Teil 5 – And it burns, burns, burns

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Ein brandgefährlicher Krisenmix legt sich wie ein Feuergürtel um die Erde (eigentlich meint ring of fire eine Kette aus Vulkanen)

And it burns, burns, burns – The ring of fire

Und es brennt, brennt, brennt – Der Feuerring! Mit der Überschrift ist aber weder die Lichtanlage des Olympiastadions zu Berlin, noch der Titel eines der erfolgreichsten Lieder von Johnny Cash gemeint, obgleich einige Leser wahrscheinlich zuerst an diesen Song denken. Auch der Werbespot für eine Hämorrhoidensalbe stand nicht als Titelgeber für dieses Kapitel der Geschichte zu Pate; zumal Cashs Erben den Song nicht zur Verfügung stellen wollten, weil sie ihn als verunglimpfend ablehnten. Schließlich handelte Johnnys Lied von einer heißen Liebe und nicht von erweiterten Gefäßen unter der Darmschleimhaut. Es ist auch nicht die Rede von J.R.R.Tolkiens Meisterwerk, obwohl das Titelbild frappierend an dessen monumentale Verfilmung erinnert. Letztlich ist mit dem Titel nicht einmal der pazifische Feuergürtel gemeint, der eigentliche Namensgeber für den Begriff „ring of fire“: Ein Feuerring, der den größten Ozean der Welt dreiseitig umgibt und bis heute die meisten Vulkane beherbergt, die in den letzten 12.000 Jahren ausgebrochen sind.

Titel und Bild beschreiben vielmehr eine aktuelle Bedrohung, die sich global gesehen noch weitaus explosiver als ein Vulkanausbruch darstellen könnte, denn sie stellt die Sicherheit unseres gesamten Planeten leider in mehrerlei Hinsicht in Frage. Wir sprechen nämlich von einer toxischen Kombination aus Krieg und Klimakrise, die sich seit diesem Jahr – wie im Bild oben – um die gesamte Welt schlingt. Verbunden mit der dazugehörigen Inflation, Energiehunger und Corona ist dieser Feuerring im wahrsten Sinne des Wortes brandgefährlich. So könnte durch den „ring of fire“ eine Aera der globalen Unsicherheit und Instabilität eingeläutet werden, in der sich die Ukrainekrise möglicherweise bis in die entlegensten Zipfel dieser Welt ausbreitet.

Das sind nicht meine Worte, sondern die Einschätzung von David Beasley, dem Leiter des Welternährungsprogramms (WFP). Auf der 58. Münchener Sicherheitskonferenz, die im Februar 2022 kurz vor Beginn des Krieges stattfand, warnte er mit diesen Aussagen vor Hungersnöten, massiver Destabilisierung und Massenmigration. Wenn wir nicht sofort etwas unternähmen, so Beasley weiter, müssten wir unser Nichtstun tausendfach zurückzahlen. Schon Mitte Februar war jener Feuerring also entzündet, dieser Tage brennt er lichterloh. Was würde Beasley jetzt erst sagen, nach dem die mühsam vereinbarten und für die Welt so entscheidenden Getreideexportvereinbarungen nur ein Tag nach ihrer Unterzeichnung im Gleichklang mit der russischen Glaubwürdigkeit im wahrsten Sinne des Wortes pulverisiert wurden?

Denn die Ukraine ist mit 8 % der weltweiten Ausfuhren einer der größten Weizenexporteure. Schon damals im Irak waren es Öl und Gas, heute in der Ukraine geht es schon wieder um Rohstoffe. In Bezug auf Hunger geht es besonders um die üppigen Getreidevorräte der sogenannten Kornkammer Europas. Und wenn Dürreperioden durch die Klimakrise verschärft werden, die Pandemie als zusätzlicher Brandbeschleuniger dazukommt und dann noch die Getreidepreise explodieren, wie derzeit z. B. durch den Krieg in der Ukraine um 50 %, dann steigt das Leid nicht nur direkt proportional und in der Ukraine, sondern exponentiell. Und zwar besonders in den ärmsten Ländern, die auf diese Importe angewiesen sind.

Das „World Food Programmme“ hat 2020 den Friedensnobelpreis dafür bekommen, den Hunger in der Welt zu bekämpfen. Den Friedensnobelpreis für die Bekämpfung von Hunger? Das resultiert aus der Tatsache, dass mit Brot für die Welt gleichzeitig ein Großteil der Gründe für Krieg beendet werden. Nun geschieht das Gegenteil, Putin nutzt den Hunger für den Krieg und macht aus ihm einen Hungerkrieg: Zunehmend werden Silos und Felder zerbombt oder vermint, Häfen blockiert, Schiffe vernichtet. Die arme Welt hungert, die Ärmsten sterben einen grausamen Tod.

Das WFP bezieht 90 % seiner Hilfen aus der Ukraine, Ägypten importiert 96 % seines Getreides, davon ebenfalls den größten Teil aus der Ukraine (und vergessen wir nicht, der Sturz von Mubarak und die Revolutionen des arabischen Frühlings in den Jahren 2010 und 2011 sind zum Teil auch wegen des hohen Brotpreises entstanden). Im Jemen droht die größte Hungerkrise aller Zeiten, jegliche Prozentzahlen oder sonstige Mathematik sind bei der prognostizierten Hungersnot und dem damit einhergehenden Massensterben also völlig fehl am Platz.

Und doch: Selbst diese Situation wird von der Agrarlobby wieder einmal gnadenlos ausgenutzt. Sie fordert die mühsam gefundenen Kompromisse aufzugeben und den European green deal noch weiter zu verwässern (obwohl der ohnehin schon nahe am Wasser gebaut, vulgo zum Heulen war). Und was wirklich sprachlos macht und einen fast anwidert: Die Forderung wird auf dem Rücken der Flüchtlinge, mit dem Argument des Krieges als Vorwand vorgetragen. Auch wenn diese zum Teil schon wieder in ihre Heimat zurückkehren und in Odessa die berühmte Oper wieder ihre Tore geöffnet hat (die Seitentüren zumindest, das Hauptprotal ist vorsichtshalber noch mit Sandsäcken verbarrikadiert).

Doch die Lobbyarbeit hat wieder mal wie eine gut geölte Maschinerie funktioniert: Die für den Artenschutz freigehaltenen Brachflächen sollen wieder bewirtschaftet, das Düngemittelgesetz der EU auf unbestimmte Zeit verschoben werden. Woanders ist es noch schlimmer. In Brasilien will Bolsonaro unter dem Vorwand des Ukrainekrieges die gesamten indigenen Territorien zur Nutzung freigeben. Nachhaltigkeit, Artenschutz und Klimakrise, war da was?

Aber man sollte nicht mit Steinen werfen, wenn man selbst im Glashaus sitzt. Denn auch der Westen, und hier besonders Deutschland, hat die Klimakrise fast vergessen (ironischerweise muss man jetzt aus anderen Gründen Energie einsparen und im Winter vielleicht dennoch frieren). Genauso wie die Tatsache, dass zwei Drittel der Getreideerträge direkt in die Massentierhaltung fließen – aber wer von uns will schon auf ein fettes Steak vom Grill oder die tägliche Portion Wurst oder Fleisch verzichten? An den Aufschrei bei der Idee der Grünen einen Kantinen-Veggie-Day pro Woche einzuführen, sei hier nur am Rande erinnert. Obwohl wahrscheinlich jetzt eine gute Chance wäre, dies umzusetzen.

Denn das wäre der erste wichtige Punkt, den ohnehin ungesunden massiven Überkonsum von Fleisch bei einer gleichzeitig stattfindenden grausamen Tierquälerei zu reduzieren – nur ganz wenig würde reichen. Schon die Umsetzung des EU-Verbots den Ferkeln die Ringelschwänzchen abzuschneiden, würde bei beiden Themen viel helfen, denn das Fleisch würde teurer und den Tieren ging es besser. Weil die Bundesregierung die Richtlinie nicht umsetzt, wird die EU nun eigene Maßnahmen ergreifen.

Oder Henne und Ei. Allein in Deutschland werden sagenhafte 20 Milliarden Eier pro Jahr gelegt, in manchem Landkreis kommen auf einen Menschen, die hundertfache Menge an Hühnern. Da Hähne keine Eier legen, sind die männlichen Exemplare in den Zuchtbetrieben weniger begehrt, 45 Millionen Küken werden so zu „Eintagshähnchen“. Nun hat man als erstes Land der Welt Töten der Bruderhähne (so werden die männlichen Küken nun genannt) verboten. Was einzig und allein dazu geführt hat, dass diese Exemplare wie Giftmüll ins Ausland exportiert und dort vergast werden.

Oder das zweite Grundproblem angehen: Die Überversorgung des Westens (übrigens das gleiche Thema wie bei den Impfstoffen), bei massivem Mangel in den Entwicklungsländern. Bei uns hingegen gibt es eine unglaubliche Verschwendung von Lebensmitteln, 1,3 Milliarden Tonnen weltweit, ein Drittel aller Nahrungsmittel in Deutschland. Vor kurzem haben sich Aktivisten mit Sekundenkleber auf die Straßen geklebt, weil das Gesetz, das die Verwertung von abgelaufenen Lebensmitteln gestattet, immer noch nicht fertiggestellt, geschweige denn verabschiedet wurde. Von wütenden Autofahrern werden sie tätlich, von Ulf Poschardt, dem Welt-Chef (der sich scheinbar für den Chef der Welt hält) verbal angegriffen. Angeblich, weil sie einen Rettungswagen aufgehalten hätten.

Und als Drittes sollte man sich die Frage stellen, ob man hier nicht den Teufel mit dem Beelzebub austreibt, auch wenn dieser Vergleich vielleicht unpassend ist. Aber die Biodiversitätskrise und die Klimakrise haben ja durch den Krieg nicht aufgehört, sie werden vielmehr verschärft, wie wir gleich sehen werden. Ein Sommer der Dürre, ein weiterer Heuschreckenschwarm, das Aussterben der Bienen. Die Liste an Herausforderungen, denen sich die Landwirtschaft gegenübersieht, ließe sich beliebig fortsetzen – und die sind weit größer und längerfristiger als der Ernteausfall von 8 % der Exporte. Auch wenn das schon schlimm genug ist.

Auf jeden Fall gäbe es genug Möglichkeiten diese zu kompensieren, einige davon sind oben genannt. Es wäre sogar eine große Chance, die grundsätzlichen Probleme anzugehen und zu lösen, ein triple win. Nur nicht für die Dünge- und Pflanzenschutzmittelhersteller (Kunstdünger wiederum verbraucht im Herstellungsprozess übrigens unglaublich viel Energie und wird deswegen auch viel in Russland hergestellt). Und so schreit die Bayer AG, einer der größten Treibhausgas Emittenten weltweit, erneut am lautesten. Und wieder war die Lobby in Brüssel erfolgreich und hat jahrzehntelang erarbeitete Fortschritte im Handstreich rückgängig gemacht – auf dem Rücken der Leidenden, unter dem Vorwand, den Hungernden helfen zu wollen, während dadurch die lokalen Kleinbauern von den Düngemittel- und Saatgutherstellern noch mehr in die Abhängigkeit getrieben werden.

Wahrscheinliche Folge wird daher sein, dass der Hunger trotzdem zunimmt (allein durch die Pandemie hungern ca. 200 Millionen Menschen mehr) und wir weiterhin unsere übergewichtigen Körper durch die Gegend tragen und so gleichzeitig für stabile Einnahmen für die Orthopäden und Herzmediziner als auch die Tierzüchter und Schlachthöfe sorgen. Wir werden auch weiterhin zu viel Fleisch essen und zu viel Nahrungsmittel wegwerfen, während sich Klimakrise und Artensterben weiter verschärfen. „An Weihnachten liegen alle rum und sagen, puh, der Abfalleimer geht schon nicht mehr zu. Wir steigern das Bruttosozialprodukt“, sang Geier Sturzflug 1983. Fast 40 Jahre später hat sich an der Aktualität des Textes wenig geändert. Leiden werden wieder einmal die Menschen in den Entwicklungsländern, denen ein Jahr des Hungers oder auch mehrere bevorstehen könnten. Wenn dann der Hunger und die steigenden Preise zu Fluchtbewegungen und Revolutionen führen, wie es im arabischen Frühling geschah, wenn es dann zu einer Militärdiktatur kommt und die Menschen noch mehr leiden oder wenn – wie in Ägypten auf den Putsch jahrelange, gewaltsame Auseinandersetzungen und eine Staatskrise folgen, kann statt dem triple win auch ein multiple loose entstehen.

Daher warnte David Beasley, wir haben es am Anfang gelesen, auf der diesjährigen Münchner Sicherheitskonferenz so eindrücklich vor jenem „ring of fire“. Wenige Tage vor Kriegsbeginn war der einzige teilnehmende Russe übrigens Oleg Wladimirowitsch Deripaska. Ein Oligarch, der außer seinem 2. Vornamen, noch zahlreiche weitere Gemeinsamkeiten – wie mehrere Yachten und Geliebte – mit dem russischen Präsidenten aufweist (allerdings gibt es auch Unterschiede. Ist er doch der einzige Milliardär, dessen Yacht noch länger und dessen Geliebte noch jünger sind als die des Kremlchefs).

Womit wir wieder beim Thema wären, denn unser „ring of fire“ ist kein Feuerring des Holozän, sondern einer des Anthropozän und damit eindeutig manmade. Mit man ist in diesem Falle explicit nicht die gesamte Menschheit gemeint (die im Englischen übrigens genauso wenig frauenfreundlich mankind heißt), sondern nur deren „besser Hälfte“. Oder vielmehr die 4 Milliarden, die sich dafür halten: die Männer. Und von ihnen wiederum vorrangig weiße alte Exemplare wie ich, also Wams.

Die Beharrungskräfte dieser Gattung sind groß, wie man am Zustand der Erde gut erkennen kann: „Es lebe das Patriarchat“ und sein Chef-Patriarch (und damit ist nicht das kanonische Territorium der ehemaligen Sowjetunion und ihr geistiges Oberhaupt Vorsteher Kyrill gemeint). Wir sprechen mal wieder von einem exklusiven Männerring. Von Wladimir Putin und seine „Ostalgie“. Vom Präsidenten der Russischen Föderation, der umgeben von einem frauenfeindlichen „ring of men“, einen derartigen Machismo an den Tag legt, dass ihn der Literaturwissenschaftler Toni Tholen sogar als „Fascho-Patriarch“ bezeichnet. Die Folgen dieser toxischen Männlichkeit könnten dazu führen, dass der Vorschlag, das neue Erdzeitalter nach dem Menschen zu benennen, nochmal überdacht werden muss, weil ein anderer Name in mehrfacher Hinsicht besser passt: Die Erde brennt – Das Pyrozän

Das Versagen des Westens

Zurück zum Thema, zurück zu den Rohstoffen. Getreide haben wir schon betrachtet, doch heutzutage sind es andere Rohstoffe, die wesentlich wichtiger sind (und die liegen zumeist unter der Erdoberfläche). Besonders für das wirtschaftlich sonst so schwache Russland. Gemeint sind Kohle, Öl und Gas. Die neu entdeckten Gasfelder vor der Küste der Ukraine sollen zu den größten der Welt gehören und sind noch nicht mal ansatzweise ausgebeutet. In Bezug auf Öl und Gas haben wir allerdings keinen fing of fire, sondern einen „circulus vitiosus“, einen echten Teufelskreis.

Denn mit unserem unendlichen Rohstoffhunger finanzieren wir meistens Regimes, die mit Demokratie und Menschenrechten wenig am Hut haben – wie z.B. Saudi-Arabien, Iran, Katar, China und auch Russland. Putins Reich ist z. B. bei Gasreserven auf Platz 1, bei Gasförderung auf Platz 2, bei Erdöl auf Platz 3. Ein kompletter Medaillensatz also, den das Land als kleinen Trost für das diesjährige Teilnahmeverbot an internationalen Großveranstaltungen erbeuten konnte. Nicht nur deswegen ist die Bevölkerung in solchen Ländern weniger zufrieden und schaut neidisch auf die Freiheit der Menschen im Westen. Von innenpolitischen Krisen kann man durch Außenpolitik gut ablenken, am besten ein schöner kleiner Krieg, gerne auch nicht so nahe am eigenen Land. Stellvertreterkrieg heißt das euphemistisch, wenn Menschen in anderen Ländern für die eigenen Ziele krepieren müssen. Oder ganz aktuell: Spezialoperation!

Viele Petrostaaten sind Autokratien, die Spannungen und Krieg in der Welt befördern und nicht befrieden. Oft fördern sie islamistischen und anderen Terror (Afrika), führen Attentate (Kashoggi) durch, bedrohen nuklear (Iran, Nordkorea), führen Stellvertreterkriege (Jemen) und auch solche ohne Stellvertreter (Russland) – alles finanziert vom Geld des Westens. Der dann als Folge wiederum selbst zu katastrophalen Interventionen neigt, wie in Kuwait, im Irak, Iran und zuletzt in Afghanistan. Die Region und die Staaten selbst werden destabilisiert, ihre Rohstoffe ausgebeutet und das Land dann wieder verlassen. Die Heuschrecken „haben fertig abgegrast“ und ziehen zum nächsten Ziel, solange es auf dem Planeten noch welche gibt. All das bei unendlichem Leid der Bevölkerung.

„Und der Robert fliegt geschwind; durch die Luft, so hoch, so weit; niemand hört ihn, wenn er schreit.“ So heißt es im Struwelpeter passend zur wuscheligen Frisur unseres Wirtschaftsministers. In der harten Realität muss der grüne Robert in den Nahen Osten fliegen (und das auf Kerosinbasis in der Regierungsmaschine statt mit Windkraft und Schirm), um die Scheichs in den „Schurkenstaaten“ hofieren zu dürfen. Da wird wahrscheinlich nicht nur er selbst, sondern seine ganze Partei schwer schlucken und hoffen, dass der Husten in der Wüstenluft von Katar nicht zu einem veritablen Katarrh wird – man möge mir das grässliche Wortspiel verzeihen. Denn viele Wüstenstaaten finanzieren, mit den Petrodollars – oder in diesem Fall – Petreuros, terroristische Vereinigungen wie Al-Kaida, den IS und Kriege in Afrika. Und so schließt sich der teuflische Kreis.

Auch oder vielmehr besonders ist das bei Russland der Fall. Nur hat das bisher, bei der Unterstützung von Diktatoren wie in Syrien und Belarus und bei den bisherigen Kriegen in Tschetschenien, Georgien, Kasachstan, der Krim und dem Donbass niemand oder zumindest kaum jemand interessiert. Nimby – not in my backyard. Erst jetzt, da der Krieg bei unserem Nachbarn eingezogen ist und kurz vor der eigenen Haustüre steht, oder wie am Anfang benannt, tatsächlich im europäischen Hinterhof, beginnt es einigen zu dämmern: Durch unsere fossile Abhängigkeit (besonders Europa, besonders Deutschland) bringen wir uns selbst in höchste Gefahr. Jetzt erst wachen einige aus ihrem Dornröschenschlaf auf und die furchtbaren politischen Fehler der letzten 20 Jahre werden bewusst. Doch die meisten schlafen einfach weiter, wahrscheinlich so lange, bis sie im nächsten Winter irgendwann in kalten Betten aufwachen.

Die Ohnmacht der Welt?

Doch, aus der Vergangenheit und der Zukunft zurück in die noch grausamere Realität. Denn spätestens, als über hunderttausend Mann (manche sagen sogar über 150.000 Soldaten) an der Grenze zur Ukraine zusammengezogen und in Gefechtsbereitschaft versetzt wurden, war eigentlich ziemlich klar was passieren würde – ein Feuerring (im schlimmsten Sinne des Wortes) aus Bomben und Raketen legte sich fast um die gesamte Ukraine. Einzig, das Tor zum Westen blieb größtenteils offen.

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Ein Feuerring fast um die gesamte Ukraine.

Nur wollte es niemand sehen. Niemand wollte es glauben. Dass das passiert, was zu vermuten war. Verständlich. Denn es war ein Paradigmenwechsel. Eine Zeitenwende. Die Nachkriegsordnung erschüttert. Die Zeit des Friedens, vorbei. „Nie wieder“ ist passiert und niemand kann die Zeit zurückdrehen. Nicht einmal die so ausgeprägt technikaffine FDP.

Aber man kann sich schon fragen, was man hätte anders, vielleicht sogar, was man hätte besser machen können. Allein schon, um daraus für die Zukunft zu lernen. Hat leider nur die letzten 2000 Jahre und wahrscheinlich auch die 300.000 Jahre davor schon nicht so gut funktioniert. Und wenn wissen wir nichts davon, denn die Geschichtsbücher werden meistens von den Siegern geschrieben, da die Verlierer stumm oder tot sind. Und so kommt es, dass die Verlierer gar nicht zu Wort kommen und immer wieder dasselbe passiert.

Und dennoch schien seit dem Mittelalter – mit 30-jährigen, 100-jährigen, napoleonischen, schwedischen und sonstigen Kriegen eine Zeit des relativen Friedens angebrochen zu sein. Seit dem Ende der zwei Weltkriege hielt zumindest in Europa (bis auf die Jugoslawienkriege von 1991 bis 2001) die längste friedliche Phase der jüngeren Geschichte Einzug. Parallel wurde unsere Erde durch die Globalisierung zu einer Welt. Allerdings wurde uns durch die Pandemie und den Klimawandel gleichzeitig bewusst, dass sie der einzige Planet ist (und auf unabsehbare Zeit auch der einzige bleibt).

Die deutsch-französische Freundschaft, ein grenzenloses Europa, sogar eine gemeinsame Währung, wer hätte das noch 1950 gedacht. Die EU wurde vom Dalai Lama sogar als Vorbild bezeichnet, in das die Russen (und später sicherlich auch China) eingeladen werden sollten. Was sicherlich nicht schlecht gewesen wäre – zumindest das Angebot wäre wahrscheinlich gut angekommen. Aber im Gegenteil: Der Vorstoß, eine gemeinsame europäische Sicherheitsordnung zu errichten, den Interimspräsident Medwedjew 2008 einbrachte, wurde „nicht einmal ignoriert“. Der Westen sah den Osten vielmehr als Auslaufmodell, verurteilte Russland für seine Rückständigkeit und Räuberkapitalismus, China für die Unterdrückung des Volkes und den Umgang mit Minderheiten.

Doch umgekehrt ist es genauso: Der gesamte Westen ist in den Augen von China und Russland ein Ancien Regime, das sich schon seit langem auf dem absteigenden Ast befindet. Wir werden also eher als anachronistisches Alteisen, denn als Role Model gesehen. So wurde von den beiden oben genannten Ländern am Eröffnungstag der Olympischen Spiele nicht nur die schon erwähnte „Freundschaft ohne Grenzen“ beschlossen, sondern auch der „Trend zur Neuverteilung der Macht.“ Den ersten Schritt hat Putin gemacht, nun müsste China mit Taiwan nur noch gleichziehen.

Damit könnte dem Westen seine Schwäche und Ohnmacht direkt am echten „ring of fire“, dem pazifischen Feuerring vor Augen geführt und dabei zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen werden. Denn so kann man dem Volk gleichzeitig die Überlegenheit des eigenen Systems demonstrieren und etwaige Mitsprachebestrebungen im Keim ersticken. Sind doch Demokratie und freie Meinungsäußerung nicht sehr bequem für die Machthaber. Es könnte ja wirklich mal widersprochen oder gar protestiert werden.

Und im schlimmsten Fall würde man, wie Kollege Donald, aus dem Amt gewählt werden – geht ja gar nicht. Nicht mal der Sturm des Kapitols und Wahlfälschung haben ihm geholfen, er musste tatsächlich seinen Stuhl räumen. Wie knapp die USA vor einem Bürgerkrieg stand, wurde erst später, durch den Untersuchungsausschuss im Kongress, deutlich: „Pence hängen? Er verdient es!“ wird Trump zitiert, als der Mob dem Vizepräsidenten mit Selbstjustiz drohte.

Der eigentliche Kampf zwischen Autokratie und Rechtsstaatlichkeit findet vielleicht gar nicht zwischen Osten und Westen, sondern in einer der ältesten und stolzesten Demokratien der Welt statt und er ist noch lange nicht entschieden. Die Schlacht im Kapitol wurde zwar (unter hohen Verlusten in die Glaubwürdigkeit) knapp gewonnen, dieser Krieg aber noch lange nicht. Spätestens 2024 ist es wieder so weit und die Vorboten dieser Auseinandersetzung sind schon jetzt zu spüren.

Doch trotz aller geopolitischer Spannungen, vor allem zwischen den großen Systemen von Autokratie und Demokratie, von Planwirtschaft und Kapitalismus, schien der Friede bis zum Februar 2022 stabil – und eine dauerhaft friedliche Welt greifbar. Doch dieser Schein trug und das Undenkbare geschah. Aber was können wir tun? Welche Alternativen oder zusätzliche Möglichkeiten gibt es, außer Sanktionen und Aufrüstung. Die zu noch mehr Aufrüstung und einer Aufrüstungsspirale ohne Ende führt und schließlich dazu als – „ultima irratio“ – Krieg mit noch mehr Krieg zu beantworten?

In Konflikten hilft es immer zu versuchen auch die Position des Gegners einzunehmen. In diesem Fall für uns, aus den Augen des Ostens auf die Situation zu blicken. So wie wir es vorhin getan haben. Und ob dann der westliche Imperialismus der Neuzeit (an die Kreuzzüge und die Kolonialisierung sei hier nur am Rande erinnert), mit dem Holocaust, mit Vietnam, mit dem Irak, Afghanistan und Afrika, genauso schlimm oder schlimmer war als die Gräueltaten Maos und Stalins (also die des Ostens) das mögen andere bewerten.

Aber was können wir, was kann jeder Einzelne noch tun, außer Geld spenden, Hilfsgüter sammeln, Flüchtlinge aufzunehmen, die höheren Kosten zu zahlen und zu beten? Nun: Wir können uns einen Überblick verschaffen, versuchen die Fakten kennenzulernen, uns der Situation bewusst zu werden und daraus schließend Möglichkeiten erkunden. Möglichkeiten, was sich ändern kann, Möglichkeiten was wir tun können, Möglichkeiten was unsere Beteiligung sein könnte. Es scheint keine oder kaum Zeit dafür zu sein. Aber der Mensch hat auch gezeigt, wie schnell er Lösungen finden kann, wenn er denn nur will.

Das war beim Waldsterben (Katalysator), beim Ozonloch (FCKW-Verbot), bei der Finanzkrise (Rettungsschirme), bei der Pandemie (Impfstoffe) so, um nur einige Beispiele zu nennen. Gut, bei der Klimakrise und beim Artensterben klappt es noch nicht so, aber die ersten Ansätze gibt es. Von Schnelligkeit kann man allerdings nicht sprechen. Der neue Bericht des Weltklima-Rates hat nach über 50 Jahren nach dem ersten Bericht (dem Nachhaltigkeits-Bericht des Club of Rome) im Prinzip nur eines aufgezeigt: Dass wir die letzten 50 Jahre nichts getan haben und sich die Lage nicht einmal verschlimmbessert, sondern immer noch verschlechtert. Wo sie sich doch eigentlich höchstrichterlich beschlossen und gesetzlich vorgegeben schon längst hätte verbessern müssen.

Doch nun haben die Pandemie und der Krieg die Situation noch verschärft. Früher hieß es: die größte Plage der Menschheit sei der Krieg. Warum sollte es nicht auch für diese Plage eine Lösung geben? Oder für eine der zahlreichen anderen Herausforderungen, wie sie bereits beschrieben wurden. Aber bleiben wir noch einen Moment bei der heutigen Situation und der Frage: Worum geht es wirklich?

Es geht immer um Rohstoffe

Zurück in die brutale Gegenwart und zu den Rohstoffen der Ukraine - wir werden diese Vorkommen nun etwas ausführlicher betrachten. Wichtig ist dabei, dass diese Rohstoffe wie immer, wie auch schon damals bei Hitler, benötigt werden um den Krieg überhaupt finanzieren zu können und die Wirtschaft anzukurbeln. Und alle fallen immer wieder auf die vorgeschobenen Gründe rein. Wie auch beim Irak. Die meisten wissen es gar nicht oder wollen es im Westen auch gar nicht wissen – schließlich basiert der Wohlstand Europas genau auf diesem Prinzip – bis heute.

Auch wenn oft religiöse Motive, rassistische oder rassische Aspekte oder manchmal sogar amouröse, Rachegründe vorgeschoben werden. Das sind meist nur Vorwände für die Menschen. Um dem Volk eine Erklärung vorzugaukeln, die es goutieren kann, die einen zum moralischen Sieger erklärt. Doch es geht immer um etwas anderes – immer um Rohstoffe, immer um Geld und damit immer um Macht.

Wussten Sie z. B., dass 2012 mehrere große Gasfelder im Schwarzen Meer, und zwar im Hoheitsgewässer der Ukraine entdeckt wurden? Kein bedrohliches Problem, solange eine russlandfreundliche Regierung an der Macht ist. Spätestens mit den Protesten des Maidans und der Absetzung Wiktor Fedorowytsch Janukowytschs am 22.02.2014 war der Spaß allerdings ganz schnell vorbei. Dieser hatte, von Putin massiv unter Druck gesetzt, das vom Volk gewünschte Abkommen mit der EU nicht unterzeichnen wollen. Doch das Volk hatte genug von der russischen Knechtschaft, setzte ihn ab und den europafreundlichen Poroschenko ein. Deswegen wurde die Orangene Revolution auch mit dem Namen „Euromaidan“ tituliert.

Kaum überraschend, dass nur ein Monat später die Krim eingenommen wurde. Anstatt darum, die russische Minderheit heim ins Reich zu holen, ging es mal wieder um knallharte wirtschaftliche Interessen. Und mit der Annektierung der Krim ging ein guter Teil der neuentdeckten Gasfelder wieder zurück an Russland. 25 Jahre nach der Unabhängigkeit der Ukraine, wenig später nach der Entdeckung der Vorräte und ganz kurz nach dem Beginn ihrer Exploration.

Diese Gasfelder, es wird eine Zahl von zwei Billionen Kubikmetern Gas genannt, hätten die Ukraine nämlich zu einem der größten Produzenten, vielleicht sogar zu einem der größten Erdgasexporteure der Welt gemacht. Und dieses Geschäft wollte man, so verbunden man sich den Brüdern und Schwestern in der Ukraine auch fühlt, den kleinrussischen Geschwistern nun wirklich nicht überlassen. Öl und Gas sind die dominanten Haupteinnahmequellen und das Kerngeschäft von Putin (und der größte Einzelkunde war bis vor Kurzem noch die BRD).

Man könnte also mit Fug und Recht behaupten, Russland sei ein Petrostaat, vielleicht sogar der einzige in Europa. Etwas despektierlicher wäre es Russland als „Europas Tanke“ zu bezeichnen (allerdings eine Tankstelle mit Atombomben!), aber es träfe des Pudels Kern. Denn die EU bezieht 35 % ihres Erdgases aus Russland, Deutschland sogar über 50 % und andere Länder der EU noch mehr. Da schnupft man sich mit der Annexion der restlichen Ukraine (einen zweiten Petrostaat will man in Europa nämlich sicherlich nicht) lieber auch noch den Rest der Gasfelder, als nur ein Stück vom Kuchen abzugeben.

Hatte die Ukraine Russland doch auch geärgert, weil sie die Wasserversorgung der Krim, die vorrangig (zwischen 80 - 90 %) über einen Kanal aus der Ukraine stattfand, gestoppt haben, indem sie diesen einfach zubetonierten. Seitdem herrscht dort Wassermangel. Was die zwei Millionen Bewohner der Krim verständlicherweise nicht besonders erfreut. Denn nun wird es wieder trocken und salzig. So wie es auf der Krim schon immer war. Aber von Russland wurde ihnen im Zuge der Annexion doch Wohlstand und ein besseres Leben versprochen. Da würde es sich doch anbieten, mit der Invasion auch die Wasserversorgung wieder herzustellen. Nicht umsonst heißt es: Wasser ist das neue Gold. In diesem Falle auch absolut zutreffend. Denn Wasser ist in diesem Konflikt ein umkämpfter Rohstoff.

Aber es gibt nicht nur das Meer und auch nicht nur dort Rohstoffe. Es geht nicht nur um Getreide und Wasser, sondern besonders um die Schätze unter Tage, die Bodenschätze. Daher ist es auch wenig überraschend, dass die größten Untertagevorräte an Öl und Gas erst 2010 im Donbass entdeckt wurden und das Gebiet genau deswegen schon 2014 heimgeholt wurde. Der Donbass wird schließlich nicht umsonst als das industrielle Herz der Ukraine bezeichnet. Leider schlägt dieses Herz seit der Annexion so wenig erfolgreich, dass die Menschen sterben, anstatt Rohstoffe auszubeuten und die Gegend zunehmend verseucht wird. Auch in der Region, in der die zweitmeisten Rohstoffe vorkommen, liegen sie unter der Erde. Hier liegt eine der Städte, um die am meisten gekämpft wird. Auch der Name dieser Region (Oblast Charkiw) ist aus den Medien im Moment fast genauso bekannt wie ihre Hauptstadt. Doch hier musste sich die russische Armee fürs Erste zurückziehen.

Ja und dann wird die Ukraine, wie vorhin schon erwähnt, die Kornkammer Europas genannt. Sie ist für einen Großteil der weltweiten Getreide-Exporte zuständig. Da werden jetzt auch einige Länder leiden. Und das sind nicht nur abstrakt Länder, sondern ganz konkret Menschen, die leiden. Meistens sind es die Ärmsten und die Kleinbauern, die auf ihre eigene Nahrung verzichten müssen, weil sie wiederum Rohstoffe wie Kakao (für unseren Kaba), Kaffee (für unseren Cafe) und Soja (für unsere Schweine und Hühner) für den Westen anbauen. Und dann selbst hungern, weil Sie sich das Brot aufgrund der explodierenden Weizenpreise nicht mehr leisten können. Verkehrte Welt!

Wir fassen also zusammen: Getreide ist finanziell eher einer der unwichtigen Rohstoffe für Russland, für den Rest der Welt bahnt sich allerdings ein Drama an, dass das Leid in der Ukraine noch in den Schatten stellen könnte. Der Hunger wird zudem als Kriegsmittel gnadenlos eingesetzt. Wasser ist vor allem für die Krim wichtig und damit ein regionales Thema. Entscheidend sind die fossilen Rohstoffe und hier vor allem Öl und Gas. Denn ihre Verteilung bestimmt die Geschicke Europas und der Welt.

Aber auch andere Rohstoffe beziehen wir aus Russland: 20 % aller Importe von Aluminium, Kupfer und Eisenerz stammen von dort, bei Nickel ist der Anteil sogar doppelt so hoch. Global gesehen wird nicht nur Hunger als Waffe eingesetzt, sondern im Wettbewerb um die Weltherrschaft fast alles und nicht nur durch Russland. The „Weaponisation of everything“, nennt der Russland-Experte Mark Galeotti das – Wie alles eine Waffe wird. Wenn nicht in militärischen Konflikten, dann zumindest im Wirtschaftskrieg – viele werden sich vielleicht an den Streit um die seltenen Erden (98% aus China) oder den weltweiten Kampf um Computerchips erinnern.

Doch Krieg kann niemals gerechtfertigt sein! Zum besseren Verständnis hälfe es aber ausnahmsweise einmal die russische Perspektive einzunehmen. Denn ihr Brot sind Öl und Gas. Und die Wirtschaft würde ohne den devisenbringenden Verkauf dieser Rohstoffe zusammenbrechen und das Volk leiden. Vielleicht so sehr leiden, dass selbst „Putin der Große“ in Gefahr käme. Und das Volk fürchtet er am meisten, wahrscheinlich mehr als den schwachen, degenerierten Westen.

Dem reichsten Zehntel gehören nicht nur dort, sondern in Orient und Okzident das größte Stück des Kuchens. 90%, um genau zu sein. Die übrigen 10 %. teilen sich dann nach Adam Riese den Rest. So erinnert die gewaltige Dekadenz der Superreichen bei gleichzeitigem Leid der Armen in beiden Welten schon langsam an Thomas Manns „Zauberberg“, in dem eine morbide Gesellschaft direkt auf den Ersten Weltkrieg zusteuert. Nur, dass es nicht Hans Castorp ist, der an der Front landet, sondern ukrainische BürgerInnen! Und das in einem drohenden 3. Weltkrieg!

In dem es, wie auch jetzt schon, um die Lebensadern gehen wird, die den westlichen „Energy-Drink“ zu uns transportieren: Die Pipelines. Und als Dank für die Entlassung aus der Sowjetunion wollen die Ukrainer auch noch Transitgebühren für das Gas? Das in unseren Pipelines durch ihr Land transportiert wird, mag sich Putin denken. Undankbares Pack. Und bei den Mengen (zur Hälfte wird Europa von russischem Gas versorgt) kommen da schon ein paar Milliarden zusammen.

Und Geld ist neuerdings noch knapper in der Ukraine, besonders seit das mit den Gasfeldern im Schwarzen Meer und im Donbass nicht mehr so gut klappt. Nicht, dass die Ukraine noch auf die Idee kommt, die Gebühren zu erhöhen. Oder, wie im Mai geschehen, die Leistung zu drosseln. Da sollte man zum Herz auch die passenden Lebensadern wieder heim ins Reich holen – allein aus prophylaktischen Gründen.

Zuvor hatte man zwar noch ein bis zwei Umleitungen durch die Ostsee gebaut, jetzt aber liegen diese als Ruinen nutzlos auf dem Meeresgrund. Sonst hätten sich die üppigen Apanagen an Genosse Gerhard schnell bezahlt gemacht. Für ihn sicher auch, selbst wenn er aus der SPD fliegt. Warum Schröder nach Russland reiste, ist unbekannt, friedenstiftend war es auf jeden Fall nicht.

Dumm nur, dass die Amerikaner lieber ihr Fracking-Flüssiggas verkaufen wollen und deshalb schon vor dem Krieg mit allen Mitteln versuchten, die Inbetriebnahme von Nordstream II zu stoppen. Könnte man das Projekt doch in Anlehnung an die Situation vor genau 100 Jahren mit einigem Recht als das merkelianische/steinmeireische Rapallo bezeichnen.

Der Rest von Europa fand das genauso wenig amüsant wie den Vertrag, der 1922 in Italien geschlossen wurde. Nicht einmal massiver internationaler Druck, sondern erst der Krieg hat es geschafft, den SPD-Kanzler Scholz zu bewegen, das Parteifreund-Projekt vorübergehend einzufrieren. Aber bald können ja auch die Ukraine-Pipelines wieder gebührenfrei genutzt werden (falls Gas je wieder fließen sollte), denkt sich Putin vielleicht.

Vielleicht wird es nun endlich erkannt, durch einen brutalen Krieg, der mitten in Europa stattfindet. Der gleichzeitig mit den ukrainischen Städten auch die russischen Fassaden jeglicher demokratischen Bemühungen einreißt und die faschistische Diktatur schonungslos offenbart: Die genauso brutale Wahrheit lautet nämlich: Globaler Frieden und Wohlstand sind mit einer fossilen Lebensweise nicht vereinbar. Die Umstellung von Öl, Gas und Kohle auf erneuerbare Energien bekommt plötzlich eine dramatische Dringlichkeit. Nicht mehr in einigen Jahren oder Jahrzehnten, nicht mehr bis 2040 oder 2050. Sondern jetzt! Obwohl einige Unbelehrbare trotz der Brände, trotz der Dürren, trotz der Rekordsommer, Hitzetoten und sonstigen Naturkatastrophen immer noch glauben, dass es vielleicht auch bis 2100 reicht oder gar nicht nötig ist. Vielleicht ist ja die Klimakrise nicht mal menschengemacht? Dann könnten wir ohnehin nichts dagegen machen und genüsslich weiter konsumierend ins flammende Inferno rennen.

Aber Nein! Nun muss es aus ganz anderen Gründen sofort geschehen, in wenigen Monaten, der nächste Winter kommt. Spätestens im Oktober wird es langsam frisch. Dann friert Deutschland, dann „bibbert Europa“, wie die Presse titelte. Die Medien berichteten, genüsslich dramatisierend, von Wärmeräumen, die schon vorbereitet würden, was von der Politik natürlich umgehend dementiert wurde. Besonders glücklich schauen die Minister aber angesichts des kommenden Winters auch nicht drein. Und es ist ja nicht nur ein Winter, das gesamte deutsche Geschäftsmodell (mit billiger Energie aus Russland durch deutsche Ingenieurskunst teure Exportprodukte zu schaffen) steht auf dem Spiel. Es ist von Deindustrialisierung, Massenarbeitslosigkeit und Unruhen die Rede. Den Wohlstandszenit hat das dekadente Deutschland, hat Europa wahrscheinlich auf lange Zeit überschritten.

Und Putin genießt es sichtlich sein „Gayropa“ leiden zu sehen, bei einer Pressekonferenz zu North Stream konnte er sich sein Lachen kaum verkneifen. Bisher spielte der Westen das Energiespiel stets mit. Doch nun braucht es eine andere Lösung. Derzeit mit Fracking Gas aus den USA und LNG-Terminals. Dazu die Laufzeitverlängerung der AKWs und die Reaktivierung der Kohle. Und Söder will jetzt auch bei uns „fracken“ wie immer natürlich nicht im schönen Bayern.

Die Welt ist schnelllebig, vergangene Lügen und Gräueltaten werden schnell vergessen. Besonders im Sommer, besonders in der Ferienzeit. Bald aber steht uns ein langer Herbst und ein womöglich noch längerer Winter bevor. Dann beginnt sich zu zeigen, wer am längeren Hebel sitzt und welche Nationen (und ihre Bürger) mehr Opfer bringen und mehr Schmerzen ertragen können. Das leidgeprüfte Russland scheint hier klar im Vorteil, zumal in einer Diktatur der Verzicht einfach und ohne große Aufstände von oben verordnet werden kann. Während dem Westen allein dieses Wort schon sauer aufstößt: Verzicht! Deswegen spricht man bei uns lieber von Suffizienz. Alles aber nur heiße Luft!

Strategische Aspekte

Sprechen wir also lieber von den strategischen Aspekten. Um diese zu verstehen, sollte man sich aber besser eine Landkarte Europas ansehen und sich bewusst machen, dass Kriege heutzutage nur scheinbar in der Luft und am Rechner entschieden werden. Dass aber für den Einmarsch und damit die Beherrschung von Flächenländern mit großer Bevölkerung der See- und letztlich auch der Landweg immer noch entscheidend ist. Der aus eben genannten Gründen bei der geplanten Eroberung der gesamten Ukraine also immer noch die größte Rolle spielt - vor allem die Schiene. Für einen Pazifisten ist es zwar nicht ganz einfach sich bellizistisch in ein militärisches Denkmodell hineinzuversetzen, nahezu unmöglich erscheint es aber strategisch so perfide zu planen, wie ein ehemaliger KGB-Offizier. Versuchen wir es trotzdem?

Die sogenannte „Große europäische Ebene“ ist eines der größten Flachgebiete der Welt und reicht vom Ural über die Karpaten bis nach Frankreich. Sie ist fächerförmig und wird von Osten nach Westen zunehmend schmaler. Wenn man dazu die Karpaten als natürliches Hindernis für militärische Landstreitkräfte einbezieht, bleibt am schmalsten Punkt des Fächers nur noch eine kurze Landbrücke, die im Ernstfall gegen einen Einfall verteidigt werden müsste. Früher lag fast genau an dieser Stelle der eiserne Vorhang.

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Die Große europäische Ebene mit den Karpaten als natürliches Hindernis zwischen Osten und Westen.

Bis zum Ende der 80er Jahre des letzten Jahrtausends, also noch zu Zeiten der Sowjetunion, war die Lage somit noch recht angenehm für das größte Land der Welt. Denn zwischen dem eigenen Staatsgebiet und dem Feindesland gab es einen komfortablen Puffer: durch die Staaten des Warschauer Pakts und Jugoslawien. Um dies zu verstehen, sollte man sich aber in die Situation des Kalten Krieges hineinversetzen, mit russischen Augen auf diese Karte blicken und die USA und die NATO als Feind betrachten. Den man auf keinen Fall in der Nähe und unter keinsten Umständen im eigenen Land haben will. Dann erkennt man, dass es (außer dem Sonderfall Türkei) von Europa eigentlich nur einen Landzugang in die eigene Richtung gibt: über Nordostdeutschland

Damals wäre eine weitere Möglichkeit eine Invasion über die Karpaten gewesen, aber wenn man weiß, dass es für eine Armee noch immer schwer ist über das Gebirge zu kommen, dann musste man auf diesem Wege keine größere Invasion fürchten. Hannibal hat es zwar schon 218 vor Christus über die Alpen geschafft, aber für modernes Gerät, für Panzer, motorisierte Truppen und sonstige Fahrzeuge ist es nicht ganz einfach so ein Gebirge zu passieren. Zudem ist eine große Streitkraft in den Bergen meist ungedeckt und aus der Luft leicht angreifbar. So gesehen blieb damals bloß die erwähnte Landbrücke.

Doch die Situation änderte sich zunehmend und die Stoßrichtung erfolgte stets in eine Richtung – nach Osten. Jugoslawien hatte sich zwar schon 1948 von der Sowjetunion abgewendet, war aber danach eher der slawischen Welt zugeordnet. Parallel mit der UdSSR zerfiel das Land ab 1991 und es folgten, die bis zu diesem Jahr schlimmsten Gemetzel in Europa. Doch die anderen Staaten waren als Puffer immer noch ausreichend, wie auf einer Karte gut zu erkennen ist, die die Situation in den 1980er Jahren darstellt.

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Die Situation vor dem Zerfall der UdSSR.

Aber mit dem Kollaps des Riesenreiches zerbrach auch der Warschauer Pakt und mit dem Wegfall von 14 Staaten schrumpfte der Puffer massiv. Durch die NATO-Osterweiterung verschärfte sich das aus Sicht von Russland noch mehr, bis man den Gegner schon fast an der eigenen Grenze wähnte. Das Baltikum grenzte schon an das eigene Territorium, konnte aber noch durch die Suwalki-Lücke abgeschnitten werden.

Doch als Puffer zu Resteuropa und nach Süden verblieben im neuen Jahrtausend nur noch drei neutrale Staaten: Georgien, Belarus und die Ukraine. 2008 wurde der Antrag von Georgien und der Ukraine zur NATO-Aufnahme zwar abgelehnt, spätestens mit dem Regimewechsel 2014 schien es jedoch nur noch eine Frage der Zeit, bis auch die Ukraine (und Georgien) zu Feindesland würde. Was folgte, sahen wir in den letzten Monaten in den Nachrichten. Und jetzt haben auch noch Schweden und Finnland die NATO Mitgliedschaft beantragt. Schweden geht ja vielleicht noch, mit denen teilt sich Russland nur den Zugang zur Ostsee. Aber Finnland: 1300 km direkte Grenze zu Russland, 1300 km Grenze zwischen Russland und einem frisch gebackenen NATO-Staat, ob das gut geht?

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Die Situation nach der NATO-Osterweiterung, Finnland und Schweden in hellblau.

Aus der anderen Perspektive, aus NATO Sicht, liegt die größte Gefahr für das Bündnisgebiet sogar noch mehr in der vorher bereits genannten Suwalki-Lücke. Das ist die ca. 70 km lange Grenze zwischen Polen und Litauen. Schon vor dem Angriff auf die Ukraine, besonders aber jetzt, wurde die Gegend um die Gemeinde Suwalki (daher der Name) von der militärischen Führung der NATO genau beobachtet. Sie liegt genau zwischen der hochgerüsteten russischen Enklave Kaliningrad (ehemals Königsberg) und Belarus (ehemals Weißrussland), in denen schon zahlreiche russische Einheiten stationiert sind.

Schon lange möchte Russland aus der Suwalki-Lücke eine Suwalki-Brücke machen und Kaliningrad auf dem Landweg anbinden. Und deswegen – so sagen die Militärstrategen – sei genau hier Europa bei einem russischen Angriff am verletzlichsten. Denn mit der Kontrolle dieses Landstreifens wäre das Baltikum erst mal komplett von Europa abgeschnitten. Und das könnte den russischen Streitkräften in nur 48 h gelingen (außer sie verschätzen sich wieder so gewaltig wie in der Ukraine). Einen kleinen Vorgeschmack auf die Wichtigkeit dieser Anbindung konnte man in der Auseinandersetzung um die Warenlieferung nach Kaliningrad sehen, die von Litauen blockiert wurden.

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Die Suwalki Lücke, der Korridor zwischen Kaliningrad und Weißrussland.

Erst nachdem im Juli in der Türkei eine Vereinbarung zur Freigabe der Getreideexporte über das Schwarze Meer erzielt wurde, hat auch Litauen die Transporte durch sein Staatsgebiet wieder zugelassen. Doch nur einen Tag nach der Unterzeichnung des Abkommens wurde der Hafen von Odessa bombardiert. Josep Borrell, der EU-Außenbeauftragte sagte dazu: „Einen Tag nach der Unterzeichnung der Abkommen von Istanbul, ein für den Getreideexport entscheidendes Ziel zu treffen, ist besonders verwerflich und zeigt erneut Russlands völlige Missachtung des Völkerrechts und der Verpflichtungen“. Und wieder ist das Vertrauen zerstört. Vielleicht muss auch die Oper in Odessa bald wieder zusperren …

Eigentlich hatte man gehofft, dass solche Überlegungen durch Interdependenz (Wandel durch Handel) obsolet würden. Aber als ehemaliger KGB Chef und Bärentöter kann man die Gewalt nicht so einfach abstreifen oder gar vergessen, gehörte sie doch jahrzehntelang zum Standardrepertoire. Mit ihm agiert ein Netzwerk ehemaliger KGB Agenten, die Speznas kontrollieren mittlerweile fast wieder sämtliche Schlüsselpositionen in Russland. Sie herrschen und beherrschen das Land und seine Nachbarn mit aller Gewalt und kalter Grausamkeit (ausführlich nachzulesen in Catherine Beltons Werk „Putins Netz“).

„Wer sagt denn, dass das Gute immer gewaltfrei sein soll“, wird dann der Kremlchef auch wörtlich zitiert. Dieses Gute sehen wir gerade. Denn durch Putins Augen, so könnte man interpretieren, rückte die Gefahr mit der NATO-Osterweiterung nun zu nahe an sein Land heran. Und mit Finnland und Schweden verdoppelt sich, wenn auch nicht die Gefahr, so doch zumindest die Länge der Grenze mit NATO-Staaten.

Und vergessen wir nicht: Man glaubt meistens, dass die anderen genauso ticken wie man selbst. Und Putin tickt wie eine Zeitbombe, die nun explodiert ist. Naheliegend, dass er in seiner Paranoia vielleicht sogar vermutet hat, die NATO wolle Russland tatsächlich ganz einnehmen, die unglaublich üppigen Rohstoffvorräte ausbeuten und – davor hat er wahrscheinlich am meisten Angst – ihn vom Thron stoßen. Haben sie mit Anderen ja schon in Afghanistan versucht, hat nur nicht so gut funktioniert. Wie denn auch, wenn selbst Mütterchen Russland schon 1979 gegen die Mudschaheddin gescheitert war. Aber Westen meint ja immer, er kann alles besser. So haben sie es im Irak wieder probiert. Damals sogar vorgeschoben, sie wollten Massenvernichtungswaffen vernichten – die es natürlich nie gab. Hat trotzdem funktioniert, oder ist irgendjemand deswegen im Gefängnis gelandet? In Guantanamo leiden immer nur die anderen.

Wieso also, sollten sie es nicht noch einmal probieren, nur diesmal eine Nummer größer? Beim größten Land der Welt. Möglicherweise denkt Putin ja genau so und deswegen in seiner Rede kolportiert, der Westen plane eine Invasion Russlands. Wer weiß, vielleicht hatte er sogar recht, wir werden ja auch nach Strich und Faden belogen. Ein Unterschied gibt es aber doch: Putin denkt nicht nur so, er handelt auch so.

Gorbatschow „der Schwächling“ hat den Zerfall der Sowjetunion zugelassen, „das, was wir uns in 1000 Jahren erarbeitet haben, war zu einem bedeutenden Teil verloren“, meinte Putin und bezeichnet dies als „die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts“ (Putin selbst war gezwungen, die ungewollte Perestroika im Zerfall der DDR zu erleben). Zum Teil hatte er sogar Recht, denn in Georgien, Transnistrien und Tadschikistan führte das Ende der Area der Sowjetunion und der darauffolgende Kampf um die Macht, direkt zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen. Parallel zerfiel mit Jugoslawien ein slawisches Bruderland, fiel ein Vielvölkerstaat ins absolute Chaos.

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Boris Jelzin und Bill Clinton in New York (nach einer Flasche Wodka Gorbatschow im Oral Office?)

Boris Jelzin, der Nachfolger Gorbatschows hat dann 1997 auch noch die Ost-Erweiterung gestattet, wie benebelt muss man da sein? Doch als KGB Chef wusste Putin genau, dass sein Präsident nicht nur ein gutes Verhältnis zum Westen hatte, sondern auch zu dessen alkoholischen Produkten. Als sein Nachfolger hingegen veröffentlichte er nur einen Tag vor seiner Machtübernahme und damit ein Tag vor Silvester seine Sicht auf „Russland zur Milleniumswende“.

Schon damals schriebe er von der „russländischen Idee“ und propagierte die Überlegenheit des Kollektivismus gegenüber dem degenerierten westlichen Individualismus. Schon damals wurde er als Nachfolger hauptsächlich deswegen auserkoren, weil er den Imperialismus der alten Schule vertrat und versprach, die Grossrus wiederherzustellen.

Obwohl sich von Beginn seiner Amtszeit mit dem Einmarsch in Tschetschenien bis heute sein persönliches Markenzeichen durch den Einsatz von exzessiver militärischer Gewalt im Außen und extremer Brutalität im Innen (nicht einmal unter Stalins 5. Kolonne wurden mehr Russen verhaftet oder getötet) auszeichnet, wurde er international erst zum Paria, als im Februar die Panzer über die Grenze der Ukraine rollten (Freund Erdogan fährt natürlich auch weiterhin nach Moskau).

Schon auf der Sicherheitskonferenz 2007 titulierte er seinen Auftrag mit dem Kampf gegen die westliche Weltordnung. Also noch bevor 2008 die Beitrittsgespräche für Georgien und die Ukraine begannen und ihnen der Zugang in Aussicht gestellt wurde. Aber nun war endlich der richtige Präsident, der „Große Zar Wladimir“ an der Regierung. Und sein Moment schien gekommen. Doch plötzlich sah er sich einer gefährlichen Situation gegenüber; einer gefährlichen Situation für sein Land, dessen Rohstoffe und für sich selbst.

Denn Georgien war der Puffer nach Süden, zum NATO-Mitglied Türkei und dem volatil explosiven Iran. Das Land an der Schnittstelle zwischen Europa und Asien ist dabei gleichzeitig eine Landbrücke zwischen dem Kaspischen und dem Asowschen Meer. Und die Ukraine ist das Tor zum Westen. Was es bedeutet, wenn dieses Tor eingenommen werden soll, erleben wir nun am eigenen Leib. Zumindest, falls wir frieren. Denn so richtig am eigenen Leib erleben es die Menschen in der Ukraine.

Der NATO-Beitritt der beiden eben genannten Länder wurde 2008 – daran sei hier nochmal erinnert – von Deutschland durch Merkel und von Frankreich durch Sarkozy verhindert. Weil sich, so heißt es, die beiden Länder Sorgen über die Reaktion Russlands auf eine weitere Osterweiterung machten. Vielleicht zurecht, denn vielleicht hätte die Invasion sonst schon damals stattgefunden. Wir wissen es nicht, es ist spekulativ und spielt letztlich auch keine Rolle mehr – was geschehen ist, ist geschehen. Wir können nur noch daraus lernen.

Die anderen NATO-Staaten hätten die Mitgliedschaft auf jeden Fall befürwortet. Und wie es so oft bei Kompromissen ist (engl. to compromise), war die schließlich erzielte Lösung ein entschiedenes „Jein“. Und damit wesentlich schlechter, als ein klares „ja“ oder „nein“. So scheint es sich zumindest im Nachhinein herauszustellen. Denn das entschiedene „irgendwann vielleicht“, hat die beiden Staaten jahrelang in der Hoffnung leben lassen der NATO bald beitreten zu dürfen, um so irgendwann eine relative Sicherheit zu erreichen. Ein fauler Kompromiss mit den entsprechen katastrophalen Folgen.

Im Gegensatz zur Ukraine und Georgien wollte Putin nämlich nicht länger warten und im Gegensatz zu den beiden Ländern war er auch nicht in der Bittstellerposition. Tschetschenien war schon wieder ins Reich eingegliedert (ein sehr euphemistischer Begriff, denn die Bilder aus Grosny waren ähnlich grauenvoll wie die Bilder aus Mariupol, die wir nun zunehmend sehen). Als Nächstes machte Putin mit Georgien kurzen Prozess. Schon 2008, also noch im selben Jahr, in dem der Beitritt zur NATO gefordert worden war. Und zwar mit genau derselben Taktik wie jetzt.

Es ist mir ein Rätsel, warum das in den Medien oder von der Politik nicht ein einziges Mal erwähnt wird. Denn es ist eine Blaupause der Vorgänge wie sie in der Ukraine stattfanden und jetzt stattfinden.

Vielleicht schweigen die Medien aus strategischen oder uns anderweitig unbekannten Gründen darüber. Vielleicht liegt es daran, dass er damals nicht als Präsident, sondern als der Puppenspieler Putin (Großwildjäger, Zar oder Großmeister würde ihm als Vergleich bestimmt lieber sein) seine Befehle von einer Marionette an seinen Fäden - dem Interimspräsidenten Medwedjew ausführen ließ.

Damals ging es so schnell, wie sich Putin das für die Ukraine in diesem Jahr auch vorgestellt hatte: Fünf-Tage-Krieg, so wird er deswegen auch genannt. Doch 14 Jahre später ist der Widerstand der Ukraine unerwartet groß. So groß, dass nach vielen Monaten Krieg kaum eines der gesetzten Ziele erreicht wurde. Der Blitzkrieg, der das Land enthaupten, eine Marionettenregierung installieren und das gesamte Staatsterritorium unter russische Kontrolle bringen sollte, war gescheitert. Dann halt auf die langsame Tour; mit unerträglicher Gewalt gegen die zivile Bevölkerung.

Die Ziele in Georgien sahen – Achtung Analogie – so aus: Zwei Teile, Abchasien und Südossetien, annektieren, deren Unabhängigkeit proklamieren, dort Truppen stationieren und Pässe austeilen, zum Schutz der neuen Staatsbürger ins Kernland einmarschieren, dieses dann angreifen, einen Vasallen-Staat errichten, Truppen dort belassen. Ziel erreicht und der Puffer in den Süden war wieder hergestellt. Ach ja, und was liegt dort noch? Zufälligerweise die zweitgrößte Erdöl-Pipeline der Welt (BTC = Baku-Tiflis-Ceyhan), die unter Umgehung von Russland aserbaidschanisches Erdöl ins NATO-Land Türkei befördert.

Kommt Ihnen das Muster bekannt vor? Aus den Augen Putins könnte man das Vorgehen sogar verstehen (oder zumindest versuchen es zu verstehen, denn Krieg ist immer „ultima rati?“. Oder besser, mit Brandts Worten gesagt: „ultima irratio“). Er wollte vielleicht sein Staatsgebiet vor weiterem Zerfall und seine Haupteinnahmequelle vor weiteren Verlusten schützen. Erst Tschetschenien, dann 2008 Georgien; schon damals war die NATO überrascht und wehrte sich wenig. 2014 kam dann die Krim und der Donbass dran und wieder wurde vom Westen Appeasementpolitik betrieben.

Doch spätestens als 2020 in Belarus die Proteste begannen, sich dann auch noch ins nächste Jahr hineinzogen und dabei verschärften, stand dem weißrussischen Diktator Lukaschenko plötzlich die Gefahr ins Haus, aus dem Amt gespült zu werden (welches er sich ohnehin nur mit einer gefälschten Wahl ergaunert hatte). Spätestens jetzt musste Putin erneut handeln, um sein Staatsgebiet zu schützen. Der Westen würde wiederum nicht eingreifen, das war ihm klar.

Und zwar, indem er Freund Lukaschenko bei der Gewalt gegen sein eigenes Volk unterstütze. Denn Belarus oder auch Belarussland genannt, auch noch an das Volk, eine Demokratie oder gar den Westen zu verlieren, das ginge ja gar nicht und passte keineswegs zu den Plänen vom großrussischen Reich. Damit bereitete er gleichzeitig den nächsten Streich vor, denn für diesen passte es perfekt, dass in Belarus nun schon russische Truppen stationiert waren. Als dann ein halbes Jahr später der erste richtig dicke Brocken folgte (obwohl die Ukraine in der Diktion des Russkij Mir als Klein-Russland bezeichnet wird), war überraschenderweise vor allem der ganze Westen (der vorher energiehungrig alle Augen zugedrückt hatte,) bass überrascht.

Um den Grund für die Invasion gänzlich zu verstehen, sollte man sich nun nochmal mit Putins Augen die Karte Europas ansehen und sich dabei vorstellen, dass der Ukraine die NATO-Mitgliedschaft gewährt würde. Belarus wäre vom Feindesland umzingelt und Russland auf breiter Front über Land angreifbar - und über die See auch. Der wichtigste Militärhafen Sewastopol (weil eisfrei) wurde zwar schon 2014 mit der Krim zurückerobert, dennoch wäre eine NATO-Präsenz in Cherson, Mykolajiw und Odessa (kommen Ihnen diese Namen aus den Nachrichten bekannt vor?) am Schwarzen Meer nicht gewünscht. Und in Mariupol am Asowschen Meer, das ebenso direkt an Russland grenzt undenkbar – wäre es dort schließlich das erste Mal.

Was würde es folglich für Russland und Belarus bedeuten, wenn die Ukraine der NATO beitritt? Wäre die Ukraine in der NATO – Belarus wäre umzingelt und der Feind direkt am eigenen Staatsgebiet. Der Puffer nach Süden, zum NATO-Mitglied Türkei, war mit Georgien bereits geschaffen. Das Baltikum konnte (und kann immer noch) über die Suwalki-Lücke in 48 h vom Nachschub abgeschnitten werden. Blieb als größte Gefahr der Beitritt der Ukraine zur NATO. Es entstünde eine 2000 km lange direkte Grenze zu NATO-Gebiet, die dann auch noch hinter dem natürlichen Hindernis der Karpaten läge. Das konnte Putin auf keinen Fall gebrauchen. Und Belarus – spätestens seit der Niederschlagung der Unruhen ein echter Vasallenstaat – wäre von drei Seiten umzingelt. Auch nicht schön.

Zu guter Letzt wäre von der neuen Grenze zur NATO in der Ukraine eine der strategisch wichtigsten Städte nur 300 km entfernt, durch die der längste und wasserreichste Fluss Europas fließt (vom Kaspischen Meer bis vor die Tore Moskaus) und der ähnlich wie der Rhein für Westeuropa eine der wichtigsten Lebensadern für Russland ist. Die Wolga. Diese Stadt an der Wolga heißt heute auch nach ihr: Wolgograd. Zu Zeiten des 2. Weltkrieges hatte sie einen Namen, der mit einer der schlimmsten Schlachten aller Zeiten verbunden ist, denn schon damals hatten die Nazis die Idee, das russische Herz von seiner Lebensader abzuschneiden. Diese Stadt hieß nach dem damaligen Führer der Sowjetunion: Stalingrad.

Ein Putingrad gibt es noch nicht, aber es wäre doch der passende Name für die Mutter aller russischen Städte (und als Ehrung für die Eroberung das Mindeste, so mag er sich gedacht haben): Kiew. Daher war es höchste Zeit, den Rest von Kleinrussland, der durch die Annexion der Krim und die Besetzung des Donbass ohnehin schon kleiner geworden war, vorsorglich dem Reich einzuverleiben. Tschetschenien, Georgien, Moldawien, Krim, Donbass, Belarus und jetzt die Restukraine. Und in Moldawien geht es mit Transnistrien, in Georgien mit Südossetien (setzt für Juli ein Referendum über den Beitritt zu Russland an) auch schon los.

Die Situation von 1990 bis heute

Doch war der Westen besser? Ist der Westen heute besser? Wer denkt heute noch daran, dass die US-Protokolle mittlerweile eindeutig zeigen, dass die Lügen, der Irak verfüge über Massenvernichtungswaffen von der amerikanischen Regierung bewusst und gezielt in die Welt gesetzt wurde, um ebendiese zu täuschen? Und um den Reichtum dieses Landes zum Nutzen der eigenen Nation auszubeuten. Diese Liste ließe sich beliebig fortsetzen bis zur kürzlich erfolgten Räumung Afghanistans. „Enduring freedom“, hieß die Mission von 2001 bis 2014, dauerhafte Freiheit. Welch Hohn!

Ein politisches Desaster, ein menschliches Inferno. Die Bilder, die sich bei uns eingebrannt haben, sind Menschen, die sich an abfliegende Flugzeuge klammern, Babys, die über Mauern geworfen werden, weinende und sterbende Menschen – ein Totalversagen des Westens. Abgesprochen im Vorfeld von den USA mit den Taliban. Was hat man seitdem aus Afghanistan gehört? Wieviel wird davon ein Jahr später noch berichtet? Wer weiß denn, wie die Situation dort heute ist? In den Medien, im Fernsehen, der Zeitung kaum ein Wort. Man muss schon sehr gezielt suchen. Und dass, obwohl dem Land die größte Hungersnot aller Zeiten droht. Danke Westen! Hätten wir mal lieber auf Masala als auf Struck gehört.

Doch andere „Aufreger“ haben diese Krise in den Medien mittlerweile komplett abgelöst, wie das Artensterben von der Klimakrise, die Klimakrise von der Pandemie und die Pandemie durch den Krieg abgelöst wurde – in den Medien ist das fast ein Aufmerksamkeitskrieg. Und Afghanistan wird dabei vergessen und scheint ein „lost country“. Aufgegeben. Sämtliche Zusagen auch hier widerrufen, aller Erfolg zunichtegemacht, die Menschen im Stich gelassen – besonders die, die dem Westen halfen, wie z.B. die Ortskräfte, die nun im Untergrund um ihr Leben bangen, wenn sie es nicht schon verloren haben.

Während wir in diesem Sommer aufgrund der Klimakrise schwitzen und dennoch Herbst, Winter und den gestiegenen Gas- und Stromrechnungen entgegen zittern, während wir uns über Verbote zur Gasbeheizung von Pools und Kaltduschvorschläge empören, sterben in Afghanistan schon jetzt die Menschen und der afghanische Winter ist noch wesentlich härter als bei uns.

Zurück zu Russland (das ja 1979–1989 auch schon so seine Erfahrungen mit dem afghanischen Hinterland gemacht hatte und genauso düpiert abziehen musste) und Europa. Denn Europa besteht - das sollte man nicht vergessen - zum größten Teil aus dem ehemaligen Zarenreich. Was war hier nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion geschehen? Es hätte wohl eine historische Chance bestanden, ganz Europa wirtschaftlich, politisch und auch militärisch zu befrieden, nicht nur den westlichen Teil. Und noch weiter zu verbinden, als es mit der EU schon gelungen war.

Einen wirklich geeinten Kontinent mit einer neuen Friedensordnung zu entwickeln, der vielleicht als dalailamaartiges Vorbild für die Welt hätte dienen können. Denn genauso wie Russland der Ukraine im Gegenzug für die Überlassung der atomaren Waffen versprochen hat, das Staatsgebiet unangetastet zu lassen, hat der Westen, der zerfallenden Sowjetunion zu Zeiten der Wiedervereinigung, versprochen, die Nato nicht nach Osten zu erweitern - 30 Jahre ist das her. Und beide Versprechen wurden gebrochen.

Gut. Russland hat der Osterweiterung 1994 und 1997 zugestimmt, aber dem ging eine immer stärker werdende Schwächung des ehemaligen Riesenreiches voraus. Ob die Zustimmung also aus echter Überzeugung geschah oder den Umständen geschuldet war, mögen andere bewerten. Auf jeden Fall spaltete sich eine Nation nach der anderen ab. Schließlich hatten sich 19 Länder von der Sowjetunion gelöst und für unabhängig erklärt.

In zeitlicher Reihenfolge: Litauen, Estland, Lettland, Armenien, Transnistrien sowie Georgien. Und nach dem Augustputsch die Ukraine, Belarus, Abchasien, Moldawien, Kirgistan, Usbekistan, Bergkarabach, Tadschikistan, Aserbaidschan, Turkmenistan, Gaugasien, Südossetien bevor Kasachstan kurz vor Weihnachten 1991 den Exodus abgeschlossen hatte. Als Gegenpart zur NATO haben sich neun dieser Länder nur wenig später, im Jahr 1992, zum Militärbündnis VKS zusammengeschlossen, von denen Aserbaidschan, Georgiern und Usbekistan dem Nachfolgebündnis OVKS nicht mehr angehörten.

Mehr oder weniger versuchten sich die Länder der ehemaligen Sowjetunion also dem Klammergriff des kommunistischen Regimes zu entziehen (so mögen sie es selbst empfunden haben) und nahmen (so mögen es manche Sowjets empfunden haben) der Union ca. ein Viertel ihres Staatsgebietes und die Hälfte der Bevölkerung (und damit in den Augen eines KGB Offiziers auch die Hälfte der potentiellen Soldaten). Belarus, die Ukraine und Russland schlossen sich in der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) zusammen und die meisten der oben genannten Länder traten der GUS wenig später ebenfalls bei, nicht aber die baltischen Staaten. Der Westen schwächte Russland, so hat es Putin, wenn man seine Schriften gelesen hat, wohl empfunden. Als große Schmach für die Rus.

Und so rückte der Westen, rückte die Nato, mit der Aufnahme der östlichen Länder Europas und des Baltikums, auch militärisch immer näher an die russische Staatsgrenze. Mitsamt dem Beistandsparagraph fünf. Und der amerikanische Präsident und Friedensnobelpreisträger Barak Obama machte es nicht besser, als er Russland, das sich doch immer noch als Weltmacht sah, als Regionalmacht bezeichnete. Mit dieser Aussage verhöhnte und demütigte er das größte Reich der Welt – und dessen Anführer.

Actio = Reactio sagte schon Newton. Und so hält es heute auch Carlo Masala (Professor für Internationale Politik an der Bundeswehruni) für falsch, ein Narrativ von Gut gegen Böse zu entwickeln und zu versuchen, Russland zur politischen und militärischen Niederlage zu bringen: „Ich finde, da wird die Ukraine letztlich für westliche Machtpolitik missbraucht.“ Noch ist es „nur“ die Ukraine, noch gibt es einen Puffer, aber die erste Hyperschallrakete schlug sicherlich nicht umsonst nur wenige km von der polnischen Grenze entfernt ein. Ganz schnell kann sich solch ein Missbrauch rächen. Beispielsweise in der Drosselung von Gasmengen unter fadenscheinigen Gründen.

Die Ukraine und ihre Bewohner aber haben das grausame Spiel, das mit ihnen und ihrem Land getrieben wird längst durchschaut. „Die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland wird auch am Hindukusch verteidigt“, sagte der Verteidigungsminister Peter Struck 2002, um den Afghanistan-Einsatz zu legitimieren. Obwohl die Karpaten wesentlich näher an der Bundesrepublik liegen, ist 20 Jahre später von dieser Einstellung wenig zu spüren. Die Ukrainer werden es schon selbst richten, sind ja schließlich eine souveräne Nation und haben die Abspaltung selber beschlossen.

Statt wie die Olena Selenska in der Seidenbluse in der Vogue zu posieren, sollen die Ukrainer gefälligst leiden und ihr Opfer bringen, empört sich die westliche Welt. Haben sich ja die Suppe selbst eingebrockt, nun sollen sie sie auch auslöffeln. Dass derzeit in der Ukraine die Sicherheit Europas verteidigt wird und dafür viele Menschen sterben und noch mehr leiden, wird geflissentlich verschwiegen. Vielleicht ist es jene Doppelmoral und Scheinheiligkeit, die die First Lady genau mit solchen Bildern ins Bewusstsein rufen will?

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Olena Selenska, die First Lady der Ukraine kann beides: Schick im Kostüm und in der militärischen Uniform.

Schon unter Stalin, zu Zeiten des Holodomor und der bloodlands, war die Sowjetunion ein Riesenreich. Heute ist Russland zwar immer noch das größte Land der Welt, in Bezug auf das Bruttoinlandsprodukt aber nur noch auf Platz 11 der Weltrangliste und damit nur knapp vor Südkorea und Spanien. Wirtschaftlich also tatsächlich nur eine Regionalmacht. Ein Fliegengewicht - das BIP ist nur gut doppelt so hoch wie das der Schweiz. Und beim BIP pro Kopf sieht es nochmal anders aus, hier liegt das größte Land der Welt auf Rang 65 und noch hinter – Achtung Ironie – globalen Schwergewichten wie Panama oder den Malediven.

Aber Russland ist mit unglaublich vielen Rohstoffen gesegnet. Und dazu mit einer der größten Armeen der Welt ausgestattet - die in den letzten Jahren gezielt und zum Teil heimlich aufgerüstet wurde. Erst im Juli 2022 wurde Belgorod in den Dienst gestellt, das größte Atom-U-Boot der Welt, das atomgetriebene Poseidontorpedos trägt, die radioaktiv verseuchte Tsunamis erzeugen können sollen. Putins Geheimwaffe für die Apokalypse titelte die Presse gewohnt hetzerisch, weil das Schiff eine Drittschlagwaffe ist, die man noch nach dem Weltuntergang einsetzen kann. Nach dem Untergang? Aber ja, denn was braucht es noch eine Welt, wenn es Russland nicht mehr gäbe, meint der Kremlchef. Das Schlimmste an dieser gnadenlos zynischen Aussage ist jedoch, dass man diese Drohung auch noch ernst nehmen muss, sehr ernst sogar.

Quelle: Wikimedia Commons
Die Belgorod, das größte U-Boot der Welt, kann angeblich Tsunamis auslösen.

Billig ist das alles nicht, aber irgendwohin muss das ganze Geld aus dem Rohstoffexport ja hinfließen. Denn auch wenn der Militäretat Russlands mit über 4 % des Haushaltes doppelt so hoch wie das 2%-Ziel der NATO-Staaten ist, hätten diese offiziellen Mittel niemals für die bereits erfolgte Hochrüstung ausgereicht. Sie wurden wohl in anderen Positionen des Haushaltes versteckt. Es scheint somit, als hätte sich Russland lange für dieses Jahr, für diesen Krieg vorbereitet und die Einsätze in Syrien, Belarus und Kasachstan waren willkommene Manöver. Auf jeden Fall ist die russische Militärmacht den NATO-Einsatzkräften in Europa konventionell weit überlegen. Und, daran muss man noch mal erinnern, die größte Atommacht der Welt.

Zurück zur Geschichte: Nicht nur Europa, auch die USA und der Rest der Welt ergötzte sich am Zusammenbruch der Sowjetunion. Jeder versuchte davon zu profitieren, der Kuchen wurde gerne an alle verteilt. Der russische Bär, der besonders in Form von Gorbatschow, später auch mit Jelzin und sogar noch mit Medwedjew auf die Welt zugegangen war, wurde grausam verhöhnt. Anstatt ihn willkommen zu heißen, wurde er in die Höhle zurückgestoßen. Anstatt ihn zu umarmen und auf dem Wege der Gesundung zu unterstützen, geschah das genaue Gegenteil. Die Oligarchen bedankten sich auf ihre Weise und teilten den „Wilden Osten“ gerne unter sich auf. Und der KGB Häuptling zeigt seinen Dank auf ganz besondere Art. Bis heute.

Noch 2001 sprach Putin in seiner Rede vor dem Bundestag von seinem Wunsch einer Partnerschaft von Deutschland und Russland, von Europa und Russland: „Niemand bezweifelt den großen Wert der Beziehungen Europas zu den Vereinigten Staaten. Aber ich bin der Meinung, dass Europa seinen Ruf als mächtiger und selbstständiger Mittelpunkt der Weltpolitik langfristig nur festigen wird, wenn es seine eigenen Möglichkeiten mit den russischen menschlichen, territorialen und Naturressourcen sowie mit den Wirtschafts-, Kultur- und Verteidigungspotenzialen Russlands vereinigen wird.“ Schon da war der Gedanke vom eurasischen Imperium unter der Führung Russlands (nach Dugin von Dublin bis Wladiwostok) für aufmerksame Zuhörer schon rauszuhören.

Weiter sagte er fast noch pathetischer: „Der Kalte Krieg ist vorbei, das lebendige Herz Russlands ist für eine ‚vollwertige Zusammenarbeit und Partnerschaft geöffnet‘. Und wiederum das gleiche Spiel, er wird vom Westen brüsk zurückgewiesen, nur als Rohstofflieferant ist Russland willkommen. Und wieder greift ein naturwissenschaftliches Prinzip, das 3. Newtonsche Gesetz: Actio erzeugt Reactio. Laut Wikipedia heisst es, dass bei der Wechselwirkung zwischen zwei Körpern jede „Aktion“ (Kraft von Körper A auf B) gleichzeitig eine gleich große „Reaktion“ (Gegenkraft von Körper B auf A) erzeugt, die auf den Verursacher der „Aktion“ zurückwirkt.

Kommt einem irgendwie bekannt vor. Seit Jahrzehnten, Jahrhunderten, Jahrtausenden. Der Mensch scheint daraus nicht zu lernen. Wer im Dreck liegt, wird noch tiefer hineingestoßen. Und wer obenauf ist, ist überzeugt von der Ewigkeit seiner Dominanz. Oder zumindest vom 1000-jährigen Reich. Und spätestens, wenn die Menschen, die den Krieg erlebt (oder besser gesagt überlebt) haben, verstummt sind, wird er von vielen wieder lautstark herbeigesehnt.

Das Kriegsgeheul beginnt von Neuem und wird immer lauter – auch bei uns (interessanterweise besonders von den Grünen). Sind nur die deutschen Töne so agonal oder ist das überall in Europa so? Sicherlich nicht, wie allein Orbans Backlash und der Rücktritt Draghis beweisen (beides übrigens von einer Menge Rubel unterstützt, die trotz Sanktionen noch nach Europa rollen). Und wie steht der Rest der Welt? Europa vergisst oft, dass es einen solchen gibt und dass der Nabel dieser Welt schon lange nicht mehr in „good old Europe“ liegt.

Und heute?

Wie reagiert also der Rest der Welt? Auf der einen Seite mit unglaublicher Solidarität. Oft verbunden mit so großem Einsatz, dass dieser den Gebern selbst wehtut. Und kaum jemanden unberührt lässt: Demonstrationen, Spenden, Konzerte, Hilfskonvois und unzählige Bekundungen des Mitgefühls. Unterstützung in einem unerwarteten und ungeahnten Ausmaß. Die Zusage zur unbegrenzten Aufnahme von Flüchtlingen. Selbst von Nationen, die sonst nicht einen einzigen Afrikaner aufnehmen wollten. Sanktionen, die die sanktionierenden Länder selbst schmerzen. In nie geglaubter Einigkeit und nie geahnter Schnelligkeit beschlossen. Von der EU, den USA, weiteren Nationen und sogar der sonst so auf Neutralität bedachten Schweiz (auf deren Konten sicherlich auch die oder andere russische Milliarde schlummert). Und auch das Internationale Olympische Komitee, das internationale paraolympische Komitee und man höre und staune: Die Fifa und die UEFA (die selbst lupenreine Diktaturen sind) schließen sich der Isolierung an und damit die Russen von Brot und Spielen aus.

Auch vom globalen Handel soll Russland abgeschnitten werden (aber das gelingt nur zum Teil und nicht von allen Nationen). Sogar das Vermögen der Zentralbank wurde eingefroren und somit unbrauchbar gemacht. Allerdings war die russische Regierung in den letzten Jahren der größte Goldeinkäufer der Welt und hat bis zu 2300 Tonnen des Edelmetalls gebunkert. Daher sanktioniert die EU nun auch Gold aus Russland. Zudem wurden die meisten Lufträume für russische Flugzeuge geschlossen und vice versa, ebenso die Häfen. Häuser, Yachten und Vermögen der Oligarchen und von Putin (der seine Yachten aber in Sicherheit gebracht hat und ein Großteil seines Vermögens sicherlich auch) und seinem Machtzirkel sollen konfisziert werden, was sich als sichtlich schwierig herausstellt. Dazu werden NGOs und Medien verboten, Kulturveranstaltungen abgesagt und die wissenschaftliche Zusammenarbeit beendet. Sogar im All wird die Zusammenarbeit aufgekündigt, man will aus der ISS aussteigen. Nicht wörtlich genommen natürlich, denn das wäre dann doch etwas frisch …

Nur langsam zeigt all das und die Sanktionen Wirkung. Die Börse in Russland kollabierte und musste vorübergehend geschlossen werden. Der Rubel war eingebrochen, hat sich aber schon wieder erholt, die Zinsen mussten sprunghaft erhöht werden und der Zahlungsverkehr mit Teilen des Auslands ist für Russland nahezu unmöglich geworden. Mit Gazprom Deutschland wurde zum ersten Mal ein ausländisches Unternehmen unter Treuhandaufsicht gestellt. Allerdings wollen wir Deutschen Öl und Gas, die Italiener Luxusartikel und die Franzosen landwirtschaftliche Produkte dann doch gerne weiter handeln. Um nur einige Beispiele zu benennen, bei denen Ausnahmen gemacht werden. Speziell bei den Rohstoffen fällt der Verzicht schwer. Hier rächt sich die jahrzehntelang gepflegte Abhängigkeit. Bei Kohle ist es nun soweit und Öl wird bald folgen. Gas – schwierig. Hier brauchte man so lang, dass Putin nun selbst Tatsachen geschafften und den Gashahn fast ganz zugedreht hat.

Und auch andere Güter (wie z.B. Waffen) sollen bitte auch weiter importiert oder exportiert werden dürfen – und füllen damit die Kriegskasse weiter. Allein eine Milliarde € nimmt Russland pro Tag durch Energieexporte ein. Nach Studien der London school of economics und Goldman Sachs würde ein Energieembargo Russlands jeden Deutschen 1200 € pro Jahr kosten, das entspricht nach Adam Riese bei 83.000.000 Einwohnern ziemlich genau dem Sondervermögen, welches für die Bundeswehr geschaffen wurde. Es wäre vielleicht an dieser Stelle besser aufgehoben. Was würde mehr kosten/bringen? Alles Makulatur, denn das Gas fließt ohnehin nicht mehr.

Da vergeht selbst unserem Kanzler, der als Minister noch behauptet hatte, wir wären unabhängig vom russischen Gas, das scholzen. Eine Übergewinnsteuer möchte er aber dennoch nicht einführen (ca. 100 Milliarden Einnahmen). Hälfe diese doch um z.B. die Gasumlage (30 Milliarden Ausgaben), den Abbau der kalten Progression (10 Milliarden Kosten, davon 7 Milliarden an die reichsten 10% der Bevölkerung) und die Senkung der Mehrwertsteuer auf Gas (die vor allem Menschen mit großen Wohnungen und hohem Verbrauch entlastet, also auch die oberen 10 %) gegenzufinanzieren. Wer diese Zeche zahlt, ist noch gänzlich unbekannt!

Dennoch – Europa steht noch zusammen, obwohl die Solidarität, ob eines kalten Winters an manchen (östlichen und südlichen) Ecken schon zu bröckeln beginnt. Es gibt sogar einen europäischen Gasplan, in dem man sich verpflichtet hat, bei Gasnotstand einander beizustehen. Vielleicht zumindest, muss man dann sehen, denn an diesem Punkt ist Deutschland auf Solidarität angewiesen und der europäische Süden erinnert sich noch sehr genau an die Schuldendebatte und den Beinahe-Grexit.

Und die Welt, die gesamte Welt oder fast die gesamte Welt, hat in zwei UN-Resolutionen der Vollversammlung den Krieg verurteilt und Russland aufgefordert, die Truppen abzuziehen. Ein einmaliger, Entschuldigung zweimaliger Vorgang. Leider ist eine Resolution der UN-Vollversammlung nicht bindend. Und im UN-Sicherheitsrat, in dem es bindend wäre, hat Russland ein Vetorecht, von dem es auch reichlich Gebrauch macht. Bei der UN-Vollversammlung hat es natürlich auch gegen die Resolution gestimmt, mit ihm allerdings nur die fünf treuesten Vasallen. Mittlerweile wurde mit einer zwei Drittel Mehrheit sogar die Mitgliedschaft Russlands im UN-Menschenrechtsrat ausgesetzt. Gleich im Anschluss der Sitzung ist Russland lieber selbst ausgetreten. Gleich ganz, denn diese Blöße wollte man sich nicht geben.

Aber es gibt auch zahlreiche Nationen, die sich wiederholt enthalten haben. Unter anderem die zwei bevölkerungsreichsten Länder der Welt: China und Indien. Sind doch Xi Jinping und Modi gute Freunde von Putin und haben nichts gegen eine gute Portion Nationalismus. Auch Kriegsverbrechen werden nicht gleichermaßen geächtet und Menschenleben nicht gleichermaßen geachtet, wie im Westen. Bei jeweils über einer Milliarde Menschen, bei solchen „human resources“, wie das betriebswirtschaftlich heute heißt, schadet es nicht so, wenn – Achtung Zynismus – der eine oder andere Reistopf weniger schnell geleert wird.

Und auch der internationale Strafgerichtshof kann, obgleich er schon eingeschaltet wurde, in den genannten Ländern wenig ausrichten. Schließlich haben nicht nur Indien und China, sondern auch Russland und die USA seine Anerkennung bis heute verweigert. So hat er in diesen Ländern leider keine Zugriffsmöglichkeit. Ein amerikanischer Präsident vor einem internationalen Gericht, wo kämen wir denn hin. Scheinheilig ist das alles, wurden z. B. die amerikanischen Folterer von Guantanamo seit 20 Jahren noch nicht einmal angeklagt, obwohl sie eindeutig Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen haben. Und auch sonst bleiben die meisten Verbrechen des Westens ungesühnt.

Trotzdem herrscht bei uns das Gefühl, Russlands Handeln würde weltweit verurteilt. Das Land wird scheinbar zunehmend isoliert und der Rest der Welt - oder fast der Rest, denn Indien und Chinas Herrscher sehen das nicht ganz so (sie vertreten knapp drei Milliarden Menschen und damit fast die Hälfte der Weltbevölkerung) – versucht sich in großer Einigkeit, dem Unfassbaren was derzeit geschieht, zu widersetzen. Wenn der Westen, wenn der Rest der Welt weiter zusammensteht und ihn überrascht, vielleicht hat Wladimir Putin mit diesem Angriffskrieg sich, seinen chinesischen Freunden und auch seinem eigenen Volk dann einen echten russischen Bärendienst erwiesen. Es hängt vielleicht vom Zusammenhalt der Albright´schen „League of democracies“ ab.

Denn warte nur Waldi! Das NATO-Territorium wird bis zum letzten Tropfen Blut verteidigt, scholzte unser Bundeskanzler fast churchillhaft. Vielleicht hätte es Putin ja (und damit auch die Invasion) gestoppt, wenn ihm vom Westen Anfang 2022 zugesichert worden wäre, die Ukraine nicht in die Nato aufzunehmen. Dass dies nicht geschah, nennt Putin zumindest als einen Hauptgrund für den Krieg – Entschuldigung: „Die militärische Spezialoperation zur Befreiung, Entnazifizierung und Demilitarisierung des Donbass.“

Wahrscheinlich aber hätte auch diese Zusage ihn nicht aufgehalten. So hat ihn auch das Angebot von Selenskyj, dass die Ukraine der NATO nicht beitritt, nicht interessiert und zu keinerlei Änderung geführt. Er hat zu lange auf diesen Moment gewartet und darauf hingearbeitet. Vielleicht hätte ihn eher das Gegenteil aufgehalten: Die Aufnahme der Ukraine in die Nato, die sie ja beantragt hat und die ihr, wohl genau aus Angst vor dem jetzigen Szenario, vorrangig von Deutschland und Frankreich versagt wurde.

Wahrscheinlich hätte ihn beides nicht wirklich gestoppt. Zu lange hat er vom „großen Reich der Rus“ geträumt, als sich diesen Traum von einer kleinen Zusage des Westens kaputt machen zu lassen. Das, was der Literaturnobelpreisträger Alexander Solschenizyn in seinem Buch „Russlands Weg aus der Krise“ auf Papier fabuliert, setzt Putin realiter um. Und der große Traum vom „Russkij Mir = die russische Welt“, wie ihn auch einer seiner Lieblingsautoren Dugin träumt, kommt ja erst noch. Russland in der Mitte und als Führungsmacht des gesamten eurasischen Kontinents, mit Zar Wladimir dem Großen als Herrscher (dieser Traum kommt den Schriftsteller nun teuer zu stehen, denn seine Tochter kam bei einem Attentat um, das wahrscheinlich ihm selbst galt). Spätestens mit dem Angriff gegen die Ukraine scheint ein großer Schritt in diese Richtung gegangen worden zu sein.

Nie wieder geschieht jetzt!

Aber was passiert wäre, wenn – ist nun alles Spekulation, Hermeneutik und Makulatur. Denn das Unglaubliche hat mitten in Europa bereits begonnen. Ein Krieg, ein brutaler Vernichtungskrieg mit ungewissem Ausgang. Das Undenkbare ist passiert.

Nie wieder!

Diese zwei Worte sollte jeder Deutsche, jeder Europäer, vielleicht sogar jeder Mensch in seiner Sprache kennen. Der russische Präsident spricht von der Entnazifizierung der Ukraine, obwohl deren Staatschef jüdisch ist und selbst viele Verwandte im Holocaust verloren hat. Welch Hohn.

Doch das nie wieder geschieht JETZT. In diesem Moment. Und niemand weiß, wie weit dieser eine Mann geht, wie weit dieser eine Mann gehen kann, wie weit dieser eine Mann gehen wird.

Und die USA haben schon 1962 in Kuba, im Vietnamkrieg und 2001 im Irak bewiesen, dass sie in der Welt gerne den einen oder anderen Krieg anzetteln. Und territoriale Souveränität auch für sie nur ein hohles Wort bleibt, wenn eine Invasion den eigenen Interessen dient. Dem gleichen Imperialismus, den die USA derzeit gerne Russland vorwerfen, hatten sie über die letzten Jahrzehnte für sich selbst gepachtet. Quod licet Jovi, non licet bovi, würde der Lateiner sagen, „America first“ der ehemalige amerikanische Präsident

Zudem kurbelt Krieg die Wirtschaft an und wird bei innenpolitischen Problemen gerne als Mittel der Ablenkung eingesetzt. Ein veritabler gemeinsamer Feind kann so, einige Gräben vorübergehend, zuschütten. Nur bitte nicht zu nah an der Heimat – mal wieder Nimby. Denn wenn es an ihr Staatsgebiet geht, dann sieht der amerikanische Stier rot.

Dann wird die „last line“ schnell gezogen und ein Konflikt gnadenlos eskaliert. Dann wird der nimby durch das nimfy („not in my front yard“) ergänzt. Bis zur atomaren Vernichtung, die 1962 mitten im Raum stand. Die roten Knöpfe waren schon ein paarmal gedrückt, die Flieger in der Luft. Auch 1983 hat ein einzelner russischer Offizier die Welt vor einem Nuklearkrieg gerettet. Und nach Aussage von US-Generälen, war Trump 2020 schon wieder soweit und konnte nur mit viel Mühe und Glück von einem atomaren Schlag abgehalten werden.

Doch auch bei uns in Deutschland passiert nie dagewesenes; Dinge, die vor Kurzem scheinbar nicht möglich waren. Die Wiedereinführung der Wehrpflicht wird angedacht, Waffen werden an Konfliktparteien geliefert, das 2 % Ziel soll sogar übertroffen werden und ein Sondervermögen von 100 Milliarden zur Aufrüstung wurde aus dem Hut gezaubert. Alles, was nötig ist, wird getan, sagt unser Kanzler und wird dafür bejubelt.

Erschreckend ist dabei in erster Linie nicht mal die schier unglaubliche Zahl 100.000.000.000 € (der gesamte Wehretat liegt normal bei 30–50 Milliarden im Jahr und soll zusätzlich zu den 100 Milliarden Sondervermögen auf 80 Milliarden pro Jahr ansteigen), sondern noch vielmehr, dass diese Zahl vor der Aussage des Kanzlers im Bundestag, noch nicht einmal dem Kabinett bekannt war. Welche Machtfülle, welche Entscheidungsgewalt sich auch hier, in einer Demokratie, gezeigt hat. Bei Fragen, die Grundsatzfragen sind, bei denen es um Krieg und Frieden geht, erfolgt eine Kanzlerentscheidung? Noch erschreckender, dass dies vom gesamten Bundestag frenetisch gefeiert wurde. Zum größten Teil mit an Kriegsgeheul erinnernden Jubel (außer von der AFD – die klatschte aber nur nicht mit, weil sie die Aufrüstung schon seit Jahren gerne beschlossen hätte).

Und alle wollen sie, wir hatten es im ersten Teil schon kurz erwähnt, eine Flugverbotszone errichten oder etwas lyrischer: „Den Himmel schließen“. In Talkshows, im Fernsehen, in Aufrufen und auf Demonstrationen werden diese Worte euphemistisch eingesetzt. Dass Olena Selenskyj sich das wünscht, ist nachvollziehbar, doch selbst der Osteuropaexperte Karl Schlögel fordert: „Kiew braucht Waffen, es braucht die Schließung des Himmels.“ Aus Sicht der Ukraine vollkommen verständlich, berechtigt auch in dem Wunsch das Bombardement der Ukraine zu stoppen, aber möglicherweise vergessend, dass die Flugverbotszone zum einen bedeutet, dass die NATO alle russischen Flugzeuge angreifen muss, die diese verletzen, zum anderen, dass die transatlantische Allianz dafür russische Stellungen auf russischem Boden angreifen muss - und damit nicht nur nach der Konvention direkte Kriegspartei wird, sondern auch tatsächlich.

Richtig an dem Gedanken ist auch, dass man Tyrannen mit größter Entschiedenheit entgegentreten muss. Nur dass der in diesem Fall den atavistischen Finger ganz nah am roten Knopf hat und auch verrückt genug scheint ihn zu drücken. Allein mit der Drohung mit Kernwaffen ist es im atomaren Zeitalter nach dem Ende der beiden Weltkriege nun scheinbar wieder möglich einen agonalen Angriffskrieg zu führen. Putin nutzt sein nukleares Drohpotenzial, um einen konventionellen Krieg zu führen und den Rest der Welt davon abzuhalten, sich einzuschalten. Abschreckung durch Atombombe hat eine neue Bedeutung bekommen. Sie soll keinen Frieden mehr erhalten, sondern flankiert einen konventionellen Vernichtungskrieg.

Ein genialer Schachzug des Strategen, denn eine passende Erwiderung wurde selbst nach einem halben Jahr Krieg noch nicht gefunden. Und welche sollte das auch sein? Was also richtig wäre, mögen andere bewerten, aber das Risiko eines Flächenbrandes, des Ausbruchs des 3. Weltkrieges oder einer atomaren Auseinandersetzung zwischen der NATO und Russland scheint nicht auszuschließen zu sein und muss auf jeden Fall in einer solchen Forderung mitbedacht und auch ausgesprochen werden.

Sinnvoll wäre aber auf jeden Fall ein Raketenabwehrschirm, denn die meisten Luftangriffe werden nicht mehr von Flugzeugen, sondern mit Raketen ausgeführt. Auch wenn es etwas dauert, bis ein Raketenabwehrsystem funktioniert, würde das Patriot System oder eine andere Abwehr der Ukraine massiv helfen, es könnte sogar kriegsentscheidend sein.

Deutschland möchte seine 12 Patriot Systeme ohnehin durch die israelische Arrow 3 ersetzen, denn Patriots können z.B. Mittelstreckenraketen gar nicht aufhalten. Der im Verteidigungsausschuss sitzende FDP-Politiker Marcus Faber ätzt dann auch zur gesamten deutschen Raketenabwehr: „Damit könnte man höchstens den Luftraum über Berlin gegen Kurzstreckenraketen schützen." Immerhin etwas, denn dann wäre zumindest sein Sitz im Bundestag sicher. Kiew, Charkiw und Mariupol wären da schon dankbarer, als der in relativer Sicherheit lebende Sachsen-Anhaltiner. Warum also nicht ein paar der Ukraine zukommen lassen?

Gegen Mittelstreckenraketen hat Deutschland übrigens gar keine Abwehrwaffen, von der Verteidigung gegen Hyperschallraketen ist man noch weiter entfernt. Denn das kann auch die Arrow 3 nicht, deren Kauf (für scheinbar günstige zwei Milliarden) fast schon beschlossene Sache ist. Gegen Kinshal gibt es derzeit also noch gar nichts, nada, njet. Soviel zur eisernen Kuppel, zum sogenannten Iron Dome. Soviel zur Verteidigung durch Abschreckung. Und dennoch: Lieber treten die Falken um Agnes Strack-Zimmermann (die Vorsitzende des Verteidigungsausschusses und ebenfalls in der FDP) martialisch auf, schwadronieren von der neuen Bundeswehr und fordern so schnell wie möglich den Eurofighter der Zukunft zu bauen.

Doch bis das FCAS (Future Combat Air System) zum ersten Mal den Himmel erblickt, könnten Jahre, vielleicht sogar Jahrzehnte vergehen, sodass sich selbst das „Problem Putin“ bis dahin wahrscheinlich auf dem ganz natürlichen Wege gelöst hätte. Kleines Bonmot am Rand gefällig? Alleine die Entwicklung des FCAS fräße die 100 Milliarden Sondervermögen komplett auf. Doch zum Iron Dome und zum FCAS haben die Liberalen ein weiteres Desiderat: Die F 35.

Der neueste Tarnkappenbomber der USA ist das schon fast zum Spottpreis von ca. 100 Millionen pro Stück zu haben. Bei den geplanten 35 Stück kommen sind die nötigen dreieinhalb Milliarden ein echtes Schnäppchen. Bei einer derartig langen Wunschliste wird selbst das Sondervermögen von 100 Milliarden langsam knapp. Und vergessen wir nicht: Die Wartungs- und Betriebskosten sind noch gar nicht eingepreist – na ja erhöhen wir halt auf 3% des Haushaltes. Wehrhafte Demokratie – Aufrüstung um jeden Preis?

Ein halbes Jahr nach Kriegsbeginn ist Deutschland kriegsmüde, das Grauen in der Ukraine schafft es oft nicht mal mehr in die Tagesschau. Außer einzelnen Friedensaktivisten (am ersten Mai) ruft eigentlich nur die Kirche nach Frieden. Und selbst die nur in Teilen, denn das selbsternannte Oberhaupt der orthodoxen Kirche, der russische Patriarch Kyrill, verteidigt den Krieg nicht nur mit brennenden Kerzen, sondern auch mit Zähnen und Klauen.

Der Papst hingegen erklärt, dass Krieg nur noch mehr Krieg erzeugt und fordert alle zum Beten auf. 60 Jahre eher, in der Kubakrise hatte sein Vorgänger Johannes XXIII, mit der Botschaft: „Wir flehen alle Regierenden an, vor dem Schrei der Menschheit nicht taub zu bleiben…“ noch erheblichen Anteil an der Beendigung des Krieges. Die Worte von Franziskus hingegen verhallen bis dato leise und ohne Wirkung. Vielleicht auch weil ihn, wie schon seinen Vorgänger, nach wenigen Jahren Papsttum die Kräfte verlassen und sein Rücktritt erwartet wird. Der Papa a.D. (Korrekt wäre natürlich emeritus) kann sich dann in den vatikanischen Gärten mit Benedikt ein Bänkchen teilen und Friedenstauben füttern.

Lauter tönt sein vorgenanntes Pendant auf russischer Seite, der Moskauer Patriarch der orthodoxen Kirche. Der ist ganz auf Putins Linie eingeschworen und teilt mit, dass Schwulenparaden der Grund für den Krieg seien und die Bevölkerung der Ukraine vor „Gayropa“, dem schwulen Europa, beschützt werden müsse. Mit dem Kremlchef, der sich gerne als frommer Christ geriert, bei jeder Gelegenheit Kerzen entzündet und Ikonen kameratauglich küsst, spielt Kyrill (wie schon früher, denn er war auch beim KGB) einen grausamen Agentendoppelpass und erhebt Putin so (im wahrsten Sinne des Wortes) ikonographisch zum Patron gegen den dekadenten und verkommenen Westen.

In Wirklichkeit geht es auch Kyrill wohl hauptsächlich um Macht und daher darum nicht nur gefügig, sondern vielmehr hilfreich zu sein. War es ja schon länger auch sein Interesse, seine Macht und seinen Einflussbereich auszuweiten. Oder geht es auch beim geistigen Oberhaupt der Großrus mal wieder nur um schnöden Mammon? Reichen ihm die vier Milliarden Dollar, die er von seinen Schäfchen für sich als Hirten bereits abgepresst hat, nicht mehr? Auf jeden Fall scheint sein vorgeschobener Grund, die Hälfte der Ukrainer, die noch nicht zu seinem Patriarchat gehören, auch geistig heim ins Reich holen zu wollen, hier passt das Wort wirklich wie die Faust aufs Auge, scheinheilig zu sein.

Sind wir also nicht nur weltlich, sondern auch geistig wieder im dunklen Mittelalter, in der Zeit der Kreuzzüge, dem Krieg zwischen Gut und Böse, der Zeit des Manichäismus angekommen? Ob nun geistig - hundert Milliarden Gebete, oder weltlich – 100 Milliarden Euro als Sondervermögen für die Bundeswehr, mehr helfen, mögen andere bewerten. Erstmal scheint auch durch beides oder trotz beidem ein Wunder nötig zu sein, um die Entwicklung aufzuhalten oder gar zu stoppen. Gleichzeitig scheint es jedoch kaum gestattet (oder zumindest nicht gewollt) Zwischenwege zu benennen oder Alternativen auch nur anzudenken. Zumindest in Deutschland hat man davon kaum etwas gehört.

Vielmehr geschieht „Nie wieder“ auch hier. Im Kernland des „Nie wieder“. Endlich wird unsere marode Wehrmacht – Pardon, Bundeswehr - wieder groß und stark. Wir sind nicht mehr von den Amis abhängig und hoffentlich auch bald nicht mehr von der nuklearen Teilhabe. Die erste europäische Eingreiftruppe ist unter der Führung Deutschlands schon beschlossene Sache. Das ist vielleicht der nächste Schritt zu einer großen europäischen Armee. Vielleicht später sogar einer mit Atomwaffen? Die neue F 35 trägt vielleicht später unsere eigenen Atomwaffen (nicht die der USA, die immer noch in Europa stationiert sind).

„Bitte kein nukleares Pimmel-Winken!“ Das sind nicht meine Worte, sondern die von Pavel Povdig, (der an UN-Institut für Abrüstungsforschung arbeitet) zu einer möglichen Nuklearmacht Europa. Ich aber füge hinzu, dass es doch schon reicht, wenn Musk/Branson/Bezos mit phallischen Symbolen um den Größten wetteifern. In der zivilen Raketentechnik kann man ein solches Wetteifern noch belächeln, solange es sich nur um Weltraumtourismus und nicht um die Eroberung des Weltalls handelt. Bei nuklearen Waffen hört der Spaß aber jetzt ganz eindeutig auf.

Quelle: Wikimedia Commons
Das geplante Spaceship von SpaceX soll angeblich einen Lastwagen ins All transportieren können.

Allerdings sieht man schon jetzt das All vor lauter Starlink Satelliten nicht mehr, während einen gleichzeitig das Gefühl beschleicht, eine kleine Elite von Superreichenden präpariert sich mit dem neuen Musk´schen Spaceship für den Exodus von einem ausgemolkenen Planeten. Arno Frank sagte zu den Weltraumplänen im Spiegel:

„Während also erstmals ganze Städte aus klimatischen Gründen unbewohnbar sind, eine Hitzeglocke große Teile von Nordamerika einäschert, anderswo Wolkenbrüche ganze Landschaften absaufen lassen, während Leute sich umbringen, weil sie sich kein überteuertes Insulin leisten können und Menschen selbst in wohlhabenden Staaten auch mit drei Jobs nicht über die Runden kommen, während eine Mehrheit an allen möglichen Fronten also ums nackte Überleben kämpft, verlässt eine elitäre Minderheit kurzerhand – wenn auch nur kurzfristig – den Planeten.“

„Reichtum ist so absurd ungleich verteilt, dass ein paar wenige Clowns mit großem Trara in den Kosmos aufbrechen können. Während das Gros auf einem Planeten verharren muss, der in ökonomischer und ökologischer Hinsicht apokalyptischen Verhältnissen entgegentrudelt – und aufgefordert ist, dem obszönen Spektakel auch noch zu applaudieren, mit dem sein Geld buchstäblich verbrannt wird.“

Aber vielleicht irrt sich Frank und der gute Elon will gar nicht wirklich zum Mars, sondern eigentlich nur heim zur Mama. Aber so eine Weltraumarche für Milliardäre kann ja nicht schaden, just in case natürlich nur. „The world is not enough“.

Im gleichnamigen James-Bond-Film geht es allerdings nicht um einen Ausflug ins All, sondern um eine Atombombe, die durch eine Pipeline gejagt werden und ein Atom-U-Boot, das einen nuklearen Unfall auslösen soll. Um ein Energiemonopol herbeizuführen. Der Bösewicht ist im 19. Bond, der internationale Terrorist Viktor Zokas. Und Achtung: wie in den meisten älteren Bondfilmen ein Russe.  So weit weg von der heutigen Realität ist das alles gar nicht? Zumindest aus den schönen, blauen Augen des Doppelnullagenten.

Was hat all das mit der Ukraine zu tun? Leider hört der Krieg nicht mal in der Atmosphäre auf, er wird auch im All geführt. Und Starlink ist in diesem Kampf zu einem entscheidenden Faktor geworden, zum Beispiel für die Aeroroswidka, die aus dem Weltraum russische Einheiten aufspürt, um diese dann mit Drohnen zu vernichten. Bei über 30 Milliarden Militärhilfe, die die USA in die Ukraine pumpen (trotz der immensen Ausgaben: Billiger kann man seine Waffen kaum testen), sind die paar Millionen für die Starlink-Satelliten doch ein Klacks und Elon legt gerne persönlich und medienwirksam den Rest drauf.

Und auch das neue Spaceship, das einen Lastwagen ins All bringen können soll, kann natürlich sowohl zivil als auch militärisch genutzt werden. Noch hört man noch nichts von Atomwaffen im All, aber vielleicht kommt das noch. Als sogenannte Drittwaffe vielleicht: Damit man wie mit der Belgorod, wenn schon fast alles zerstört ist, dem Rest den Rest geben kann. Alles nur Spekulation? Vielleicht – aber ein U-Boot zu bauen, damit man nach dem Weltuntergang noch radioaktive Tsunamis auslösen kann, ist derart absurd, dass man in einem Katastrophenfilm über einen solchen Einfall nur lachen könnte.

In der Realität aber schwimmt sie schon, oder besser taucht und nur die russische Militärführung weiß wo. Ob die Belgorod funktioniert, weiß hingegen noch keiner. Aber so eine kleine Woge könnte man doch mal vor dem Hafen von Odessa testen? Die Getreideauslieferung ist einem eh ein Dorn im Auge. Vielleicht liegt sie ja schon vor der Ukraine. Die Geheimdienste helfen der Ukraine bei der Luftaufklärung, aber unter Wasser sehen selbst alle Spähsatelliten der NATO-Länder nicht alles. Perfekter Übergang zum nächsten Thema.

Die NATO

Die North Atlantic Treaty Organization wurde im Jahr 1949 von 12 Ländern als Gegengewicht zum Warschauer Pakt gegründet und hat sich bis zum heutigen Tage auf 30 Nationen erweitert. Bald werden es wohl 32 sein. Das Verteidigungsbündnis soll zum einen weltweit für Stabilität und Sicherheit sorgen, zum anderen das Staatsgebiet der Mitgliedsländer schützen. Schon vor der Gründung bildete die sogenannte Vanderberg-Resolution die Grundlage für den heute wohl bekanntesten, vielleicht auch wichtigsten Artikel 5: „Die Parteien vereinbaren, dass ein bewaffneter Angriff gegen eine oder mehrere von ihnen in Europa oder Nordamerika als ein Angriff gegen sie alle angesehen werden wird; sie vereinbaren daher, dass im Falle eines solchen bewaffneten Angriffs jede von ihnen … Beistand leistet.“

Zum ersten Mal wurde aber genau dieser Artikel von Präsident Trump massiv in Frage gestellt. Und ohne die USA und ihre Zusage zu Artikel 5 ist die Mitgliedschaft in der Nato weit weniger wert. In seiner zweiten Amtszeit wäre es, so er denn wiedergewählt worden wäre, wohl bereits zur Abschaffung gekommen. Aber vielleicht ist aufgeschoben nicht aufgehoben - 2024 ist es schon wieder so weit. Trumps zweite Amtszeit nach einer kleinen Pause scheint sehr wahrscheinlich, obwohl sein Nachfolger nach einem Sturz schon wieder fröhlich Rad fährt. Und nach dem skandalösen Quasiabtreibungsverbot des Supreme Court zum ersten Mal wieder Aufwind bekommt. Verständlicherweise vor allem von den weiblichen Wählern, die – verkehrte Welt – jetzt nach Mexiko reisen müssen, um eine Schwangerschaft (z.B. auch nach einer Vergewaltigung) abzubrechen. Es ist schwer zu glauben, aber die USA sind in punkto Frauenrechten damit fast wieder ein Entwicklungsland geworden.

Aber auch ohne dieses Schreckensszenario: Amerika hatte erst einen scheinbar soziopathischen und größenwahnsinnigen Präsidenten (das sage nicht ich, sondern der US-Amerikaner Noah Chomsky) und jetzt einen scheinbar alten, schwachen Mann an der Spitze, der nicht mal mehr Rad fahren kann, ohne umzufallen. Der Niedergang der „first nation“ zeigt sich vielleicht am klarsten an ihren Präsidenten. Die Nation ist tief gespalten und stand kurz vor einen Bürgerkrieg auf eigenem Boden. Nur einige wenige haben die Demokratie verteidigt und ihn so verhindert (im nächsten Teil folgt ein dazu passendes Zitat, das eindrucksvoll heraushebt, was wenige bewirken können).

Und China wird die USA in Bälde nicht nur militärisch, sondern (prognostiziert in fünf Jahren) auch wirtschaftlich als weltweite Führungsmacht ablösen. „America second“, wird also so oder so zur Realität – die Supermacht ist auf dem absteigenden Ast. Was aber könnte erst passieren, wenn auf Biden wieder Trump folgt? Folgend ein Auszug aus dem Interview von Patrick Wehner mit Noah Chomsky:

Was würde das eigentlich bedeuten, wenn Trump 2024 gewinnt? Für die USA und für die Welt?

Nun, wir haben bereits vier Jahre erlebt, die uns zeigen, was das bedeuten würde. Trump ist ein soziopathischer Größenwahnsinniger. Er kümmert sich um nichts, außer um sich selbst. Und er ist gleichzeitig ein cleverer Politiker. Er weiß, wie man vorgehen muss. Darin ist er ein Genie. Es gibt zwei Dinge, die für ihn wichtig sind. Erstens muss er den sehr Reichen und dem Unternehmenssektor versichern, dass er sich für ihre Interessen einsetzt.

Zweitens muss er eine Wählerbasis schaffen. Die Republikaner haben seit Nixon verstanden, dass sie mit ihrer Politik im Grunde überhaupt keine Wählerbasis mobilisieren können. Man kann nicht einfach zu den Wählern gehen und sagen: Ich arbeite nur für die großen Konzerne und die Reichen, wählt mich! Also muss man das Thema wechseln. Die Menschen sollen sich um alles andere, nur nicht um die eigentliche Politik Gedanken machen. Zum Beispiel über den vermeintlichen Niedergang der weißen Rasse. Das geht weit zurück in der amerikanischen Geschichte. Vor 100, 120 Jahren war der damalige US-Präsident Theodore Roosevelt ein verbitterter, gewalttätiger Rassist, der sich Sorgen machte, dass weiße Frauen nicht genug Kinder bekämen und Women of Color zu viele Kinder hätten.

Es ist also ein ständiger Kampf für eine gute und gerechte Welt, in der alle Menschen frei und mit den gleichen Möglichkeiten leben können?

Sehen Sie, ich beobachte die Welt nun seit fast 90 Jahren. Die Kräfte der politischen Reaktion und der konzentrierten Geschäftswelt werden nicht aufhören, ihre Interessen durchzusetzen. Also dürfen wir auch nicht aufhören, gegen sie anzukämpfen. Man kann gewinnen, aber es ist nicht einfach.

Was ist das Wichtigste, das Sie vom Leben gelernt haben?

Das Wichtigste ist im Grunde ein Spruch, den der italienische Schriftsteller Antonio Gramsci berühmt gemacht hat: „Pessimismus des Verstandes, Optimismus des Willens“. In den 1920er Jahren wurde er in Italien von den Faschisten inhaftiert. Der Staatsanwalt verkündete bei der Verhandlung, dass man ihn zum Schweigen bringen müsse. Er war zu gefährlich.

Was bedeutet der Spruch für Sie?

Wir müssen die Augen offen halten und das Hässliche in der Welt sehen, die Gefahren erkennen, sie verstehen und darauf vorbereitet sein, ihnen zu begegnen. Das ist der Pessimismus des Verstandes. Optimismus des Willens bedeutet: Wir kämpfen weiter, weil wir wissen, dass es möglich ist, zu gewinnen, aber es wird nicht leicht sein. Man darf nicht aufgeben, trotz aller Hindernisse, die sich einem in den Weg stellen. Das ist die wichtigste Lektion der modernen Geschichte. In vielerlei Hinsicht sogar der gesamten Geschichte.

Haben wir diese Lektion gelernt? Bei all dem instagramatisierten Hyperindividualismus, der sich bis in die Nationalstaaten fortsetzt, eher nicht: America first kommt vielleicht schneller wieder, als wir uns das wünschen und möglicherweise dann noch am firstesten (wenn es denn so ein Wort gäbe). Wer weiß, ob Amerika dann noch bereit ist die eigenen Soldaten im weit entfernten Europa einzusetzen, wenn sagen wir mal ein einziges kleines Bömbchen oder Raketchen ins Baltikum fliegt? Soll man dafür einen Angriff auf das eigene Staatsgebiet riskieren? Was interessiert mich meine Zusage von gestern? Bin klüger geworden! America first!

Von Finnland oder Schweden ganz abgesehen, das sind ja noch nicht einmal NATO-Mitglieder, haben aber gerade den Beitritt beantragt. Ihnen wurde von Putin aber schon üble Folgen angedroht, sollten sie Teil des Atlantik-Clubs werden. Finnland, das heute, wir haben es gesehen, eine 1300 km lange Grenze zu Russland aufweist, war schonmal Teil des „Russky Mir“, die Finnen wissen aus dem Winterkrieg von 1939-1940 noch epigenetisch was das bedeutet. Kaum hatte das Land ein ernsthaftes Beitrittsinteresse nur bekundet, haben schon die ersten russischen Jets den finnischen Luftraum verletzt und es fanden Hackerangriffe statt. Was passiert dann erst, wenn die Verträge unterzeichnet sind?

Aber es geht auch eine oder sogar noch einige Stufen weiter: Wenn eine taktisch atomare Bombe gezündet oder bei Ostwind ein ukrainisches Atomkraftwerk angegriffen wird und es zum Supergau - zum zweiten Tschernobyl - kommt. In Saporischschja steht man kurz davor! Möchten die USA für ein paar verstrahlte Osteuropäer vielleicht die nächste Wahl, oder gar die Souveränität, die Sicherheit des eigenen Landes gefährden? No way! America first!

Zurück nach Deutschland: Eine Demokratie muss wehrhaft sein. Sich verteidigen können. Stark sein. Mächtig sein. Solche Sätze werden nun bejubelt. Werden zum Mainstream. Darf man solche Aussagen überhaupt in Frage stellen? Oder wird man dafür geshitstormed? Wird man dafür fertig gemacht? Mundtot gemacht oder angefeindet?

Muss es denn nicht gestattet sein, zumindest zu hinterfragen, ob diese Plattitüden, diese dahin gesprochenen Sätze, die aber eine enorme Bedeutung und noch größere Folgen haben, zutreffend sind und was sie überhaupt bedeuten? Haben wir bei unserer historischen Verantwortung vielleicht sogar die Pflicht diese Fragen zu stellen? Wer von uns, wer von Ihnen hat diese Fragen gestellt?

Ob das wirklich so ist? Muss eine Demokratie sich verteidigen können? Was bedeutet eine wehrhafte Demokratie? Ist das nur durch Aufrüstung möglich? Macht das eine Demokratie wehrhaft? Oder verteidigungsfähig? Oder gibt es ganz andere Möglichkeiten. Dürfen diese nicht angedacht werden (dazu mehr im letzten Kapitel)? Diese Fragen hört man nicht! Stattdessen wie extrem wir aufrüsten wollen und wie viele schwere Waffen man liefern soll (und neuerdings wann uns das Gas ausgeht und wieviel es uns kostet).

Nach den ersten markigen Reaktionen auf das Kriegstrauma sind unsere Politiker und Vordenker scheinbar in eine tiefe Schockstarre gefallen. So empfindet man zumindest die Stimmung im Lande, in der Presse und in den anderen Medien. Unsere Intellektuellen wirken wie paralysiert und bringen einzig wichtigtuerische Aufrufe und Gegenaufrufe zustande, die sich aber hauptsächlich mit Eigenempörung beschäftigen und nichts bewegen außer heiße Luft. Auch die politischen Eliten äußern sich nicht zu möglichen Alternativen zu den allseits beliebten Begriffen: Aufrüstung, Ringtausch und Waffenlieferungen. Nicht einmal Diskussionen oder Gespräche darüber gibt es. Von alternativen Ideen oder langfristigen Zielen, die über den Krieg hinausgehen, ist noch weniger zu hören. Und wenn, dann interessiert es niemand…

Die Leiterin der Forschungsgruppe Sicherheitspolitik Claudia Major und der Politikwissenschaftler Christian Mölling schrieben dazu:

„Für eine wirkliche Zeitenwende ist neben der Umsetzung dieser Entscheidungen jedoch ein weitreichendes politisches Umdenken notwendig. Auch das hat die Rede des Kanzlers verdeutlicht, kündigte er darin doch umfangreiche Veränderungen in der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik an, ja eine Abkehr von bisherigen Prinzipien.

Dazu gehören Waffenlieferungen an die Ukraine, die Deutschland bis zum Kriegsbeginn abgelehnt hatte, eine möglichst baldige Beendigung der Energieabhängigkeit von Russland sowie die umfangreichen Investitionen in die deutschen Verteidigungsfähigkeiten. Angesichts der Politiklinie früherer Regierungen sind dies beeindruckende Schritte. Dennoch fehlen bislang zwei entscheidende Dinge: zum einen ein Ziel beziehungsweise eine Vision, die eine Richtung definiert.

Wo soll Deutschland 2040 stehen, welchen Beitrag zur Sicherheit will es dann leisten? Zum anderen braucht es zusätzlich eine mentale Zeitenwende: das Ablegen alter Denkmuster und das Einüben neuer Routinen und Kategorien. Die Bundesregierung und die deutsche Bevölkerung müssen zudem anerkennen, dass militärische Macht wieder zu einem zentralen Bestandteil der internationalen Beziehungen geworden ist.

Selbst wenn Deutschland den Einsatz militärischer Mittel ablehnt oder nur in sehr engem Rahmen unterstützt, muss es zur Kenntnis nehmen, dass andere Länder – wie Russland – militärische Macht zur Durchsetzung der eigenen Interessen einsetzen. Daher muss auch Deutschland militärische Mittel mitdenken – nicht um selbst Krieg zu führen, sondern um Bedrohungen abzuwenden. Dieses Umdenken ist schwierig und erfordert eine umfassende gesellschaftliche Debatte.“

C. Major und C. Mölling in der BPB, CC BY-NC-ND 3.0 DE

Was also wirklich fehlt, was einen auch bei der Bundesregierung (bei allem Zeitenwendegeschwafel) ob seiner vollständigen Absenz nahezu verzweifeln lässt, ist ein erkennbares Ziel. In Scholz´scher Diktion heißt dieses maximal: „Putin darf den Krieg nicht gewinnen.“ Ja aber was heißt das denn? Und was denn dann?

Will man aufgrund der gewünschten Ambiguität nicht sagen, man möchte den Gegner im Ungewissen lassen, heißt es dann mantraartig immer wieder. Bei Sanktionen und Waffenlieferung kann man das ja verstehen aber Scholz handelt gefühlt in allen Aspekten so ambig, dass man fast von scholzambig sprechen könnte. Scholzen ist nämlich schon besetzt, es steht seit längerem für ein stetes ausweichen und abperlen lassen.

Aber wo ist die große rote Linie? Wo steuern wir hin? Welche Ziele verfolgen Deutschland und Europa? Wo ist das Ringen um das große Ziel? Wie nämlich Frieden und Wohlstand auf einem für alle lebenswerten Planeten erreicht werden sollen? Von einer Vision wagen wir gar nicht zu sprechen, meinte doch schon der wesentlich ältere SPD-Vorgänger unseres Kanzlers, Helmut Schmidt: „Wer Visionen hat sollte zum Arzt gehen.“.

Aber so bitter es ist, die Krise könnte auch eine Chance sein, wenn man denn ein Ziel vor Augen hätte. Putin seinerseits hat seine Visionen vom Großrussischen Reich mehrfach angekündigt, von seinen ambitionierten Zielen aber noch keines erreicht. Derartige Misserfolge haben in der von ihm immer wieder gerne zitierten 1000-jährigen russischen Geschichte – aber das erwähnt er natürlich nicht – auch schon zu so einigen für Potentaten unerwünschten Folgen geführt. Wie beim im 19. Jahrhundert verlorenen Krimkrieg. Wie die Abdankung des letzten Zaren, die durch die Niederlage im Krieg gegen Japan eingeleitet wurde.

Vom letzten Zaren zum heutigen und (bevor wir uns im letzten Teil dann gänzlich den Lösungen zuwenden) vom Anfang unseres Essays zum Ende dieses Teils. Wie sieht das Drama heute aus?

Mit zunehmender Dauer des Krieges in der Ukraine wird klar, was unsere ehemalige Kanzlerin schon immer gewusst haben wollte. Putin möchte Europa zerstören und die freie Welt vernichten. Hätte sie uns das nicht eher verraten können? Die historische Dimension der Zeitenwende, die Olaf Scholz im Februar proklamiert hatte, bekommt auf jeden Fall mit jeder weiteren Woche mehr Berechtigung. Leider folgen den Worten wenig Taten, die Opposition schimpft, die Koalition streitet und das gesamte politische Deutschland „kreißt wie ein Berg und gebiert nur eine Maus“, während die ärmeren sich schon jetzt überlegen müssen, ob sie heizen oder duschen.

Denn nach dem militärischen Angriffskrieg der ersten Monate, setzt Russland, wie unsere Außenministerin In Berlin offiziell verkündet hat, nun zunehmend hybride Kriegsführung ein. Der bisher nur mit konventionellen Waffen geführte Eroberungsfeldzug wird ständig von vielfältigen nuklearen Drohungen flankiert Erweitert wird er durch einen aus Moskau gesteuerten Erinnerungs- und Informationskrieg um die Deutungshoheit, der auf der ganzen Welt stattfindet. Der brutale Hungerkrieg (Stichwort Weizen als Waffe) hat ebenfalls Auswirkungen auf den gesamten Planeten und könnte zudem massive Flüchtlingsbewegungen auslösen. Und zuletzt der Energie- und Wirtschaftskrieg, der seine Tentakel genauso um den ganzen Globus legt, besonders aber in Europa zu größten Verwerfungen führen und bspw. das deutsche Wohlstandsmodell (mit billigem Gas durch deutsche Ingenieurskunst Exportware zu generieren) zum implodieren bringen könnte. Der Ukrainekrieg hat sich zu einem hybriden totalen Krieg ausgeweitet, der nicht nur die Ukraine und Europa betrifft, sondern eine globale Zeitenwende einleiten könnte.

Was aber gibt es Neues von unseren Protagonisten aus Teil 1?

Fast alle Abbildungen in diesem Essay sind von Wladimir Putin und allein sein Name wird knapp 200-mal erwähnt. Jetzt reichts, irgendwann muss mal gut sein. Lieber noch ein paar Worte zu seinem Vorvorgänger, der den Krieg noch ein halbes Jahr miterlebt hat. Der Wegbereiter der deutschen Wiedervereinigung hat Putins Aussage, die deutsche Einheit wäre an das Verbot der NATO-Osterweiterung geknüpft gewesen, in den letzten sechs Monaten Jahr noch mehrfach widerlegt. Nun ist Michail Gorbatschow im August 2022 im Alter von 91 Jahren verstorben und seine Vision von Glasnost und Perestroika zum Zeitpunkt seines Todes, für Russland so weit weg, wie nie zuvor.

Auch von Selenskyj wurde auf den letzten Seiten so viel geschrieben (obgleich sein Name nur 17-mal auftaucht), dass auch hier mal genug sein darf. Aufsehen erregt in der Presse ohnehin derzeit seine Frau, die Selenska, die sich in der Vogue glamourös inszeniert. Zum Abschied also lieber noch eine Botschaft an seinen Botschafter. Andrij Jaroslawowytsch Melnyk wurde nach sieben Jahren Botschaftertätigkeit aus Deutschland abberufen. Kurz vor Schluss hat er den sächsischen Ministerpräsidenten in die Ukraine ein- und nach dessen Forderung den Krieg einzufrieren, gleich wieder ausgeladen: „Sie sind UNERWÜNSCHT. Punkt!", sagte er zu Kretschmer. Besonders diplomatisch war er noch nie, hatte er doch schon unseren Kanzler eine „beleidigte Leberwurst“ genannt. Wo er Recht hat, hat er recht.

Was aber ist mit unseren anderen Hauptdarstellern? Zusammengefasst lässt sich sagen: Besonders rosig sieht es bei unseren Superhelden der Albright´schen „League of democracies“ nicht aus.

• In den USA wankt GI Joe Biden beim Gehen, ist kurz vor seinem 80. Geburtstag sogar vom Rad gefallen und hat zum wiederholten Male Corona. Sein Immunsystem ist halt auch nicht mehr das Jüngste. Xi „Pingpong“ Jinping warnt ihn bei einem Schwätzchen am Telefon dann auch gleich nicht mit dem Feuer zu spielen: „Wer mit dem Feuer spielt, kommt darin um“, droht er ganz unverhohlen in Bezug auf die Einmischung in Taiwan. Und führte die bisher größten Manöver rund um die „Schöne Insel“ durch.

• In Frankreich hat Emmanuel Mac(a)ron die Mehrheit im Parlament verloren (stärkste Oppositionsfraktion wurde die Partei der „groben Blonden“ Marine Le Pen. Rassemblement National ist eine rechtspopulistische Partei, die vom Kreml finanziert wird) und vermittelt seine Stärke durch Brusthaarfotos.

• In Italien musste das Parlament aufgelöst und Neuwahlen angeordnet werden. Zum ersten Mal könnte sogar eine Frau zur Ministerpräsidentin gewählt werden: Was in diesem Fall ausnahmsweise eine schlechte Nachricht ist, denn Giorgia Meloni werden nicht nur wegen ihrem Namen die besten Chancen auf Super Mario Draghis Nachfolge eingeräumt, sondern weil niemand so rechts ist, wie die Postfaschistin. Und „Papa Franz“ reist statt Moskau nach Kanada, um sich bei der indigenen Bevölkerung für die Gräueltaten der Kirche zu entschuldigen. Auch sehr wichtig. Als Friedenstifter im Krieg konnte er aber noch keinen Punkt verbuchen.

• In Ungarn fällt „Viktator“ Orban mit Nazijargon auf, schert immer weiter aus der europäischen Linie und fährt seine Angriffe eher gegen die EU als gegen den russischen Imperialismus, derweil sein Außenminister sich von seinem russischen Kollegen in Moskau hofieren lässt.

• In Großbritannien versucht Boris Mad Johnson (nach „partygate“ und weiteren Skandalen von seinem eigenen Kabinett geschasst) den Rücktritt so lange hinauszuzögern, dass er seiner Angetrauten noch im Landhaus des Prime Minister das Jawort geben kann.

Schlechte Karten für eine Zeit, in der sich vielleicht das Schicksal unseres Kontinents anhand der Qualitäten unseres Führungspersonals entscheiden könnte. Und bei uns? Ist es auch nicht besser: Christian Gibt-her-nix Lindner schlägt sich mit ähnlichen Hochzeitsproblemen rum wie der englische Premier, nur dass der Skandal bei ihm die Sylter Luxushochzeit mit dem im Privatjet einfliegenden Friedrich Verleih-nix Merz ausgelöst hat und dass er zu seinem „Partygate“ auch noch ein „Porschegate“ hat. Im Gegenteil zu Johnson musste er bisher nicht zurücktreten. Noch nicht. Dass er nun aber die geplante weitere Umschichtung von arm nach reich (z.B. mit der Aufhebung der kalten Progression) auch noch als soziales Projekt bezeichnet, könnte ihn doch irgendwann den Posten kosten.

Unser Kanzler scholzt sich weiter besonnen durch die Krise und überlässt seinem Vize die Bühne, der das gerne ausnutzt und uns auffordert keine Warmduscher zu bleiben. Belohnen will er uns aber dafür nicht, was sich in der Habeck´schen Diktion so anhört: „Wenn jemand sagt, 'Ich helfe nur, wenn ich nochmal 50 Euro kriege' - dann würde ich sagen: 'Die kriegst du nicht, Alter'."  Robert Dusch-warm-nix Habeck selbst will künftig kalt duschen und auch im Bundestag werden die Boiler abgedreht.

Wenn Lobbyisten nun auf die Politik treffen „wäscht eine Hand die andere künftig kalt“. Seit kurzem gehen sogar die Lichter aus, nicht weil man die Stromrechnung nicht mehr bezahlen könnte, sondern auch aus Energiespargründen.

Quelle: unbekannt

Immerhin hat Olaf Erinnert-sich-an-nix Scholz, sein Chef, zumindest eines mitbekommen: Dass die Freiheit Europas tatsächlich hinter den Karpaten verteidigt wird: „Wenn wir Putins Aggression jetzt nichts entgegensetzen, dann könnte er weitermachen. Wir haben das erlebt: 2008 den Einmarsch in Georgien, dann die Annexion der Krim 2014, den Angriff auf den Osten der Ukraine und schließlich, im Februar dieses Jahres, auf das gesamte Land. Putin damit durchkommen zu lassen hieße, dass Gewalt das Recht praktisch folgenlos brechen darf. Dann wären letztlich auch unsere eigene Freiheit und Sicherheit in Gefahr“, sagte er in einem Gastbeitrag bei der FAZ.

Von unserer Außenministerin kann man lernen, dass feministische Außenpolitik keineswegs nur bedeutet sich auch international für die Gleichstellung einzusetzen, sondern viel mehr. Laut Wikipedia bezeichnet Feministische Außenpolitik ein Konzept bzw. ein Prinzip im Rahmen internationaler Außenpolitik, bei dem feministische Sichtweisen zum Maßstab gemacht werden: Der Handlungsrahmen umreißt eine Politik, die Gewalt und Diskriminierung überwinden sowie Geschlechtergerechtigkeit und Menschenrechte verwirklichen will.

Unsere Anna Lena kann da durchaus auch mal baerbockig werden. Als ihr russischer Kollege Lawrow sie mehrfach zum Wodkatrinken aufforderte, konterte sie mit der Erklärung, es hätten ihr ja schon einige gesagt, sie müsse härter und trinkfester werden, sonst werde sie nie eine Spitzenpolitikerin. „Es habe nun ja auch ohne Alkohol geklappt“, teilte sie ihm lapidar mit: „Wenn mittags Wodkatrinken Härtetest ist ... Ich habe zwei Kinder geboren.“ Auch sonst teilt sie ihre Position klarer und deutlicher als so mancher Chefdiplomat mit, was bei ihrem Besuch in der Türkei weniger goutiert wurde. Zur Ukraine hat sie einen eindeutigen Standpunkt: „Die Ukraine verteidigt auch unsere Freiheit, unsere Friedensordnung. Und wir unterstützen sie finanziell und militärisch - und zwar so lange es nötig ist. Punkt.“

Wie sieht aber dann ein möglicher Ausblick aus? Lösungsideen hört man kaum, die meisten gehen davon aus, dass der Krieg noch lange dauert, Jahre vielleicht sogar Jahrzehnte. Und die gesamtheitliche Situation auf der ganzen Welt wirtschaftlich und durch das fehlende Geld (das gilt für Deutschland besonders) vor allem auch ökologisch nicht zum Besseren verändert.

Mark Twain sagte einst:

„Es gibt keinen traurigeren Anblick als einen jungen Pessimisten – mit Ausnahme eines alten Optimisten.“

Doch genau so ein alter Trottel bin ich vielleicht. Denn ich kann einfach nicht anders (vielleicht auch aus reiner Verzweiflung), als in der Krise auch eine große Chance sehen (zu müssen). Für Deutschland. Für Europa. Für die Menschen. Für die Welt und alle ihre Bewohner. Möglicherweise bin ich aber auch nur deswegen so naiv, weil diese verrückte Welt mit all ihren Grausamkeiten anders gar nicht zu ertragen ist. Aber schon Margaret Mead meinte: „Zweifle nie daran, dass eine kleine Gruppe engagierter Menschen die Welt verändern kann.“

Dieser Satz soll das Motto des letzten Teils sein. Weil auch ich davon überzeugt bin, dass ein Schmetterlingsschlag einen Wirbelsturm auslösen kann. Dass ein kleines schwedisches Mädchen (und damit ist nicht Pippi Langstrumpf gemeint) einen großen Beitrag zur Rettung unseres Planeten beiträgt. Auch deswegen folgt nun der für mich persönlich wichtigste Teil mit den Lösungsvorschlägen. Darin wird beleuchtet welche alternativen Handlungsmöglichkeiten wir haben, welche Ideen es noch gibt und auch welche Überraschungen oder vielleicht sogar Wunder passieren könnten.

Ebenso was jeder Einzelne, was wir, die wir uns oft so ohnmächtig in dem Ganzen fühlen, vielleicht beitragen können. Denn es zählt nicht nur jede einzelne Stimme, sondern jeder einzelne Moment.

Dieser Teil schließt mit dem dazu passenden Zitat von Thich Nhat Hanh:

„If we are peaceful,

if we are happy,

we can smile and blossom like a flower,

and everyone in our family, our entire society,

will benefit from our peace.“