welt in Indien durch Modi, es gibt genügend Beispiele. Aber diese inneren Herausforderungen sollen heute nicht Thema sein. Kommen wir deswegen zurück zu der Gefahr von außen. Was bedeutet eine wehrhafte Demokratie? Wie könnte ein anderer Weg aussehen? Was schadet es, einen solchen zu überdenken, zu skizzieren? Was kann dabei entstehen? Und gibt es etwas zu verlieren?

Wenn z. B. Russland weltweit isoliert würde, isoliert ist, und nahezu alle Länder mit friedlichen Mitteln den Krieg beenden wollen, beenden wollen würden, erscheint selbst das Unmögliche möglich. Oder wenn das Militär selbst revoltiert oder wie beim Militär eher üblich, putscht. Hätte im August 1991 bei Gorbatschow schonmal fast funktioniert. Oder das russische Volk (besonders die Frauen) so sehr leidet, dass es trotz Repressalien zu Millionen auf die Straße geht. Was in Belarus allerdings nicht funktioniert hat, aber nur dank der Hilfe Putins, dem großen Bruder von Lukaschenko.

Aber Putin selbst hat keinen großen Bruder mehr. Obwohl wer weiß, China ist in solchen „Tiananmen-mäßigen“ Angelegenheiten auch erfahren und könnte sicherlich gut helfen, aber dass Xi in einem solchen Fall helfend eingreift, erscheint dennoch unwahrscheinlich. Hat doch schon Hongkong so einiges an internationaler Reputation gekostet. Wie in China sind auch einige Tausend Russen schon im Gefängnis gelandet und die Strafen für Meinungsäußerung oder Demonstration wurden drakonisch verschärft. Für ein Schild auf dem Frieden steht, kommt man für 30 Tage oder länger ins Gefängnis, für die Aussage, dass es sich um einen Krieg handelt, können es sogar 15 Jahre werden. Und selbst eine Blume in der Hand zu halten, ist schon gefährlich.

Aber wenn der Diktator mit friedlichen Mitteln aus dem Amt getrieben wird, wäre so viel gewonnen.

Damals zur Zeit der Wiedervereinigung, zur Zeit der Wende, war dies der Fall. Der friedliche Übergang und die Wiedervereinigung – Putin war live dabei; der Fall der Mauer. Wer hätte das für möglich gehalten und doch geschah es. Ohne Blutvergießen. Ohne Mord und Todschlag, in Einigkeit und Absprache von Westen und Osten. Auch hier wurden Fehler gemacht. Zahlreiche. Und Leid geschah. Aber das soll heute nicht Thema dieser Zeilen sein. Denn heute geht es darum, was möglich ist, was Mut machen kann. Und damals geschah für uns alle überraschend das Undenkbare. Ein Wunder. Ein diktatorisches Regime wurde entmachtet. Durch die Kraft der Demonstration, durch die Kraft des Volkes. Im Frieden.

Es wäre sehr hilfreich, wenn daraus und aus der Ukrainekrise die Erkenntnis entstünde, dass es künftig einen Mechanismus geben sollte, der eine mögliche Wiederholung unterbinden kann. Z.B. ein Gremium ähnlich der UN, sodass ein Land mit Vetorecht im Sicherheitsrat nicht mehr alle bindenden Vereinbarungen blockieren kann. Die Vollversammlung dieses Gremiums – Arbeitstitel: Weltrat – sollte zum Beispiel mit einer qualifizierten Mehrheit von 75 % den Regierungschef oder die Regierung jedes einzelnen Landes der Erde abberufen können.

Ein frommer Wunsch sicherlich, denn nicht nur Russland, auch China und die USA würden aufheulen und allein bei dem Gedanken ein wenig Souveränität aufzugeben, Zeter und Mordio schreien. Immer sind es die Mächtigsten, die sich dagegen wehren, dass Gleichheit herrscht. Aber wenn alle Länder, die sich dem verweigern und versagen, isoliert und von jeglichem Handel abgeschnitten würden, müssten selbst die größten Mächte vielleicht vor der übermächtigen Mehrheit kapitulieren.

Noch gibt es natürlich, wie auch in diesem Fall in Russland, ein geeignetes und gutes Mittel sich gegen solche Gremien oder solche Versuche zu wehren. Schiere Gewalt, militärische Macht: Panzer, Raketen oder noch besser der rote Knopf oder die atomare Drohung, denn gegen eine Atommacht kann man keinen Krieg gewinnen. Zum Schein würden aber irgendwann vielleicht sogar alle Länder mitmachen. Nur wenn man dann wirklich mal selbst dran ist, findet man es doch keine so gute Idee mehr entmachtet zu werden. So wie Trump, der kaum aus dem Weißen Haus zu kriegen war. Aber er hatte, obgleich Oberbefehlshaber der US-Armee dennoch keine Panzer zur Verfügung und war Präsident einer Demokratie, in der das Volk entscheidet oder zumindest als Souverän entscheiden sollte.

Also müsste bei der oben skizzierten Lösung statt Aufrüstung eine Demilitarisierung, bis zur Entmilitarisierung aller Länder miteinhergehen. Und nur die UN hätte eine kleine Eingreiftruppe für Notfälle. Bis auch diese vielleicht nicht mehr notwendig wäre. Frieden schaffen, ohne Waffen, der alte Traum, der nie funktioniert hat. Aber wer weiß. Manchmal geht aus einer Krise, aus einem Inferno auch etwas Positives hervor – bezeichnet sie doch ursprünglich den Wendepunkt eines Konfliktes. Die Rüstungsindustrie würde voller Entrüstung über die Entrüstung aufheulen und die Staatschefs beknien. Millionen Arbeitsplätze gingen verloren, so würden die Argumente in den Ring geworfen werden, wenn die Lobbyisten ihre Arbeit aufnehmen. Aber gesamtgesellschaftlich könnte das Geld und die Arbeitskraft, die für die Rüstung ausgegeben werden, doch wesentlich besser eingesetzt werden, um die wirklichen großen Bedrohungen zu bekämpfen. Wie Armut, Flucht, Klimakrise und Artensterben. Und die Schäden, die durch Kriege entstehen (zur Erinnerung: in der Ukraine ist mehr als eine Billion € prognostiziert) könnte man sich auch sparen.

Die Rüstungsindustrie könnte trotzdem einen guten Teil des Wehretats bekommen, aber damit sinnvolle Dinge tun. Es wäre also nicht nur ein Win Win, sondern ein Triple Win, vielleicht sogar ein Quadruple Win, oder noch mehr, so dass hier Worte nicht mehr ausreichen. Aber lassen Sie uns, auch wenn es vielleicht an die Zeiten von Vietnam oder die Stimmen von Hippies und ihr „make love not war“ erinnert, dennoch in diesen dunklen Tagen den Blick auf einen möglichen Silberstreif am Horizont richten. Lassen Sie uns die Hoffnung nicht aufgeben. Lassen Sie uns einen gemeinsamen Traum träumen. Auch wenn er vielleicht nur ein Traum bleibt. Deutschland ist nicht nur ein Beispiel für eines der größten Grauen der Geschichte, wenn nicht des Größten.

Nie wieder!

Es ist auch ein Beispiel für eines der größten Wunder – der friedlichen Wiedervereinigung. Und Europa ist nicht nur ein Beispiel für die schlimmsten Gräueltaten und Kriege. Es ist auch ein Beispiel für einen der größten Erfolge – ein friedlich vereinter und grenzenloser Kontinent. Fast.

Stellen Sie sich daher mit mir gemeinsam eine solche Welt zumindest vor. Wer würde eine Welt ohne Krieg nicht bevorzugen? Nun da gibt es schon ein paar. Die ganz wenigen, die an der Macht sind und diese nicht aufgeben wollen. Um keinen Preis der Welt. Die dafür sogar den ganzen Planeten vernichten würden. Aber wollen wir von solchen Menschen wirklich gelenkt (und gelinkt), regiert und ins Verderben geführt werden?

Würde das eben beschriebene Szenario in China, Indien, den USA, Russland und Europa diskutiert und schließlich ratifiziert werden, könnte es zu einer neuen Wirklichkeit werden. Einer Wirklichkeit, die vom Volk mit friedlichen Mitteln und gewaltfrei erzwungen wird. Im Buch „das Ministerium der Zukunft“ ist solch ein Szenario auf 700 Seiten beschrieben. Besser als ich es je könnte. Kein Militär, kein Krieg, Despoten oder solche, die sich dahin entwickeln, würden aus dem Amt entfernt und dürften Urlaub auf Elba oder einem anderen Eiland machen. Übrigens eine sehr schöne Insel, ich war da.

Es könnte der Beginn einer neuen Wirklichkeit sein. Denn wozu bräuchte man dann noch Grenzen oder Staaten? Um Flüchtlinge abzuhalten? Mit dem Wegfall von Militär und Krieg wäre die größte Ursache der Flucht erledigt. Mangel und Armut kämen vielleicht als Nächstes dran. Und wer wollte dann noch aus seiner Heimat, von seinen Familien, von seinen Freunden in eine ungewisse Zukunft fliehen, um in Auffanglagern eingepfercht zu werden, oder auf dem Meer oder der langen Reise vergewaltigt oder getötet zu werden? Und selbst die, die es schaffen, sehen dann einer ungewissen Zukunft in einem fremden Land entgegen (als Paria, so heißen in Indien die Menschen, die keiner Kaste angehören). Aber was hat das alles mit mir zu tun, fragt man sich gerne?

Nur ein Moment

Nur ein Moment. Ich bitte sie um einen einzigen Moment. Um sich einmal zu erlauben, sich dieses Bild vorzustellen. Denn hier geht die Vision noch ein Stück weiter. Eine Welt ohne Grenzen. Eine Welt ohne Krieg. Eine freie Welt. Ein gesunder Planet.

EINE WELT.

Vielleicht gibt es nur ein paar tausend. Vielleicht nur ein paar Hundert, die sich das nicht wünschen. Vielleicht ist es sogar nur eine Hand voll, die die Macht haben, dies zu verhindern. Aber sicher ist, dass es über 8 Milliarden gibt, die sich das wünschen. 45 Millionen davon heute besonders sehnlich. Lassen Sie uns dies gemeinsam träumen. Und so den Beginn einer neuen Wirklichkeit erschaffen …

Zum Abschluss noch eine Geschichte, sicherlich nicht die bestmögliche Geschichte und daher auch keine ganz schöne Geschichte. Aber dafür eine mögliche Geschichte.

Eine Geschichte

In der Luft kann sich die Ukraine der russischen Übermacht nicht erwehren. Eine Flugverbotszone über der Ukraine wird dennoch nicht eingerichtet, obwohl sogar die Künstler poetisch fordern den Himmel zu schließen. Aus Sorge um eine drohende europaweite Auseinandersetzung und aus Angst vor einem Krieg zwischen der Nato und Russland – der sich zum 3. Weltkrieg ausweiten könnte. Die Zivilbevölkerung der Ukraine wird daher zunehmend durch Raketenangriffe und Kriegsflugzeuge mit Bomben, genauso wie durch die Heerestruppen, die weiter vorstoßen und durch großkalibrige Panzerangriffe weiter zermürbt.

Vermeintliche Zugeständnisse und Rückzugsankündigen erweisen sich als Nebelkerzen. Wie schon in Syrien und Tschetschenien finden vielmehr zunehmend Massaker an der Bevölkerung statt – in einigen Orten wie Butscha so extrem, dass man vom russischen Schlachter, vom „Butcher“ sprechen muss, ein grausames Schlachtfest. Ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit jenseits aller Worte. In Borodjanka und Irpin soll es noch schlimmer sein und doch könnten diese beiden Namen erst der Anfang von einem noch größeren Grauen sein.

Das Embargo und die Sanktionen sind zwar die schärfsten, die je gegen sein Land verhängt wurden, verhindern aber nicht, dass weiterhin Tag für Tag über eine Milliarde Dollar in die russische Kriegskasse gespült wird. Der Schaden des Verzichts auf russisches Öl, Gas und andere Rohstoffe wäre für die europäische Wirtschaft zu groß, so heißt es. Nun, wenn der Westen nicht will, dann dreht der Kremlchef den Gashahn halt selbst langsam zu, aufgrund der steigenden Preise kann er es sich leicht leisten. Es wird sich daher wohl erst im Nachgang herausstellen, ob der Schaden durch den Verzicht auf die fossilen Rohstoffe oder der Verzicht auf das Embargo teurer ist.

Aber selbst, wenn die nächsten Runden die Sanktionen verschärfen und komplett auf Öl und Gas verzichtet wird: Die Politologin Rosetta Capella hat die Kriege der letzten 200 Jahre ausgewertet und kommt zu dem Schluss: „Mir ist kein Krieg begegnet, der aus Geldgründen beendet wurde.“ Und tatsächlich, wenn man an Länder wie Nordkorea oder Iran denkt, die vom Rest der Welt fast isoliert wurde, muss man feststellen, dass das eigene Volk zwar unglaublich leidet, Geld für Militär und Aufrüstung aber immer genug da war. Sanktionen erreichen nur in etwa 1/3 aller Fälle ihre Ziele und auch da oft nur in Teilbereichen.

Es liegt also nahe, dass auch die 6. Sanktionsrunde das menschliche Drama nicht stoppen wird. Derzeit bewirken sie zumindest in Russland sogar eine Gegenbewegung (das Volk sieht dank der Propaganda den Schuldigen im Westen und schart sich hinter seinem Präsidenten – und auch im Westen gibt es zunehmend Autokorsos mit russischen Fahnen). Und auch die Waffenlieferung und die finanzielle Unterstützung reichen bei Weitem nicht aus. Die Ukraine fühlt sich daher zu Recht als Bollwerk für den Westen und als menschlicher Schild von Europa missbraucht. Die USA können sich mehrfach die Hände reiben, bei steigenden Einnahmen aus ihrem LNG und Waffenverkauf, schwächt sich der ewige Iwan gleichzeitig selbst. Ob diese Rechnung aufgeht?

Denn auf der anderen Seite dauert der Krieg wesentlich länger als von Putin geplant und der Diktator ist not amused. Dafür muss jemand büßen. Strategen, Generäle und die schlechten Berater im eigenen Land – sie werden wie Schulbuben abgekanzelt und öffentlich gedemütigt, wie es live im TV beim Leiter des Auslandsgeheimdienstes Sergej Naryschkin zu sehen war. Und die ersten Köpfe (der Chef des Inlandsgeheimdienstes FSB und dessen Stellvertreter wurden unter Hausarrest gestellt) rollen auch schon, der Verteidigungsminister, ein enger Vertrauter Putins, ward zeitweise gar nicht mehr gesehen. Stattdessen genießt Putins langjähriger Weggefährte, General Sergej Surowikin jetzt sein Vertrauen. Er hat schon, vor 30 Jahren in Moskau Demonstranten mit dem Panzer überrollt, war schon in Afghanistan und Syrien dabei und ist derzeit wahrscheinlich der Oberkommandierende des Vernichtungskrieges. Je länger der „Blitzkrieg“ noch dauert, desto mehr gerät auch er in Gefahr und es werden noch viele weitere folgen, denn immer sind andere Schuld.

Doch das sind einzelne Schicksale und möglicherweise sind die Mittäter auch nicht unverschuldet ins Visier geraten. Weitaus schlimmer müssen die Menschen in der Ukraine büßen. Denn der unerwartete Widerstand des ukrainischen Militärs und der große Einsatz der Bevölkerung, die, anstatt die russischen Befreier freudestrahlend zu empfangen, Molotowcocktails und Tarnnetze baut und kämpfen möchte, erfreut den Befreier in spe keineswegs. War er doch als der große Retter des kleinen Bruders vor dem Westen und den drogensüchtigen Nazis in die Schlacht gezogen – und was ist der Dank dafür?

Wegen des Misserfolgs in Bezug auf den ursprünglich geplanten Blitzkrieg werden die Angriffe folglich zunehmend brutaler und konzentrieren sich mehr und mehr auf die Zivilbevölkerung. Chemische und biologische Waffen werden eingesetzt, deren Einsatz aber dementiert. Dieselbe Taktik wie schon in Tschetschenien, Syrien, etc. Die Opferzahlen steigen, die Schäden im Land nehmen zu. Zur Erinnerung: Das sind Menschen. Hört sich sonst so neutral an. Keine Opfer, keine Zivilbevölkerung, Menschen wie Du und ich, die in den Kellern ausharren, verletzt werden und sterben, zum Teil elendig verrecken.

Nach über einem Jahr dieses schmutzigen Angriffskrieges wird Kiew im zweiten Versuch schließlich eingenommen und der Präsident und das Kabinett festgesetzt und entmachtet. Wenig später fällt eine Phosphorbombe und der organisierte ukrainische Widerstand bricht auch im Rest des Landes vollends zusammen, die Armee kapituliert und das Land unterzeichnet die Lemberger Vereinbarung. Eine prorussische Statthalter-Regierung wird eingesetzt und eine ehemals unabhängige Nation, die 1991 gegründet wurde (bei einem Volksentscheid hatten sich über 90 % der Bürger für einen freien, souveränen Staat ausgesprochen) ist nach über 30 Jahren plötzlich nur noch russische Geschichte.

Als Schutz vor den westlichen Terroristen und zur Sicherung der neuen Staatsgrenzen werden die Soldaten der Eroberungsarmee im Land belassen und an den Grenzen zu NATO-Ländern zusammengezogen und konzentriert. Das sind für diejenigen, die keine Helden der Geographie waren: Polen, Ungarn, die Slowakei und Rumänien. Von dreien dieser Länder waren die Regierungschefs vor kurzem in Kiew, sicherlich kein Zufall, denn sie könnten die nächsten sein.

Sicherlich auch kein Zufall war aber, dass einer fehlte, Viktor Orban der Putinfreund, der kurz vor Ausbruch des Krieges noch einen Sonderrabatt Gas aushandelte, der seine Regierungsform selbst als „illiberale Demokratie“ bezeichnet, der im April wiedergewählt wurde und nun seine 4. Amtszeit antritt (in Ungarn war dazu anders als in Russland keine Verfassungsänderung notwendig). Orban hat sich nie vom Krieg gegen die Ukraine distanziert oder diesen gar verurteilt. Nun möchte er nach seiner Wiederwahl sogar seine Vorteile daraus ziehen.

Als NATO und EU-Mitglied trägt Ungarn zwar die Sanktionen zähneknirschend mit, nimmt auch Flüchtlinge auf, aber im Wahlkampf fallen Parolen wie: „Vielleicht war die Unabhängigkeit der Ukraine doch keine so gute Idee“. Vielleicht erhoffte man sich sogar bei einer späteren Aufteilung des Landes eine Portion abzubekommen und die Schande aus dem Vertrag von Trianon (der mit einem Verlust von 2/3 des Staatsterritoriums einherging) wiedergutzumachen.

Und tatsächlich für den Schutz der südlichen Grenze der Ukraine bittet Russland die Ungarn um Unterstützung (die alte Spaltungstaktik). Das wird aber dann doch knapp abgelehnt – im worst case ist, man erinnert sich an die brutale Niederschlagung des Aufstandes von 1956, Paragraph fünf doch noch wichtiger. Etwas mehr Land wäre zwar schön, ganz aufgehen in der Russkij Mir möchte man dann aber lieber doch nicht. Und so werden auch an der Grenze zu Ungarn russische Soldaten in hoher Zahl stationiert. Zur Kontrolle der Grenzen und des Staatsgebietes der Ukraine müssen natürlich zusätzlich auch viele Soldaten auf dem ukrainischen Territorium bleiben. Doch die Bevölkerung akzeptiert die neuen Herren nicht und wehrt sich immer wieder. Zum Teil mit Demonstrationen und Unmutsbekundungen, zum Teil aber auch mit militärisch primitiven Maßnahmen, mit Molotov-Cocktails und Kalaschnikows.

Viel erreichen können sie damit nicht, das war schon in Belarus ersichtlich. Dennoch sind es ständige kleine Nadelstiche für den russischen Machthaber. Aber den verleiten Mückenstiche oder lästige Fliegen nur dazu, umso härter nach ihnen zu schlagen. Sagte er doch wörtlich: „Jedes Volk, das russische Volk ganz besonders, wird immer in der Lage sein, das Gesindel und die Verräter zu erkennen und sie auszuspucken, wie man eine Fliege ausspuckt, die einem in den Mund geflogen ist. Ich bin sicher, dass eine solche echte und notwendige Selbstreinigung der Gesellschaft unser Land nur stärken wird." Hört sich nach den Brandreden Hitlers und stalinistischer Säuberungsrhetorik an.

Problematisch für das eigene Volk und für die Vasallenstaaten und Anrainer, könnte doch jeder der Nächste sein. Doch auch für das gesamte Volk in der Ukraine kehrt kein Friede ein. Die Menschen riskieren ihr eigenes Leben wieder und wieder, die Straßen, das Land, bleiben erst mal unsicher. Das gilt für die russischen Soldaten, aber genauso für die eigene Bevölkerung. Mittlerweile mussten über 20 Millionen, das ist in etwa die Hälfte der ukrainischen Bevölkerung ihre Heimat verlassen und als Binnenflüchtlinge oder als Flüchtlinge fern der Heimat leben. Von dort versuchen sie ihre Brüder, Ehemänner und Väter zu unterstützen, die durften nämlich nicht ausreisen, sie werden schließlich zur Verteidigung gebraucht.

Die Lage bleibt angespannt und muss durch immer mehr und noch mehr Soldaten kontrolliert werden. Auch in Russland leidet die Bevölkerung nun wieder unter den Sanktionen, vor allem die Schwächsten und Ärmsten. Aber auch die Reichsten und Allerreichsten, die Oligarchen, beginnen wegen ihrer konfiszierten Yachten und den fehlenden Shoppingausflügen in die Luxusboutiquen dieser Welt zu murren. Das Ausmaß dieses Krieges und dessen Folge beginnt parallel mit den heimkehrenden Särgen langsam in die russischen Köpfe durchzusickern. Als klar wird, dass die Probleme mit der Kapitulation der Ukraine nicht enden, wird der Unmut größer und nach guter Diktatormanier die Strafen für dessen Äußerung - direktproportional aber dabei exponentiell - immer drakonischer.

Putiun jagd Sibirischen Tiger | Autor: premier.gov.ru | Quelle: Wikimedia Commons
Wladimir Putin jagt die größte lebende Katze der Welt, den Amurtiger (von dem ca. 500, gleich nur noch 499) existieren.

Die ukrainischen Brüder und Schwestern wollen gar nicht heim ins Reich? Kann denn eine Demokratie, mit einem jüdischen Clown an der Spitze, attraktiver sein als unser barhäuptiger Judo-Meister, Tigerfänger und Bärentöter, der der Welt gerade zeigt, wo’s lang geht? Da fragt man sich schon, was das für ein Volk von Drogensüchtigen und Terroristen ist. 45 Millionen Schmeißfliegen! Aber insgeheim ist das die größte Sorge des Despoten – dass die Freiheit attraktiver sein könnte als sein Regime. Und dementsprechend entschieden wird das im Keim erstickt. Im Gefängnis. Oder in Sibirien, im Gulag und den anderen Straflagern.

Als nächste Machtdemonstration zeigt Putin daher der Republik Moldau, wo der russische Hammer hängt. Ein kleines Land mit gut zwei Millionen Einwohnern, das gleich im Vorübergehen mit annektiert wird – wenn die Soldaten doch ohnehin schon in der Nähe sind. NATO-Mitglied ist Moldau auch nicht, Transnistrien wollte schon seit langem auch nicht mehr dazugehören, na dann nehmen wir es doch gleich mit. Und der Fuchs hat Blut gerochen. Der Wild Fox holt sich das nächste Huhn.

Schon 1870 schrieb Turgenjews in seinem Buch „Aufzeichnungen eines Jägers“ über selbigen: „Er ist erfahren, weiß, was er will, ist weder böse noch gut, eher berechnend, vorsichtig und gleichzeitig unternehmend wie ein Fuchs, wird sich aber niemals verplappern, sondern jeden anderen aushorchen. Ich habe nie durchdringendere und klügere Augen gesehen, nie unbefangen und offen, stets lauernd und forschend.“ - keine schlechte Beschreibung für unseren Fuchs. Gut 150 Jahre später agiert der Westen immer noch wie ein ängstliches Huhn (keiner will das nächste sein) – dreht zwar noch ein wenig weiter an der Sanktionsspirale, schreitet aber weiterhin militärisch nicht ein.

Langsam beginnt der interessante und spannende Teil für den Fuchs, Schachspieler und Geostrategen Putin, der selbst sicher im Kreml oder in einem seiner Paläste sitzt. Jetzt wird der Westen ins Schach gesetzt. Mal schauen, wie er reagiert. Belarus ist genauso ein Vasallenstaat wie Kasachstan, die Ukraine und Moldawien, so heißt die Republik Moldau volkssprachlich, sind annektiert. Die Soldaten sind vor Ort. Das nächste Huhn sitzt in greifbarer Nähe und lockt. Aber noch besser: diesmal sind es gleich drei, wenn auch eher kleinere Exemplare. Drei Küken auf einmal. Und das Baltikum möchte ja schon lange heim ins Reich geholt werden. Praktisch, dass dann auch Kaliningrad wieder über dem Landweg angebunden ist und nicht nur über die See erreichbar (was ihn aufgrund der Sanktionen sowieso fuchst, wurde doch deswegen durch Litauen der Import von sanktionierten Gütern über die Schiene gestoppt). Die russische Westflanke ist wieder hergestellt, die Rus wieder fast zur ursprünglichen Größe geführt.

Putin in Tomsk | Autor: Сергей Гунеев | Quelle: Wikimedia Commons
Wladimir Putin möchte Russland zu alter Größe führen und sich zu neuer.

Aber da gibt es ein Problem. Die Länder des Baltikums, Estland, Lettland und Litauen, sind allesamt NATO-Mitglieder und wir erinnern uns: §5 kein Quadratzentimeter soll preisgegeben werden. Das ist die rote Linie. Aber gelegentlich werden auch rote Linien überschritten, das weiß ein schlauer Fuchs wie Putin auch. Sind dann rosarote Linien, die allerdings nur durch eine ebenso rosarote Brille als solche gesehen werden können. Wie im Falle des syrischen Giftgas-Angriffes der von Obama anders, als angekündigt, nicht sanktioniert wurde. Und schon damals war Putin beteiligt und hat seinen Spezl oder besser Speznaz-Freund Assad gerettet. Und der amerikanische Präsident sah dem Grauen zu. Wie reagiert der alte weiße Mann im Haus derselben Farbe diesmal?

Wie wird es hier sein? Das testen wir mal ein bisschen an. Denkt sich Putin, „the wild fox“ und lässt ein paar Flugzeuge das Staatsgebiet von Estland leicht überfliegen, so wie jüngst in Schweden schon geschehen (zwei davon mit Atomwaffen bestückt). Die Schiffe Richtung Kaliningrad ein wenig näher an die Insel Gotland heranfahren und gleichzeitig litauische Hoheitsgewässer berühren, den einen oder anderen Irrläufer über die Grenze fliegen lassen. Zusätzlich werden an der Grenze gemeinsame Manöver mit Belarus abgehalten, so hat es in der Ukraine auch begonnen. Hunderttausende Soldaten werden in Richtung neue europäische Ostgrenze transportiert, die sich aus Putins Sicht an der neuen russischen Westflanke konzentrieren, an der direkten Grenze zu NATO-Mitgliedsstaaten.

Und gut 80.000 davon werden direkt an der Grenze zum Baltikum eingesetzt. Unterstützt durch belarussische Einheiten vom Süden. Der Westen reagiert, droht und verschärft seinerseits erneut die Sanktionen. Die Inflation steigt weiter, Zinsen gehen noch höher und das Geld wird knapp. Das russische Volk beginnt aufzubegehren. Denn die Menschen haben selbst nichts vom Krieg. Außer Leid und heimkehrende Särge. Das kann auf Dauer den Nationalstolz nicht aufwiegen. Erste größere Demonstrationen entstehen und es wird immer schwieriger die wachsende Zahl an protestierenden Menschen zu inhaftieren, denn die Gefängnisse und Straflager sind bereits voll von „Unruhestiftern“.

Belarus und Kasachstan vor Augen, wird nun auch vor dem eigenen Volk nicht Halt gemacht. Und Tiananmen-mäßig, Prager-Frühling-mäßig direkt draufgehalten. Erst mit Wasserwerfern, dann mit Gummigeschossen, und der eine oder andere scharfe Schuss fällt auch – die Gefängnisse sind ja schon überfüllt. Und für Russland gibt es anders als in Belarus, keinen größeren Bruder, der ihm bei den Demonstrationen zu Hilfe eilt – man muss es schon selber richten. Außer vielleicht noch China, dass seine Fähigkeiten ja schon am oben erwähnten Platz bewiesen hat. Aber das ist Xi nun doch zu heikel – ganz verscherzen will man es sich dann mit dem Westen noch nicht, wer soll denn sonst die ganzen chinesischen Produkte kaufen.

Der wilde Fuchs versteht nicht, warum ihn das Volk nicht so liebt und unterstützt, wie er sich das erwartet, ja, wie er es in seinen Augen verdient hat. Hat nicht er – Wladimir Wladimirowitsch Putin – Russland wieder groß gemacht? Und ist nicht er der beste und größte Regierungschef aller Zeiten? Selbstverständlich größer und besser als Gorbatschow (den er verachtet) und Jelzin? Größer als Stalin? Größer als Lenin? Vielleicht sogar besser, schlauer und großartiger als alle Zaren? Großartiger selbst als Iwan der Schreckliche oder Putins Namensvetter, Wladimir der Große, im Jahre 977 Großfürst von Kiew und ein Heiliger. Ist der Kremlchef selbst schließlich schon in seinem Buch: Über die historische Einheit der Russen und Ukrainer über 1000 Jahre in die Vergangenheit gereist, um seinen Traum vom Großrussischen Reich historisch zu rechtfertigen.

Doch nicht einmal die Ukraine will Ruhe geben – diese Schmeißfliegen werden sogar immer lästiger. Das Land muss vielmehr durch zehntausende Soldaten stabilisiert und der Bevölkerung das richtige Verhalten diktiert werden. Vom Ausland wird Putin immer mehr isoliert. Nur die treuesten Vasallen halten noch zu ihm und auch das nur, weil die Alternative was passiert, wenn sie es nicht tun, direkt vor ihren Augen liegt. Doch selbst Modi, der Putin-Freund, wendet sich langsam ab. Und sogar die Volksrepublik China beginnt sich Sorgen zu machen. Ein wenig Spannung in Europa ist ja gut und Amerikas Aufmerksamkeit wieder auf den guten alten Atlantik richten, auch. Aber jetzt droht dieser alte amerikanische Präsident auch uns – wo wir doch nur ein paar Waffen geliefert und das russische Öl gekauft haben, das er selbst nicht haben wollte.

Der eigentliche Held fühlt sich nun immer mehr unverstanden, steht fast mit dem Rücken zur Wand. Die Spannungen an der russisch-baltischen Grenze nehmen zu. Finnland und Schweden werden trotz der türkischen Blockade NATO-Mitglieder und 1300 km zusätzliche Grenze wollen auch erst einmal gesichert werden. Die Situation nimmt an Explosivität zu und erinnert zunehmend an die Jahre vor dem Ausbruch des 2. Weltkrieges. Aber da gibt es einen gravierenden Unterschied zur Situation vor 80 Jahren: Adolf Hitler war knapp davor, aber er hatte keine Atomwaffen. Damals hatten nur die Amerikaner welche und die haben sie auch eingesetzt. Japan ob des unfassbaren Grauens hat kurz darauf kapituliert.

Aber wer wüsste, was in den letzten Tagen des April 1945, in den letzten Tagen des Krieges in Europa passiert wären, wenn Hitler die Bombe auch gehabt hätte. Wer würde ausschließen können, dass kurz vor dem Einmarsch der Alliierten in Berlin, die Atomwaffen gezündet worden wären? Gottseidank nur Spekulation. Hier aber eine mögliche Realität, mit der immer wieder bewusst gedroht wird.

Nie wieder.

Seit dem Grauen von Hiroshima und Nagasaki dienten Atomwaffen nur noch zur Abschreckung, seit 1945 wurde außer in Tests keine mehr gezündet. In der russischen Militärdoktrin jedoch sind seit 2021 nukleare Waffen nicht nur zur Abschreckung gedacht, sondern explicit als Fortsetzung des konventionellen Krieges festgeschrieben, wenn normale Waffen nicht mehr ausreichen. Na gut. Das gilt eigentlich nur für die Verteidigung. Und auch, nur, wenn das Vaterland in existenzieller Gefahr ist.

Aber man ist ja jetzt noch mehr von der Nato umzingelt, als es schon vor der Invasion der Ukraine war. Sie ist ja noch näher an das eigene Staatsgebiet gerückt. So kann man es zumindest sehen, auch wenn es eigentlich umgekehrt war und die Truppenstärke der amerikanischen Soldaten in den letzten Jahren von 300.000 auf 60.000 reduziert wurde. Teilweise stimmt es aber auch, denn jetzt sind diese Skandinavier auch noch in der NATO. Na ja, Finnland gibt es noch nicht lang und im Winterkrieg wäre es fast wieder so gekommen. Aber nun ist die Grenze zu NATO-Staaten mit einem Schlag doppelt so lange, wie soll es denn noch existenzieller werden? Kann man doch rechtfertigen, oder? Und außer Säbelrasseln und ein paar Sanktionen machen die Weicheier eh nichts, wenn es hart auf hart geht. Schließlich haben sie seit Kuba 62 immer den Schwanz eingezogen. Also zeigen wir ihnen mal, was wir draufhaben, was Eskalationspotential heißt, was echte Macht ist.

Und das Undenkbare findet statt, das unfassbare wird zur Realität. Eine taktische Atomwaffe explodiert nahe Helsinki über der Ostsee. Anstatt Damon, den Dolch im Gewande, schlägt ein russischer Dolch zu. Kinschal (russisch=Dolch) eine Hyperschallrakete wird von einer Mig gezündet und fliegt mit siebenfacher Schallgeschwindigkeit bis nach Finnland. Diesmal erfolgte die Detonation noch in großer Höhe und ohne größere Schäden anzurichten – als letzte Warnung an den Westen.   Und daher verbunden mit der Drohung im Falle einer Antwort des Westens, das gesamte Arsenal, inklusive der strategischen Langstreckenraketen, die die USA in 30 Minuten erreichen und das gesamte Land vernichten würde, auf einmal – auf einen Schlag – zu verballern. Die Welt zu vernichten. Und Hyperschallraketen können von Patriot Raketen oder anderen Abwehrsystemen nicht aufgehalten werden. Ein Iron Dome ist kaum möglich. Nicht gut. Dennoch wird er in Deutschland vorsorglich schon mal bestellt, irgendwo müssen die 100 Milliarden ja hin.

An diesem Tag im Jahr 2023 wird zum ersten Mal seit 1945, insgesamt also zum zweiten Mal oder wenn man „Fatman“ und „Little Boy“ jeweils extra zählt, zum dritten Mal in der Geschichte der Menschheit eine Atomwaffe militärisch gegen ein anderes Land eingesetzt. Der Westen und nicht nur der Westen, sondern die gesamte Welt ist gelähmt und entsetzt. Der Holocaust und die Vernichtung der gesamten Welt, scheinen plötzlich ein reales Szenario zu sein. Ein atomarer Winter könnte die Folge sein und den Überlebenden den Rest geben.

Mitten in dieses Chaos marschieren die russischen Soldaten ins Baltikum und überwältigen die drei NATO-Staaten in einem Blitzkrieg. Innerhalb von zwei Tagen wird die Suwalki-Lücke unter Kontrolle gebracht und das Baltikum von jeglichem Nachschub abgeschnitten. Die 5000 Soldaten der NATO-Battlegroups sind auf sich allein gestellt und haben nicht den Hauch einer Chance – sie werden angesichts dessen und angesichts der nuklearen Bedrohung nicht in den Kampf geschickt, sondern verlassen das Staatsterritorium über die See. Die NATO hat keine Chance mehr, mit der nötigen Truppenstärke das Baltikum schnell genug zu erreichen und zu verteidigen und ist Russland an der Ostflanke militärisch um Welten unterlegen. Das Baltikum wurde heim ins Reich geholt.

Was tun? Atomar zurückschlagen? Putin verspricht aufzuhören und droht in jedem anderen Fall nochmal mit der Alternative – der Vernichtung der Zivilisation – die er ohne Zucken befehlen würde. Und wieder gibt der Westen nach. Die rote Linie ist überschritten, nicht nur ein Quadratmeter, viele Quadratkilometer, genauer gesagt 175.000 (die Fläche des Baltikums) davon und sämtlich NATO-Gebiet sind annektiert, 6 Millionen Menschen werden der Großrus einverleibt.

Und dennoch, § 5 wird nicht zum Tragen kommen, angesichts der drohenden Konsequenzen und Ungarn stimmt ohnehin dagegen. Die nächste Schande des Westens? In der Hoffnung, dass nun endlich Schluss ist, Großrussland wieder hergestellt ist und sich Wladimir der Große unsterblich gemacht hat, gibt der Westen erneut nach. „Spes conta spem“, die Hoffnung stirbt zuletzt. Sagte schon der Apostel Paulus …

Doch das war vor 2000 Jahren, heute ist der Hühnerstall immer noch nicht leer. Es gibt noch einige wenige Hühner. Und alle müssen sie sterben. Bis zum Letzten. Wild Fox. Und so werden immer mehr Soldaten an die russische Westflanke verlegt. Was interessiert mich denn mein Geschwätz von gestern? Will ich wirklich aufhören, jetzt, wo es so schön ist? Jetzt, wo Polen, Ungarn, die Slowakei, Rumänien, Bulgarien, Tschechien, Finnland, Schweden und auch Deutschland vor mir zittern. Wer ist der nächste? Und die ganze Welt bangt, steht am Abgrund. Wegen eines Mannes, der, laut Angabe des ehemaligen Oberkommandierenden der US-Armee in Europa, gefährlicher und irrationaler ist, als es Chruschtschow je war.

Nun wird es auch China endgültig zu heiß (das Klima zwar noch nicht, aber die Situation). Denn es hat selbst auch ein paar Tausend Kilometer Grenze zu Russland. Erst war der Fuchs ja ganz praktisch. Aber nun geht es plötzlich auch um die eigene Haut. Nicht dass man selbst das letzte Huhn, das fetteste Huhn ist, dass dem Blutrausch zum Opfer fällt. Denn auch, wenn keine Langstreckenraketen im „neutralen“ China einschlagen würden, der atomare Winter würde sie ja auch treffen. Und man hätte keine Abnehmer mehr für die schönen Produkte und bekäme keine Rohstoffe mehr aus Russland und könnte nicht wirklich viel nach Europa und in die USA verkaufen. Nicht so gut.

Und nun erhöhen diese lästigen Old-school-Demokratien auch noch den Druck und drohen sogar impertinent damit den Handel mit China zu stoppen. Den Handel mit uns zu stoppen, wenn wir Russland nicht Einhalt gebieten. Denn China ist der letzte verbliebene Freund von Putin, der letzte Handelspartner Russlands von nennenswerter Größe. Unter Druck setzen lassen will man sich nicht, sieht man doch das eigene System allen anderen überlegen. Und dennoch, wird es unangenehm, diese Langnasen wollen einfach nicht lockerlassen.

Man betrachtet sich nochmal die Zahlen und erkennt, dass die eigene Volkswirtschaft zehnmal so groß ist wie die russische. Im gleichen Verhältnis steht das Handelsvolumen mit USA und EU (ca. 1,5 Billionen €) zu Russland (147 Milliarden $). Als Rohstofflieferant wäre Russland ja schon weiter angenehm, aber gut, verbrennen wir halt wieder unsere eigene Kohle. Und so findet die Freundschaft ohne Grenzen ihre Grenze schneller als gedacht – großer Vorteil der KP und einer Autokratie, dass man nicht 1,4 Milliarden Chinesen fragen muss, sondern gleich zur Tat schreiten kann.

In Genf findet daher ein Geheimtreffen statt, bei dem China, die USA und Europa vereinbaren, im Gegenzug für das russische Embargo Chinas, ihrerseits auf Sanktionen zu verzichten, wenn Taiwan heim ins Reich geholt wird. Im Gegenzug kappt China die Wirtschaftsbeziehungen zu Russland und schlägt sich, zumindest rhetorisch, auf die Seite des Westens - die heiße Kartoffel Russland wird für die „schöne Insel“ (=Formosa=Taiwan) und die Kohle (hier $ und €) der Langnasen gerne fallen gelassen.

Russland ist nun ganz isoliert und das Volk wird immer unruhiger. Der Diktator steht mit dem Rücken zur Wand und ist kurz davor, den roten Knopf zu drücken. Revisionistische Regimes reagieren bei Erkenntnis der Lücke zwischen ihrer eigenen Einschätzung und den tatsächlichen Fähigkeiten, zunehmend irrationaler und gefährlicher (wie Beckley und Brands kürzlich in Bezug auf China schrieben). Das trifft auch auf Putin zu und eine weitere taktische Atombombe fliegt direkt auf Helsinki. Wieder ist der Nuklearsprengkopf auf eine Hyperschallrakete aufgesetzt, so dass Raketenabwehrsysteme diese nicht zerstören können. Mit mehrfacher Überschallgeschwindigkeit fliegt Kinschal, der russische Dolch – so nennt sich diese Rakete - die vor kurzem zum ersten Mal in einer kriegerischen Auseinandersetzung eingesetzt wurde, Richtung Helsinki.

Gleichzeitig beginnt die Kernschmelze in einem Reaktor von Europas größtem Atomkraftwerk in Saporischschja. Der GAU, der größte anzunehmende Unfall, der Super-GAU droht. Und wie schon bei Tschernobyl 1986 herrscht stabile Ostwindlage. Der Fallout würde direkt nach Europa ziehen und wahrscheinlich dort als Regen niedergehen. Die ukrainischen Ingenieure sind schon längst geflohen, und die verbliebenen werden, daran gehindert, die Reaktoren abzuschalten. Die Folgen; vielleicht noch schlimmer als bei Tschernobyl.

Auf beiden Seiten steigen die Flugzeuge in die Luft und eine taktische Atomrakete schlägt in der Nähe von St Petersburg ein. Abgefeuert, wahrscheinlich von der NATO, die das aber dementiert. DEFCON 3 wird ausgerufen und das russische Pendant, die Einsatzbereitschaft der strategischen Atomwaffen, noch weiter erhöht. Eine Mig ist auf dem Radar zu erkennen, unterwegs in Richtung Büchel, dem Lagerort für amerikanische Atomwaffen in Deutschland, den eine Kinschal von der Ukraine aus erreichen könnte – ohne jegliche Abwehrmöglichkeit durch die NATO.

Nun muss nur noch einer den Knopf drücken und der Holocaust und der darauffolgende atomare Winter vernichtet vielleicht das gesamte menschliche Leben.

Das ist ein mögliches Szenario.

Nur ein Mann?

Nie wieder!

Aber “Wild fox” ist unterwegs und willens, den Knopf tatsächlich zu drücken.

Doch das Wunder geschieht – wie schon 1962 und 1983. Und wie kürzlich bei Trump fällt das Militär selbst dem blutdürstigen Fuchs in die Parade. Der Verteidigungsminister, Sergei Kuschugetowitsch Schoigu, ein guter Freund Putins, dem es angeblich seit Wochen nicht gutgeht, der aber in Wirklichkeit in Schutzhaft verbracht wurde, hat die Insubordination mit zwei vertrauten Generälen in der Gefangenschaft vorbereitet. Denn auch Generäle haben einen Rest von Anstand. Aber vor allem haben auch Generäle Kinder, haben eine Familie.

Mit einem Atomkrieg werden schließlich nicht nur der Feind, sondern auch das eigene Volk und sie selbst mit ihren Familien vernichtet. Dann gäbe es keine Hühner mehr. Kein Huhn. Keine Küken. Kein Bauernhof, kein Stall, keinen Bauern und auch keinen Fuchs mehr. Vielleicht sogar wie bei den Dinosauriern nie wieder. Und so übernehmen der Verteidigungsminister, der Parlamentschef und aus dem Hausarrest, der Inlandsgeheimdienstchef die Dinge in die Hand. Setzen den Kremlchef fest und eine Übergangsregierung ein.

Die diplomatischen Kontakte laufen auf Hochtouren, die Gesprächskanäle glühen und Schritt für Schritt kann sich die Situation entspannen. Ganz langsam, denn das Vertrauen war auf dem Tiefpunkt und keiner glaubt dem anderen, nach all den Lügen. Doch die Flugzeuge landen, die Raketensilos schließen sich, DEFCON und die russische Alarmbereitschaft werden zurückgestuft. Die Welt hat wieder einmal in den Abgrund geschaut und kurz vor dem Sprung in die eigene Vernichtung noch einmal die Vernunftsbremse gezogen.

Aber vergessen wir nicht – dies war nur eine Geschichte. Es könnte auch besser kommen, natürlich. Aber auch schlechter. In unserer Geschichte aber wird es sogar noch besser. Denn die Ukraine und die Republik Moldau, auch das Baltikum werden wieder souveräne Nationen. Der belarussische Diktator wird gestürzt und Weißrussland eine unabhängige Demokratie, Swetlana Tichanowskaja, die erste Regierungschefin von Belarus. Russland selbst hält echte demokratische Wahlen ab und Alexei Anatoljewitsch Nawalny wird zum neuen Präsidenten der Russischen Föderation gewählt. Im Prozess von Mariupol werden die Kriegsverbrecher vom Internationale Strafgerichtshof angeklagt und zur Verantwortung gezogen.

Die vorgenannten Staaten gründen gemeinsam mit Russland und der EU den Bund europäischer Staaten BES. Jenseits des Atlantiks wird wider Erwarten Kamala Harris als erste Frau in der Geschichte der USA zur Präsidentin gewählt und mangels der russischen Unterstützung nicht Donald Trump. Die Vereinigten Staaten begleitet die Gründung derart freundschaftlich, dass sich international schnell der englische Name durchsetzt, der an den eigenen Namen angelehnt wurde: „United States of Europe”, abgekürzt USE. In der Gründungscharta von Kiew wird u. a. die wirtschaftliche Zusammenarbeit und multilaterale Abrüstung vereinbart. Das Atomwaffenmoratorium sorgt dafür, dass sämtliche nuklearen Waffen innerhalb von 10 Jahren komplett und weltweit abgebaut werden.

Auf der anderen Seite, im Pazifik, hat China Taiwan annektiert und die USA wirtschaftlich als first Nation abgelöst. Xi, am Höhepunkt seiner Macht, wird unvorsichtig und von einem intriganten Gegenspieler vom Vorsitz der KPD entbunden, da er sich Korruption zu Schulden hat kommen lassen. China wendet sich dem Rest der Welt wieder zu. Einen ernsthaften Rivalen gibt es ja global nun nicht mehr. Ja und nun? Wie geht es weiter? Wie gesagt, es ist nur eine Geschichte. Und die Fortsetzung ist ab hier Ihrer Fantasie überlassen.

Eine Utopie

Ganz kann ich es nicht lassen, daher ein Vorschlag, wie es für mich weitergeht: Die Hundert Milliarden Sondervermögen können nun für weitere weltweite friedensstiftende Maßnahmen verwendet werden, statt für die Aufrüstung. Statt 2% oder 80 Milliarden im Jahr für das Militär zu verwenden, werden diese Mittel auch künftig für weltweiten Frieden eingesetzt. Fluchtursachen werden bekämpft, Kunst und Kultur weltweit gefördert und soziale Spannungen in ärmeren Ländern reduziert und in anderen abgefedert.

Die deutsche Entrüstung löst dasselbe Wort als heftige Emotion und Protest bei der deutschen Waffenindustrie aus. Und die NATO goutiert es erst einmal auch nicht. Aber als deutscher Sonderweg, der allen anderen zugutekommt und nicht doch verdeckt deutschen Interessen dient, könnte er künftig vielleicht akzeptiert werden. Und mit dem Geld, mit den Mitteln, die sonst an die Rüstungsindustrie fließen, könnten, wie bereits beschrieben, friedensstiftende oder Maßnahmen zur Energiewende durchgeführt werden. Und überraschenderweise beschert dieser Weg Deutschland und anderen Ländern mehr Frieden und Wohlstand. Zumindest den Menschen dieser anderen Länder. Denn die leiden unter dem Krieg am meisten. Während vorher hauptsächlich die Unternehmen und die globale Elite durch Krieg gigantische Gewinne herausschlugen (ein Blick auf die Aktien der Waffen- und Energieindustrie sei hierbei empfohlen, ebenso die Vermögenssteigerung des reichsten Prozent der Welt), profitieren vom Frieden nun alle Menschen, insbesondere die Ärmsten.

Andere Länder folgen diesem Weg, weil er erfolgreich ist und schließlich bleiben nur noch wenige bewaffnete Nationen übrig, die sich zunehmend isolieren. Und schließlich beschließen die USA, China, Indien, Europa und Russland (im Angesicht des durch den Krieg nur aufgeschobene und nicht aufgehobenen drohenden Klimakollaps und des Artensterbens, die während des Krieges beide komplett in den Hintergrund gerückt waren) die komplette schrittweise Demilitarisierung der Welt. Mit einer minimalen internationalen Eingreiftruppe, die verbleibt und über den neu zu gründenden Weltrat gesteuert wird.

Sämtliche biologischen Waffen und auch alle Chemie- und Atomwaffen werden mithilfe eines Moratoriums geächtet und schließlich, wie es auch schon mal geplant war, vernichtet. Länder wie der Iran und Nordkorea, die sich dem widersetzen, werden so lange isoliert, bis auch sie schließlich aufgeben und der Vernichtung ihrer ABC-Waffen zustimmen müssen (was beim Iran bisher nur wegen der Blockade durch Russland und bei Nordkorea wegen der durch China stets gescheitert ist).

Und sollte ein Präsident, Staatschef oder sonstiger Führer dann doch wieder einmal durch die Macht kompromittiert werden oder Ambitionen entwickeln, kriegerische Auseinandersetzungen anzuleiern oder eigene Süppchen zu kochen, eine Armee aufzubauen, Waffen zu horten, o. ä. kann er künftig von der Weltgemeinschaft zur Vernunft gebracht oder des Amtes enthoben werden. Nur in der letzten Konsequenz braucht man daher eine kleine schnelle Friedenstruppe, die aber wiederum nur vom neuen Weltrat (der Nachfolgeinstitution der UNO) autorisiert werden kann und vielleicht ist auch diese einmal unnötig. So in etwa war ja die Idee der UN, der United Nations nach den zwei Weltkriegen. Hat leider bisher nur suboptimal funktioniert.

Was, wenn dann Grenzen wie in der EU und den USA, in ehemalig verfeindeten Ländern nicht mehr nötig sind, wie es schon in Deutschland und Frankreich, in der DDR und Deutschland geschah? Vielleicht fallen irgendwann nicht nur die Grenzschranken, sondern die Nationalstaaten und es wird tatsächlich EINE Welt. One World. Denn eigentlich ist es auch nur eine. Lokal gesteuert und nur für Ausnahmefälle gibt es einen echten Weltrat, der aber zum Wohle der Menschheit und des Planeten handelt und nicht zum Wohle der Elite oder einer einzelnen Nation oder einem Staatenbund.

Was, wenn wir sogar die große Herausforderung bewältigen und durch die Energiewende Arbeit und Wohlstand verteilen. Somit die Fluchtursachen bekämpfen? Und die Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen verhindern? Und die Klimakrise abwenden? Schon wieder ein Quadruple Win. Und plötzlich wieder mehr Zeit haben für die wichtigen Dinge des Lebens? Quintuple Win. Die uns allen guttun? Für Familie und Freunde. Kunst und Kultur. Gesundheit und Wohlbefinden. Für die Schönheit der Welt. Die Natur und den Sinn des Lebens. Multiple Win.

Frühere Völker, so heißt es, haben maximal zwei, drei oder vier Stunden mit Arbeit (für sie war es damals das Anlegen, das Sammeln oder das Jagen) verbracht. Es mag nur ein Traum sein. Und weltfremd. Aber was, wenn es wirklich möglich wäre. Utopien nur für Idealisten? Oder doch für Realisten wie Bregman sein Buch genannt hat?

Traumtänzerei

Aber warum erzähle ich diese Geschichte? Vielleicht, weil ich als Deutscher einen ganz besonderen Bezug zum “nie wieder” habe. Vielleicht, weil wir als Deutsche gemeinsam mit den Franzosen schon im Jahr 2008 den NATO-Beitritt der Ukraine verhindert haben und erst so dieses Grauen möglich gemacht haben oder zumindest einen Beitrag dazu geleistet haben. Aber eigentlich schreibe ich diese Worte aus der tiefen Liebe zu den Menschen und zu allen Lebewesen dieses Planeten und zu diesem blauen Juwel im Weltall. Dessen Bewohner sich als die Krone der Schöpfung bezeichnen und gleichzeitig so grausam sein können.

Und ich verfasse diese Zeilen aus der Hoffnung heraus, die seit Jahrhunderten, seit Jahrtausenden lebt, stirbt und immer wieder auflebt. „Dum spiro spero“, sagte schon Cicero vor gut 2000 Jahren. Solange ich atme, lebt auch bei mir die Hoffnung, dass es diesmal anders kommt und die Menschen im Grunde gut sind, wie Rutger Bregmann es in seinem anderen Buch schreibt, oder dass zumindest das Positive im Menschen die Überhand gewinnt.

Auch wenn das nicht ganz so positiv wie in der obigen Geschichte gelänge, so möchte ich zumindest nichts unversucht lassen, um meinen Teil dazu beizutragen, dass es anders kommt, als so mancher apokalyptischen Reiter vorhersagte. Dass wir vielmehr unser Potential ausschöpfen und zu Frieden und Zusammenarbeit finden. Um also Sie, die Sie diese Worte in diesem Moment lesen, dazu anzuregen sich selbst Gedanken zu machen. Zur Lage, in der wir uns befinden, in der Sie sich befinden und in der sich unsere Kinder und Enkel vielleicht einmal befinden werden. Zu den wahrscheinlichen Szenarien und zu den Möglichkeiten, wie sich die Dinge entwickeln könnten. Frieden schaffen ohne Waffen, hieß das in den früheren Träumen. In den Träumen unserer Eltern. Zumindest mancher Eltern. Wie heißt es heute? Was ist Ihr Traum?

„Wenn einer einen Traum hat, bleibt es ein Traum. Wenn viele einen Traum haben, ist es der Beginn einer neuen Realität“

Doch jene, die solche Ideen auf den Tisch bringen, solche Geschichten erzählen, werden meist Träumer genannt. Manchmal sogar Traumtänzer. „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“, sagte schließlich schon Helmut Schmidt – dementsprechend trostlos sah es auch in der deutschen Politik aus und das ist über Kohl, Schröder und Merkel bis heute so (oder halten Sie unseren Scholzomat für einen Visionär)? Aber was wäre, wenn alle an diesen Traum glauben würden? Ist es nicht ein besserer Traum, als das Leben, wie es in der Realität zurzeit in vielen Ländern stattfindet? Wie es für viele Menschen stattfindet? Ohne Nahrung, zu wenig sauberes Wasser, Krankheiten, Kriege, Flucht, Nahrungsmittelknappheit, ohne Dach über den Kopf, ausgebeutet vom Westen – und selbst für die Ausbeuter im Westen zunehmend voller Spannung.

Nicht nur Friedensreich Hundertwasser hat daran geglaubt, dass wenn viele gemeinsam einen Traum träumen, dies der Beginn einer neuen Wirklichkeit sein kann. Auch Helder Camara, einer der bedeutendsten brasilianischen Kämpfer für die Menschenrechte, prägte den Satz aus der Überschrift. Und viele andere setzten und setzen sich für einen solchen Traum ein. Menschen wie Martin Luther King oder Gandhi, Politiker wie Lech Walesa oder Nelson Mandela, deren Einsatz oft mit dem Risiko und manchmal mit dem tatsächlichen Verlust des eigenen Lebens einherging, deren Beständigkeit und Hartnäckigkeit aber zu wirklich großen Umwälzungen geführt haben, die schließlich allen zugutekamen.

Einen gemeinsamen Traum hätten wir sogar schon, er ist im Prinzip ganz einfach und steht ausformuliert in der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen, hier Artikel 1 bis 3:

  1. Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Brüderlichkeit begegnen.
  2. Jeder hat Anspruch auf die in dieser Erklärung verkündeten Rechte und Freiheiten ohne irgendeinen Unterschied, etwa nach Rasse, Hautfarbe, Geschlecht, Sprache, Religion, politischer oder sonstiger Überzeugung, nationaler oder sozialer Herkunft, Vermögen, Geburt oder sonstigem Stand.
  3. Des Weiteren darf kein Unterschied gemacht werden auf Grund der politischen, rechtlichen oder internationalen Stellung des Landes oder Gebiets, dem eine Person angehört, gleichgültig ob dieses unabhängig ist, unter Treuhandschaft steht, keine Selbstregierung besitzt oder sonst in seiner Souveränität eingeschränkt ist.
  4. Jeder hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person.

Leider ist diese Erklärung nicht bindend und selbst wenn sie es wäre, würde sie wahrscheinlich doch gebrochen werden – wie auch das wohl bindende allgemeine Gewaltverbot:

„Alle Mitglieder unterlassen in ihren internationalen Beziehungen jede gegen die territoriale Unversehrtheit oder die politische Unabhängigkeit eines Staates gerichtete oder sonst mit den Zielen der Vereinten Nationen unvereinbare Androhung oder Anwendung von Gewalt.“, gebrochen wird. Ob Putin das je gelesen hat?

Wie aber kann dieser Traum dann Wirklichkeit werden? In dem jeder ihn auf seine ganz eigene Weise lebt. Jeder Einzelne kann selbst entscheiden oder sich Gedanken machen, was sein eigener Weg ist, ihn zu unterstützen, was sein Beitrag zu einer Welt des Friedens, einer Welt der Würde und einer Welt der Freiheit ist. Jeder, der das möchte. Und dafür gibt es verschiedene Wege. Sei es als Aktivist, sei es als Demonstrierender, sei es als Politiker, in der Verwaltung, sei es als Angestellter, als Arbeitnehmer, Beamter, Freiberufler, Arbeitsloser, Privatier, Rentner oder Unternehmer, sei es durch Beten, sei es durch Gespräche. Was würde Ihnen Freude machen?

Die Sehnsucht nach dem Meer

Mein Weg sind u. a. diese Worte an Sie. Es gibt so viele andere. Unendlich viele. Denn es gibt so viele Wege zum Ozean, wie es Tropfen auf der Erde gibt. Apropos Ozean, Antoine de Saint-Exupery hat es folgendermaßen ausgedrückt:

„Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Menschen (im Original: Männer) zusammen, um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.“

Ich habe große Sehnsucht nach diesem Ozean. Und Sie? In diesem Sinne, …

Das ist das Mittelmeer, Ozean war gerade keiner verfügbar