Teil 2 – Schafft Wladimir es schneller als Greta?

Putin Scholz Meeting | Autor: Presidential Executive Office of Russia | Wiki Commons
Wladimir Putin und Olaf Scholz am langen Tisch des Kremls am 15.02.2022 in Moskau – nur neun Tage vor Kriegsbeginn.

Wie geht es tatsächlich weiter?

Im Bundestag proklamiert Olaf Scholz die Zeitenwende in einer Rede, die mittlerweile selbst schon fast als eine solche gilt. Schließlich erklärt er den Parlamentariern und dem Volk, dass ein Dreiklang aus jahrzehntelang unerhörten Gedanken ab sofort zur neuen Marschmusik werden muss:

  1. Die Bundeswehr wird mit einem Sondervermögen von 100 Milliarden bedacht und das 2% Ziel nicht nur eingehalten, sondern übertroffen.
  2. Obgleich eine Kriegspartei, erhält die Ukraine direkte Waffenlieferungen.
  3. Durch massive Sanktionen und den Stopp von Nordstream 2 erfolgt ein historischer Bruch mit Russland und der Ostpolitik.

Der Kanzler erntet Applaus und stehende Ovationen – Juhu, endlich sind wir wieder wer!

Politiker sämtlicher Couleur stimmen in die Jubelarien ein, insbesondere die Falken wie Merz, Kiesewetter und Strack-Zimmermann jubeln. „Fiat iustitia et pereat mundus“ würde Kaiser Ferdinand da sagen und gehe die Welt darüber zugrunde. Aber auch vermeintlich pazifistischer eingestellte Volksvertreter schwenken um. Selbst Lindner und Habeck tragen plötzlich Krawatte und proklamieren markige Sprüche. Und auch das Volk goutiert die neue Linie. Eine Demokratie muss schließlich wehrhaft sein. Niemand fragt danach, was das überhaupt bedeutet und warum das so ist, keiner will wissen welche Art von Resilienz noch möglich, vielleicht sogar besser wäre. Einsam rufen einige wenige Stimmen nach Abrüstung. Doch die werden übertönt, denn selbst die Dichter – die es mit den Waffen normal nicht so haben - fordern mit poetischen Worten die Flugverbotszone. „Den Himmel schließen“ nennen sie es, vergessen aber zu erwähnen, dass damit möglicherweise ein Atomkrieg riskiert wird.

„Die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland wird auch am Hindukusch verteidigt“ sagte schließlich Peter Struck schon 2002, um den Afghanistan Einsatz zu legitimieren – was gilt dann erst für die Karpaten? Doch in der Realität ist 20 Jahre nach seiner Rede wenig von dieser Einstellung spüren. Ein paar Helme ok, alte Waffen aus DDR-Beständen, na gut. Ob diese im Sinne von Rudis Reste Rampe übergeben werden oder weil die ukrainische Armee diese Waffensysteme kennt und nicht erst ausgebildet werden muss, erfährt die Öffentlichkeit nicht. Schwere Waffen, ungern aber dann doch - weil internationaler Druck zu groß. Die Installation eines Raketenabwehrschilds, lieber nicht – weil Gefahr zu hoch. Sanktionen (stoppen den Krieg wahrscheinlich ohnehin nicht wirklich) nur sofern sie nicht zu sehr schmerzen – weil Wirtschaft jammert. Ein SWIFT Ausschluss, nur wenn es unbedingt sein muss – weil wie dann Öl und Gas bezahlen. Und harte Maßnahmen, die einem selber weh tun, wie der Verzicht auf russisches Öl, Gas und andere Rohstoffe lieber auch nicht - weil Schaden für die europäische Wirtschaft zu groß und Einigkeit in der EU zu gering. Dafür verhängt man in der 5. Sanktionsrunde lieber einen Importstopp für Holz, Kohle und Wodka - letzteres wird zwar die Familien Jelzin und Gorbatschow einiges an Lizenzeinnahmen kosten, Putin aber weniger treffen. Seine Heilmittel sind Hirschblutbäder und Steroide.

Selenskyj ist, um im Bild zu bleiben, der Sanktionscocktail auf jeden Fall zu schwach, er wünscht sich einen echten Molotow. Denn die Ukraine und ihre Bewohner haben das grausame Spiel, das mit ihnen und ihrem Land getrieben wird längst durchschaut, sie werden als Bollwerk für den Westen und als menschlicher Schild von Europa missbraucht. Wir sind es nämlich, die Putins Kriegskasse füllen und damit seine Soldaten bezahlen. Es ist fast grotesk, wenn es nicht so schlimm wäre, aber Deutschland bezahlt, überspitzt ausgedrückt, zwei Armeen. Funktionieren tut davon aber laut der Aussage unserer Generäle und Politiker nur eine (und das ist nicht die Bundeswehr). Glücklicherweise auch die unerwartet schlecht, denn sonst wäre die Ukraine schon Geschichte.

Was ganz im Sinne von Xi und Putin gewesen wäre. Haben die zwei Potentaten doch noch kurz vor Kriegsausbruch ihre „Freundschaft ohne Grenzen“ ausbaldowert und Putin hat als wahrer Genosse mit seinem Kriegsbeginn sogar noch das Ende der olympischen Spiele abgewartet. Dafür macht ihm jetzt schon die Rasputiza, die Zeit, in der die Panzer im weichen Boden versinken, zu schaffen. Die kamerataugliche Kameradschaft von Putin und Xi Jinping war ja schön und gut für die Propaganda, aber so richtig interessant machte das Ganze für beide Länder eher der ebenso beschlossene „Trend zur Neuverteilung der Macht.“ Das Ancien Régime des Westens hat ausgedient, meinen die beiden Alleinherrscher, die Aera des Ostens hat begonnen. Im Obsiegen des autoritären Modells eines möglicherweise faschistischen Systems fürchten viele westliche Regierungen.

Aber da haben sie die Rechnung ohne den kapitalistischen Wirt gemacht. Denn Deutschland und die EU, Europa und der Westen, ja fast die ganze Welt halten plötzlich wie Pech und Schwefel zusammen - die „League of democracies“ - wie Madeleine Albright, die frühere Außenministerin der USA den Zusammenschluss der freien Länder passend zum Marvel Universum bezeichnet hat. Gut, einmar-schieren möchten die Superhelden um Captain America nicht, eine Flugverbotszone einrichten auch nicht. Aber sobald das erste Stückchen NATO-Gebiet betroffen ist (in Kürze also auch Finnland und Schweden), dann – aber erst dann - wird jeder Quadratzentimeter bis aufs Blut verteidigt – zumindest noch bis Freund Donald wieder im Amt ist. Der sieht es nämlich mit §5 und seinem Freund Wladimir nicht so eng.

Zar Wladimir der Große oder Wladi, das kleine Tätzchen

Wladimir heißt wörtlich übersetzt „großer berühmter Machthaber“ oder „beherrsche die Welt“ – was ja durchaus mit Putins Zielen übereinstimmt. Was der Kremlchef aber anscheinend anders verstanden hat, ist, dass die letzte Silbe seines Namens eigentlich in Bezug zu mir = Frieden gesetzt wird - Wladimir wäre also eigentlich der große Friedensherrscher. Ergo dürfte man ihn aufgrund seiner zahlreichen Feldzüge eigentlich nur „Wladi“ nennen. Ob er das bei einem Staatsbesuch aber goutieren würde ist eher fraglich. Seine Frau hingegen nannte ihn, laut der staatstreuen Zeitung Komsomolskaja Prawda, „Lapotschka“, das kleine Tätzchen - bis er sie 2013 verließ. Wie ihn seine 30 Jahre jüngere Geliebte (die ihm angeblich Zwillinge gebar), die mehrfache Weltmeisterin im Turnen, Alina Kabajewa nennt, ist unbekannt, der Journalist, der die Liaison veröffentlicht hatte, wurde verprügelt und seine Zeitung eingestellt.

Wladimir Putin und Alina Kabajewa
Wladimir Putin und Alina Kabajewa

Putin selbst aber publizierte in seiner Autobiografie, dass er in ärmlichen Verhältnissen in St. Petersburg aufwuchs und schon als Hänfling mit 18 Jahren den schwarzen Gürtel im Judo erwarb (der ihm aber kürzlich samt Ehrenpräsidentschaft vom Weltverband aberkannt wurde). Bekannt ist auch, wie Dietmar Schumann in der FAZ berichtete, dass er bei seinen KGB-Kollegen aufgrund der Unhöflichkeiten den Spitznamen „Giftzwerg“ erhielt. Beim Geheimdienst arbeitete er sich bis zum FSB Direktor hoch und wurde schließlich im Jahr 2000 als Nachfolger Jelzins zum Präsidenten der Russischen Föderation gewählt. Frisch im Amt etablierte er gleich mal die alte Nationalhymne der Sowjetunion und marschierte noch im selben Jahr nach Tschetschenien ein.

Dem folgten in den nächsten Jahren Georgien, Moldawien, die Krim und der Donbass, dazu Ausflüge nach Belarus und Syrien. Und jetzt der Rest der Ukraine, in Putins Diktion Kleinrussland genannt. Immer nach dem gleichen Muster: Separatistische Bewegungen werden unterstützt (oder falls nötig neu geschaffen), die dann um Hilfe bitten. Die wird gerne gewährt, durch Soldaten – die dann auch gleich russische Pässe an die Separatisten ausgeben. Die russischen Staatsbürger müssen dann geschützt werden, durch noch mehr Soldaten, die Separatistenbezirke werden als Staaten anerkannt, die dann Russland um die Befreiung von den einheimischen Terroristen bitten. Eine Blaupause auch für den Rest der Ukraine? In Cherson geht es schon los. Da kann man sich zurecht fragen - wo hört es auf? Oder besser: Who is next? Wer ist als nächstes dran? In Moldawien geht es schon weiter. Wild Fox Putin hat es in seinen eigenen Traktaten schon fast beantwortet, es ist nur noch nicht klar, ob die ehemaligen Grenzen der Sowjetunion reichen oder ob es doch (wie sein Lieblingsautor Dugin träumt) der ganze eurasische Kontinent unter russischer Führung sein soll. Schon jetzt prägt er das Land und seine Nachbarn so dramatisch, dass man vom Putinismus spricht - bis 2036 kann er auf jeden Fall noch verfassungsgemäß weiterregieren. Wie lange auch immer, in Polen werden die Immobilien jetzt schon billiger.

Apropos Immobilien. Putin, der Fuchs, bindet uns mit seinem offiziellen Vermögen von zwei Autos aus den 60er Jahren, einem neueren Lada mit Campinganhänger und einem Stück Land mit 1500 qm einen großen russischen Bären auf. Nennt er doch in Wirklichkeit über zwanzig Paläste und Residenzen, Hubschrauber, Luxusautos, Kunstsammlungen und natürlich die obligatorische Superyacht sein Eigen. Im Gegensatz zu manchem Oligarchen hat er sie noch und zwar mehrere. Er konnte die kleinere „Graceful“ (100 Millionen €) kurz vor dem Krieg nach Kaliningrad schippern und auch die größere „Scheherazade“ (650 Millionen €) unter einem Tarnnamen in Italien rechtzeitig in Sicherheit bringen – kleiner Diktatorenbonus, man weiß aus erster Hand wann es losgeht.

Insgesamt kommt so ein nettes Sümmchen von gut 200 Milliarden € zusammen was ihn noch vor Elon Musk zum reichsten Mann der Welt macht. Das konnte sich Herr Tesla, pardon Mr. Twitter, natürlich nicht bieten lassen und warf Mr. Putin den Fehdehandschuh vor die Füße. Wörtlich twitterte er und das ist kein Scherz: „Ich fordere Wladimir Putin zum Zweikampf heraus. Einsatz ist die Ukraine.“ Und dann auf Russisch: „Stimmst du diesem Kampf zu?“ Ernsthaft? Vielleicht um den Aktienkurs von seinem neuen Unternehmen hoch zu treiben, in dem die Rundenergebnisse live getwittert werden? Dann schon lieber ein Duell mit Doktor Eisenfaust, dem Bürgermeister von Kiew, so ist wenigstens der Sieg gewiss.

Worum geht es wirklich?

Der heißt nämlich Vitali Klitschko und ist neben Selenskyj zum Gesicht des Widerstands geworden. Er kämpft nicht mehr im Ring, sondern in der Hauptstadt um die Freiheit seines Landes, vielleicht sogar um die Freiheit Europas. Denn selbst der Westen begreift langsam, dass eine freie Welt, dass globaler Frieden und Wohlstand mit einer fossilen Lebensweise dauerhaft nicht vereinbar sind. Die Umstellung von Öl, Gas und Kohle auf erneuerbare Energien bekommt plötzliche eine dramatische Dringlichkeit. Doch dieser Krieg ist nicht nur der persönliche Krieg Putins, er hat nicht nur geopolitische Ziele Russlands im Sinn, sondern es ist wieder einmal vorrangig ein Krieg aus wirtschaftlichen Gründen. Niemand sagt es, aber eigentlich geht es hauptsächlich um knallharte ökonomische Interessen. Um Rohstoffe und damit um Geld und Macht. Nicht umsonst wird die Ukraine die Kornkammer Europas genannt. Dabei ist Getreide finanziell noch einer der unwichtigsten Rohstoffe für den Kreml – für die Entwicklungsländer, die es importieren hingegen schon, sie erwarten bereits Unruhen und Hungersnöte. Denn schon jetzt droht durch Dürren, die Pandemie und den Klimawandel ein sogenannter Ring of Fire.

Bei Wasser wird es für den Rest der Welt und besonders für die trockene Krim schon spannender. Aber Öl und Gas, das betrifft wirklich das Kerngeschäft von Russland. Da kann man sich die Butter nicht vom Brot nehmen lassen. Und aus der Sicht von Russland ist das durchaus verständlich, finanziert sich die Regierung doch zu 50% und das BIP zu 30 % aus den Bodenschätzen. Da passt es gut, dass man sich mit dem Krieg gleich die kürzlich entdeckten Gasfelder im schwarzen Meer unter den Nagel gerissen hat, die die Ukraine sonst zu einem der größten Produzenten, vielleicht sogar zu einem der größten Erdgasexporteure der Welt gemacht hätten und damit zum direkten Konkurrenten Russlands. Geht ja gar nicht. Nicht umsonst entsprechen die Bereiche der bisher schon eroberten Gebiete auf der Karte ziemlich genau der Lage der größten Rohstoffvorkommen der Ukraine.

Und dann will diese Demokratie anstatt heim ins Reich auch noch in die NATO. Dieses Volk – und das sind Putins Worte - von Drogensüchtigen und Terroristen mit einem jüdischen Clown an der Spitze muss dringend entnazifiziert werden. 45 Millionen Schmeißfliegen! Zum Ausspucken! Hinter diesen Worten steckt vielleicht auch die Paranoia vor dem russischen Maidan. Oder zumindest die Furcht vor dem NATO-Beitritt, denn 2008 hätte es damit schon fast geklappt. Nur Sarkozy und Merkel haben es gerade noch verhindert, damals aus Angst, dass es zu einem ernsthaften Konflikt kommt. Aber aufgeschoben ist, wie man sieht, nicht aufgehoben. Erst 2014 den Donbass, das industrielle Herz der Ukraine und die Krim mit den meisten Gasfeldern geschnupft und nun, nachdem es den Diktatorkollegen Lukaschenko in den letzten Jahren fast aus dem Amt gespült hätte, zur Sicherheit den Rest der Ukraine. Und wieder einmal ist, so Putin am Jahrestag des Sieges, der Westen schuld, der mit den ukrainischen Neonazis paktiert, „eine Invasion in unsere historischen Gebiete, einschließlich der Krim und den Erwerb von Atomwaffen“ plane.

Schafft Wladimir es schneller als Greta?

Aber erst jetzt, da die Katastrophe, noch lautstark verstärkt durch Putins Propaganda, an die Haustüre Europas klopft, wachen einige auf. Jetzt erst, wo der Diktator der größten Atomstreitmacht der Welt mit der nuklearen Keule droht, kommen die furchtbaren politischen Fehleinschätzungen der letzten 20 Jahre ans Licht. Ebenso zeigt sich, dass uns Alpha-Männchen und Silberrücken, die sich als gottähnlich und fehlerlos sehen, genetisch eher in eine Sackgasse führen. Umso übler, wenn sie diese Einschätzung, sei es prosaisch oder poetisch, unbedingt der Nachwelt hinterlassen müssen und dann auch noch vom Volk die passende Huldigung erwarten. Muss erst wieder die vollständige Vernichtung der Menschheit im Raum stehen? Wer schafft es zuerst? Der Klimawandel, das Artensterben, die Pandemie oder der Krieg?

Doch tatsächlich beginnt es einigen zu dämmern: Durch unsere fossile Abhängigkeit (besonders Europa, besonders Deutschland) bringen wir uns selbst in höchste Gefahr. Und langsam sollte aus der Dämmerung ein Erwachen werden, wenn auch ein bitteres: Durch die fossile Lebensweise gefährdet der Westen Frieden und Wohlstand nicht nur einfach, sondern durch die Krise der Biodiversität, die Klimakrise und die Ukrainekrise doppelt und dreifach. Und damit das Überleben der gesamten Menschheit. Die Energiewende ist nicht nur ökologisch entscheidend, sie wird zum Politikum. Der Feuerring (Ring of Fire) droht sich nicht zuletzt durch die Krise in der Ukraine zum Teufelskreis (Vicious Circle) auszuweiten.

Und so muss der Wirtschaftsminister Robert Habeck in arabische Petrostaaten fahren und dort eine Energiepartnerschaft mit Katar schließen. Ausgerechnet der ökologische Vorkämpfer und Vizekanzler soll der Wirtschaft helfen beim Öl- und Gaslieferanten von der einen Autokratie zur nächsten zu wechseln - hier muss passend zum gleichnamigen Kreis, der Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben werden und das auch noch von einem grünen Engel. So oder so, die USA als der mit Abstand größter Ölproduzent und was weniger bekannt ist, auch der weltgrößte Gasproduzent, freuen sich. Können sie doch ihr nun endlich wieder konkurrenzfähiges LNG über den Atlantik schippern. Und finden in Europa auch noch einen dankbaren Abnehmer, Klimakrise und Frackingschäden hin oder her. Ministerkollege Christian Lindner, FDP-Vorsitzender und Wachstumspapst, hatte ohnehin nie wirklich Probleme mit Autokratien und dem oben skizzierten System. Doch plötzlich ist er der größte Fan der Energiewende, er nennt die Erneuerbaren sogar „Freiheitsenergien“, Energieträger, die uns aus Abhängigkeiten befreien. So viel Freiheit in einem Satz ist sicherlich passend zum Parteinamen, wirkt aber ob Lindners normativen Einstellung etwas scheinheilig. Zu Recht wird er gefragt warum er sich nicht für einen höheren Spitzensteuersatz als Freiheitsabgabe, nicht für eine Tempobegrenzung als Freiheitslimit und auch nicht für einen Veggieday als Freiheitstag einsetzen möchte, denn auch diese Maßnahmen würden helfen uns aus Abhängigkeiten zu befreien – von diesen Vorschlägen ist er aber weniger begeistert.

Unser Kanzler Olaf „scholzt“ sich durch die Krise und schafft es bei aller Kritik schon nach kurzer Zeit einen fast merkelhaften Lotuseffekt an den Tag zu legen. Dass er vom ukrainischen Botschafter, ob seiner Weigerung die Ukraine zu besuchen (weil Bundespräsident und Parteigenosse Steinmeier ausgeladen wurde) als beleidigte Leberwurst tituliert wurde, ging aber selbst ihm zu weit. Das ist also der Dank für die ganze Unterstützung! Undank ist der Welt Lohn? Sogar schweren Waffenlieferungen habe er doch mittlerweile zugestimmt. Aber jetzt war der CDU-Merz sogar noch vor beiden Sozis dort und die Kritik an der Scholz´schen Zögerlichkeit hört nicht auf. Bei all dem Kriegsgeheul schaltete sich nun sogar Habermas, der Grandseigneur der deutschen Philosophie, kanzlerfreundlich in die aufgeheizte Diskussion ein: Ihn irritiere heute „die Selbstgewissheit, mit der in Deutschland die moralisch entrüsteten Ankläger gegen eine reflektiert und zurückhalten verfahrende Bundesregierung auftreten“.

Doch eine Krise bietet immer auch die Chance zur Verbesserung. Was das Artensterben und die Klimakrise nicht geschafft hat, woran Lindner und Habeck verzweifeln, gelingt Freund Putin rasend schnell, auf jeden Fall schneller als Greta (wann hat man das letzte Mal von fff gehört): Öl, Kohle und Gas aus Russland sollen in wenigen Jahren ersetzt werden können - am besten durch erneuerbare Energien. Wind- und Solarparks werden plötzlich kurzfristig überlebensnotwendig, Speicher- und Brückentechnologien erforscht, Wasserstoff wird in die Gegenwart katapultiert, alle Möglichkeiten werden in Windeseile ausgelotet. Und so könnte, um sich mal so richtig genüsslich in managertauglichen Anglizismen zu wälzen, aus dem vicious circle im best case ein triple win werden. Bei unglaublichen Verlusten. Auf Kosten der Ukraine. Auf Kosten von unermesslichen Leid. Human ressources sind nämlich auch auf denglish echte Menschen!

Ein Lichtblick

Was aber, wenn wir sogar die anderen großen Herausforderungen bewältigen und durch die erzwungene Energiewende Arbeit und Wohlstand verteilen können? Somit die Fluchtursachen bekämpfen? Und die Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen verhindern? Und die Klimakrise abwenden? Ein multiple win. Vergessen wir nicht, dass Deutschland nicht nur der Schauplatz der bisher größten Verbrechen gegen die Menschen war, es war auch ein leuchtendes Beispiel für eines der größten Wunder der jüngeren Geschichte. Mit den Montagsdemonstrationen und der Wiedervereinigung geschah für uns alle überraschend das Undenkbare. Durch die Kraft der Demonstration, durch die Kraft des Volkes wurde ein diktatorisches Regime friedlich entmachtet.

„Tear that wall down“ forderte damals schon Reagan und schüttelte Gorbatschow die Hand. Wie würden wir uns das von Putin und Selenskyj (der ja das gleiche heute selbst fordert) wünschen! Und auch Europa ist nicht nur ein Beispiel für die schlimmsten Gräueltaten und Kriege der Geschichte. Es ist genauso ein Vorbild für einen der größten Erfolge der Nachkriegszeit – ein friedlich vereinter und grenzenloser Kontinent, sogar die gemeinsame Währung wurde nach ihm benannt. Und nun soll (wenn es nach Macron geht in einem neuen Europa) endlich auch die Ukraine mit offenen Armen in der europäischen Familie empfangen werden. Hat also Fukuyama Recht, der in seinem Werk vom Ende der Geschichte räsoniert und dabei ausgerechnet auf die Thesen eines Russen zurückgreift? Oder ist der Westen, ist das Projekt der Moderne, ist der Humanismus doch, und hier muss erneut der Soziologe Habermas herhalten, gescheitert? Alles nur Philosophie? Nein, denn vielmehr stellt sich die Frage: Was kann jeder Einzelne tun?

Für die Antwort muss doch noch einmal ein Intellektueller, nämlich Noah Chomsky herhalten, das amerikanisches Pendant zu Habermas: „Wir müssen die Augen offenhalten und das Hässliche in der Welt sehen, die Gefahren erkennen, sie verstehen und darauf vorbereitet sein, ihnen zu begegnen. Das ist der Pessimismus des Verstandes. Optimismus des Willens bedeutet: Wir kämpfen weiter, weil wir wissen, dass es möglich ist, zu gewinnen, aber es wird nicht leicht sein. Man darf nicht aufgeben, trotz aller Hindernisse, die sich einem in den Weg stellen. Das ist die wichtigste Lektion der modernen Geschichte. In vielerlei Hinsicht sogar der gesamten Geschichte.“ Dem ist außer meinem abschließenden Appell nichts hinzuzufügen: „Lassen Sie uns gemeinsam den Traum von Frieden und Freiheit träumen und alles versuchen, was in unserer Macht steht, damit er zu Wirklichkeit wird. Jeder nach seiner Façon.“

Aber wie könnte eine realistische Lösung aussehen?

Die ganze Welt ist auf der Suche nach einem Ausweg, nur einer nicht. Wahrscheinlich planen die meisten Geheimdienste sogar schon sein dionysisches Exitszenario, frei nach Schillers Bürgschaft. Aber einen KGB Agenten alter Schule, der sich seine Getränke immer selbst mitbringt und seine Gesprächspartner an einem so langen Tisch empfängt, dass selbst ein guter Schütze Glück bräuchte, den erwischt selbst ein Damon den Kinschal im Gewande, so leicht nicht. Wenn also weder die eigenen Leute den Mut, noch das eigene Volk die Kraft aufbringt, den Tyrannen zu entmachten, was bleibt dann noch? Muss man das Leid der Ukraine fast tatenlos hinnehmen, beschränkt sich die Aufgabe, wie Peter Sloterdijk meint: „Putin beim Scheitern zu assistieren. Ihn so scheitern zu lassen, dass wir nicht mit untergehen.“

Oder hat die globale Politik, hat die Weltwirtschaft, eine Möglichkeit den Krieg zu beenden? Die UN sind zahnlos, der Internationale Gerichtshof machtlos und so einig ist der Rest der Welt dann doch nicht. Nicht einmal in der Verurteilung des Angriffskrieges. Die Demokratien (außer Orbans Ungarn) halten zwar zusammen, aber schon deren größte schert mit dem Ultranationalisten Modi aus, enthält sich bei den UN-Resolutionen und macht Rohstoffdeals mit Russland. Da erntet der Inder bei seinem Besuch in Deutschland natürlich Kritik, hat aber wahrscheinlich sogar recht, wenn er in seiner Antwort die Scheinheiligkeit Europas bemängelt: „Ich vermute, wenn ich mir die Zahlen ansehe, dass unsere Gesamtkäufe für einen Monat wahrscheinlich geringer sind als das, was Europa an einem Nachmittag kauft." Die Vasallenstaaten halten gezwungenermaßen ohnehin zu Russland, die extremsten Autokratien aus Eigeninteresse und der große Bruder China bleibt der grenzenlose Freund, der zudem als neuer Kunde gerne die fossilen Energien abnimmt - werden jetzt ja sogar billiger.

Wenn das eigene Volk und der Rest der Welt scheinbar wenig Möglichkeiten haben, was bleibt dann noch? Ein Wunder? Oder wenn schon kein himmlisches Eingreifen geschieht, können vielleicht Gottes irdische Stellvertreter das Leid beenden oder zumindest mäßigend einwirken. Noch beim letzten Zaren gelang dies einem Wanderprediger. Doch Putins Rasputin heißt Kyrill und der hetzt ihn vielmehr noch zusätzlich auf, zusammen sind die beiden sogar eher ein Duo Infernale. Noch im Ersten Weltkrieg wurde Benedikt XVI. aufgrund seines Einsatzes gegen das Leid als Friedenspapst bekannt. Putin aber hat keine Zeit für Papa Franziskus, er hat noch nicht einmal seine Anfrage nach einem Treffen beantwortet. Was also kann die Politik, was kann die Welt, was können wir dann tun? Diese Seite endet hier und der zweite Teil des Essays ebenso. Die möglichen, die wahrscheinlichen und die unwahrscheinlichen Lösungen sind so vielschichtig, dass sie als Grundlage einer tieferen und gesamtheitlichen Betrachtung bedürfen – mit verschiedenen Szenarien, einer realistischen Exitstrategie und einer Utopie. Dies alles finden Sie in den folgenden Teilen des Essays. Im dritten Teil wird schon mal eine der möglichen Lösungen (die aber für so manchen überraschend sein mag) näher betrachtet. Einen kleinen Hinweis liefert schon der Titel: „Schaffen wir das?“